Es war denkbar knapp: Mehrfach schwebte förmlich schon die Abrissbirne über dem Bayerischen Hof, einem der markantesten Häuser in der Münnerstädter Altstadt. Was heute kam mehr vorstellbar ist: Nicht weniger als 13 Stadträte und drei Ortssprecher sprachen sich vor 50 Jahren für den Abriss des Hotels Bayerischer Hof aus, der danach um zwei Meter versetzt als Neubau wieder errichtet werden sollte. Münnerstadt war damals „Pioniergemeinde“ bei der Altstadtsanierung.
Das Sanierungsgebiet „Marktplatz Nord“ sollte neu gestaltet werden und der Bayerische Hof, der als Engstelle an der B 19 stand, lag mittendrin. Die Auseinandersetzung führte zu einem regelrechten Leserbrief-Duell in der Münnerstädter Volkszeitung. Am Ende kam man zu dem Schluss: Nicht der Bayerische Hof, sondern der Verkehr muss aus der Innenstadt weichen. Aber das sollte dann doch noch ein Weilchen dauern.
Ein Verkehrshindernis?
Besonders zimperlich gingen die Befürworter und Gegner des Abrisses nicht miteinander um. So seien die Abriss-Gegner eine „lautstarke Minderheit“, behaupteten die Stadträte und Ortssprecher in ihrem Leserbrief. „Der Bayerische Hof ist das gefährlichste Verkehrshindernis in Münnerstadt. Die Verkehrsunfälle an dieser Stelle reißen nicht ab. Für die Verfechter des Erhaltes dieses Verkehrshindernisses kann man nur hoffen, dass das nächste Verkehrsopfer an dieser Stelle nicht sie selbst oder einer ihrer Angehörigen sein möge“, schrieben sie damals.
Um zwei Meter einrücken
Es war von einem Schildbürgerstreich die Rede, wenn man zwar das gesamte umliegende Stadtviertel einreißt, das gefährlichste Hindernis aber als einziges Gebäude erhalten würde. „Unsere Vorfahren wären gewiss schon vor 400 Jahren so vernünftig gewesen, den Bayerischen Hof um zwei Meter einzurücken, wenn sie die heutigen Verkehrsverhältnisse hätten voraussehen können.“ Zudem sei das gelobte Fachwerk eher schlicht. Sogar in den umliegenden Dörfern könne man viel kunstvolleres Fachwerk finden.
Die Unterzeichner des Briefes gaben an, dass es in anderen Städten mit altem Kern auch gelungen sei, Neubauten zu errichten, die sich mit „architektonisch geglückter Außenfassade harmonisch ins Stadtbild einpassen“. Das wird sicherlich heute vielfach anders gesehen.Die Stadträte schlugen schließlich den Abrissgegnern vor, sie mögen in den Bayerischen Hof einziehen und behaupteten, dass sie dann lieber in ihren Neubauten wohnen bleiben würden.
Noch ein Leserbrief
Sechs Tages später meldete sich ein Münnerstädter Bürger ebenfalls per Leserbrief in der Zeitung zu Wort. Er forderte die Verantwortlichen auf, sich lieber um eine Umgehungsstraße zu kümmern. Davor bräuchten die Geschäftsleute keine Angst zu haben, denn die Insassen der vielen Autos, die damals durch den Ort rasten, würden auch keinen Pfennig in Münnerstadt lassen.
Mit Blick auf den Bayerischen Hof führte der Bürger an, dass es noch mehr Hindernisse gebe, beispielsweise am Oberen Tor oder am Juliusspital. „Auch das Jörgentor müsste als Verkehrshindernis umgelegt werden“, schrieb er. Man sollte bei einer so wichtigen Frage wie den Bayerischen Hof Fachleute hinzuziehen.
Deutliche Worte
Am nächsten Tag wurde ein umfangreicher Leserbrief des Stadtheimatpflegers Peter Genth abgedruckt. Er hatte sich bereits in einem Offenen Brief im Februar 1973 für den Erhalt des Bayerischen Hofes eingesetzt und fand deutliche Worte zum Leserbrief der Stadträte sieben Tage zuvor. „Vergangene Woche war in dieser Zeitung ein Artikel zu lesen, der – und dies muss offen ausgesprochen werden – an Unsachlichkeit kaum zu überbieten sein dürfte“, schrieb er.
Er habe immer sachlich argumentiert, so Peter Genth, von 1965 bis 1971 Kunstgeschichte studiert hatte. „Gerade diese Fähigkeit aber, sachlich zu argumentieren, fehlt diesem Schreiben“, meinte er zum Leserbrief der Stadträte. Er warf ihnen vor, die Möglichkeit einer Umgehungsstraße nicht einmal erwähnt zu haben und brachte für jedes der aufgeführten Argumente seine Gegenargumente vor.
„Faule Kompromisse“
Zum Schluss führte Peter Genth Ämter und Behörden ins Feld, die sich neben vielen Münnerstädtern gegen den Abriss und einen „faule Kompromisse“ ausgesprochen hatten. „Bedeutende mittelalterliche Geschichtlichkeit, Möglichkeiten der Finanzierung sowie moderne, menschenbezogene Stadtplanung, dies sind die Komponenten, die in Münnerstadt sinnvoll in Einklang gebracht werden müssen.“ Er hoffte, die Stadträte werden ihre Meinung zum Bayerischen Hof noch einmal überdenken.
taten sie auch. Bei einer Stadtratssitzung im Juni 1973 kam das Gremium zu dem Schluss, dass eine Umgehungsstraße her muss. Erste Planungen hatte es bereits 1955 gegeben. Eingeweiht wurde die Entlastungsstraße dann 1990, also kurz nach der Grenzöffnung. Der Bayerische Hof steht immer noch. Pläne, das Hotel um die beiden Nachbarhäuser zu erweitern, konnten bisher nicht realisiert werden.
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