Seit 31 Jahren ist das Seniorenheim „Sinntal“ in der Ernst-Putz-Straße eine Adresse für Menschen, die in Bad Brückenau ihren Lebensabend verbringen. Kein großes und sehr präsentes Haus, aber eines, das mit ruhiger Lage, einem unverbaubaren Blick in die Sinnaue und Nähe zum Kurpark im Staatsbad punkten kann. Derzeit geht es dort hinter den Kulissen turbulent zu. Denn das „Sinntal“ steckt mitten in einem Insolvenzverfahren. Ausgang ungewiss.
Noch vor kurzem hatte David Brückel, Geschäftsführer der Seniorenheim Brückel GmbH & Co. KG, große Hoffnungen gehegt. Übers Jahr 2022 hinweg liefen vielversprechende Verhandlungen mit einer Gesellschaft aus dem Raum Hamburg. Sie betreibt mehrere Seniorenheime in ganz Deutschland und sollte beim „Sinntal“ in den Betrieb mit einstiegen; es wäre ihr erstes Engagement im Freistatt Bayern gewesen.
Suche nach Kooperation seit Jahren
Dahinter steckte ein Plan, den David und sein Vater Udo Brückel seit Jahren verfolgten. „Ursprünglich war das so gedacht, dass wir noch jemanden mit ins Boot holen. Mein Vater wird in diesem Jahr 70. Und wir suchen nicht erst seit dem vergangenen Jahr.“ Ohne Partner sei es für einen kleinen mittelständischen betrieb in der Pflegebranche schwer.
Udo Brückel hatte das Seniorenheim zwischen 1990 und 1992 an der Ernst-Putz-Straße etabliert. Sohn David stieg später in die Geschäftsführung mit ein; beide führten es fortan gemeinsam.
Potenzieller Partner zieht Angebot zurück
Nach Brückel juniors Aussagen stand eigentlich schon ein Plan für die Übernahme. Doch dann habe der Verhandlungspartner sein Angebot überraschend zurückgezogen. Mit drastischen Folgen für das wirtschaftlich angeschlagene Bad Brückenauer Unternehmen.
Zum 7. Februar veranlasste das Registergericht Schweinfurt das „Insolvenzverfahren über das eigene Vermögen“ der Seniorenheim Brückel GmbH & Co. KG, um dessen Vermögenswerte im Sinne der Gläubiger zu sichern. Es bestellte den Würzburger Anwalt Matthias Reinel zum vorläufigen Insolvenzverwalter.
Arbeitsagentur bezahlt Mitarbeiter drei Monate lang
Dieser verkündet nun auf Nachfrage, dass zum 1. März das eigentliche Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Zuvor habe die Agentur für Arbeit für die Monate Dezember bis Februar die Nettolöhne der im „Sinntal“ Beschäftigten gezahlt.
Reinels Aufgabe als Insolvenzverwalter besteht nun unter anderem darin, Gespräche mit Interessenten zu führen. Das sei auch geschehen. „Es gibt aber keine Ergebnisse; der Ausgang ist völlig offen.“ Die Investitionssumme sei „nicht völlig trivial“ Reinel muss auch „sortieren“, was die Gläubiger der Brückels fordern.
Betrieb bleibt gewährleistet
Dem Würzburger Anwalt ist wichtig zu betonen, dass der Betrieb im „Sinntal“, auch in Absprache mit der Heimaufsicht, weiterläuft. „Die Versorgung der Bewohner bleibt gewährleistet.“
Claus Fussek, „Pflegepapst der Nation“, kennt das „Sinntal“ selbst nicht. Dass ein familiengeführtes kleines Seniorenheim eher in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät, wundert den 70-Jährigen nicht. „Die Pflegebranche ist ein Haifischbecken. Nicht umsonst spricht man von Pflege- oder Gesundheitsmarkt“. Vielfach stehe für Angehörige nicht die Qualität der Pflege, sondern deren Preis im Vordergrund.
Kleine Pflegeheime im Nachteil
Kleine Häuser täten sich ungleich schwerer mit den Marktmechanismen als große Pflegeketten oder Einrichtungen mit kommunalen Trägern, die im Zweifelsfall Defizite ausgleichen. Gestiegene Personal- und Energiekosten, die Corona-Pandemie und Fachkräftemangel würden den Trend verschärfen.
Dass die Seniorenheim Brückel GmbH & Co. KG und mit ihr das Seniorenheim „Sinntal“ in der Insolvenz stecken, dafür nennt Geschäftsführer David Brückel diverse Gründe. Darunter sind drastisch gestiegene Kosten für Energie und Lebensmittel. Die Corona-Pandemie mit Aufnahmestopps für neue Bewohner habe dem Pflegeheim ebenfalls zugesetzt.
Tariftreue-Gesetz als teures Ärgernis
Jüngstes Ärgernis sei das Tariftreu-Gesetz. Demnach müssen Einrichtungen beziehungsweise Träger die Bezahlung ihrer Pflege- und Betreuungskräfte seit 1. September 2022 an den Tarif eines anderen Trägers oder nach gemittelten Tarifen eines Bundeslandes anpassen. „Dadurch sind die Lohnkosten noch mal gestiegen – für bestehende als auch neue Mitarbeiter“, so Brückel.
Ein wirtschaftliches Pflegeheim brauche eine Mindestauslastung von 85 Prozent. Das „Sinntal“ liege im Moment drunter. Brückel freut sich aber, „dass unsere Mitarbeiter dableiben und uns unterstützen, damit wir weitermachen können“. Ihre Gehälter zahle man im März selber. Danach werde man sehen, wie es mit Interessenten weitergeht.
Von-Heß-Stiftung noch auf Kurs
Die Carl-von-Heß-Stiftung betreibt im Landkreis sechs stationäre Pflegeeinrichtungen, darunter das Haus Waldenfels, auch in der Ernst-Putz-Straße. Ein Insolvenzverfahren wegen Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit könne der landkreiseigenen Stiftung auch passieren, so Vorstand Marco Schäfer. Bei einer Abwicklung fiele das verbliebene Vermögen an den Landkreis, aber auch die Schulden. Darüber habe man „Gott sei Dank nicht ernsthaft nachdenken müssen“.
Denn seit 2004 habe man die Landkreis-Kasse nicht belasten müssen; darauf ist Schäfer stolz. Er sieht aber auch, dass es bei massivem Kostendruck „sehr anstrengend wird, das Betriebsergebnis zu halten. Die Luft wird dünner.“ Er glaubt, dass noch einige Pflegeanbieter die Segel streichen müssen.
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