Trotz Kompromissen zwischen Arbeitnehmervertretern und Arbeitgebern schreitet der Stellenabbau in der Industrie voran. Das trifft nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die regionale Wirtschaft. Vertreter des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), der Stadt Schweinfurt, der Agentur für Arbeit sowie der Universität Würzburg äußern sich zu den möglichen Folgen.
Wie viele Stellen werden in den betroffenen Großbetrieben abgebaut?
Schweinfurts größter industrieller Arbeitgeber und Automobilzulieferer ZF, mit ursprünglich 9000 Beschäftigten, will bis Ende 2027 rund 1000 Arbeitsplätze abbauen. Davon 835 in der Elektroantriebssparte und 130 weitere in anderen Abteilungen.
Der Automobil- und Maschinenbauzulieferer Schaeffler, mit rund 5100 Mitarbeitenden am Standort, will bis Ende 2027 rund 590 Stellen streichen. Der Betriebsrat rechnet mit einem Stellenverlust von 700 Beschäftigten. Wie das Schweinfurter Werk langfristig aufgestellt wird, entscheidet sich voraussichtlich Ende des Jahres.
Beim schwedischen Wälzlagerkonzern SKF arbeiten etwa 3600 Menschen, inklusive Altersteilzeitanteil. Ohne Altersteilzeit sind es etwa 3000 Beschäftigte. Betriebsratschef Norbert Völkl befürchtet, dass der Standort bis Ende des Jahrzehnts auf 2000 Mitarbeitende schrumpfen könnte. Bis 2029 gilt für alle Angestellten in Schweinfurt eine Beschäftigungssicherung.
Von den 1300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei Bosch Rexroth werden 153 Stellen bis Ende 2028 abgebaut.
Was bedeutet „sozialverträglicher Arbeitsplatzabbau“?
In allen Unternehmen soll der Arbeitsplatzabbau „sozialverträglich“ ablaufen. Doch was heißt das? Grundsätzlich gibt es zwei Wege, wie Unternehmen Personal reduzieren können, ohne eine Kündigung auszusprechen, erklärt Frank Firsching. Regionalgeschäftsführer des DGB Unterfranken: über freiwillige Maßnahmen wie Altersteilzeitmodelle und vorzeitigen Ruhestand oder freiwillige Auflösungsverträge mit einer Abfindung. „Das ist insofern sozialverträglich, als keine Kündigung ausgesprochen wird.“
Lehnen Sie diese Optionen ab und spricht das Unternehmen aus betrieblichen Gründen Kündigungen aus, greifen andere Regelungen, wie Sozialpläne, bei denen der Betriebsrat beteiligt werden muss.
Inwiefern hilft das negative Folgen abzufedern?
Ein sozialverträglicher Abbau federt in erster Linie die persönliche Situation der betroffenen Mitarbeitenden ab, sagt Firsching. Für die Region und deren Wirtschaftskreislauf fielen diese Arbeitsplätze jedoch weg – sofern diese wie aktuell nicht mehr nachbesetzt werden. „Das heißt, diese Arbeitsplätze bringen keine Wertschöpfung, keine Erträge und daraufhin auch keine Gewerbesteuer“, sagt Firsching. Dazu entfällt der Lohn des Beschäftigten, den er sonst vor Ort für Dienstleistungen, Handwerk oder Handel ausgeben würde.
Gibt es Zahlen, mit denen wirtschaftliche Folgen gemessen werden können?
Nach einer Schätzung von Frank Firsching, brechen bei einem Abbau von 1000 Industriearbeitsplätzen (Facharbeiter ohne Forschung und Entwicklung) mit einem durchschnittlichen Jahresnettolohn von etwa 30.000 Euro der Region bis zu 30 Millionen Euro an Wirtschaftskraft pro Jahr weg.
Amerikanische Studien kommen zu dem Ergebnis, dass regional für einen Industriearbeitsplatz um die 1,5 Jobs in den lokalen Sektoren entstehen können. Allerdings fließen viele Annahmen in diese Studien ein, weshalb sie hohe Schwankungsgrade haben, sagt Professor Michael Pflüger vom Lehrstuhl für VWL und internationale Ökonomik an der Universität Würzburg.
Bei einem Stellenabbau sei es wichtig, die Auswirkungen auf das Nettoeinkommen realistisch einzuschätzen. Alternative Jobs und Einkommensquellen, Veränderungen im Konsumverhalten sowie mögliche Folgen für Löhne, lokale Preise und Abwanderung müssten hierfür einberechnet werden.
„Es gibt keine einfache Daumenregel für solche lokalen Multiplikatoren“, so Pflüger. Für eine Abschätzung der Kaufkraft müssten zudem Löhne in Relation zum lokalen Preisniveau gesetzt werden: „100.000 Euro im Raum Schweinfurt sind etwas anderes als 100.000 Euro im Raum München.“
Laut Mario Fürst von der Agentur für Arbeit Schweinfurt führen weniger gut bezahlte Beschäftigte auch zu geringerer Nachfrage in Handel und Gastronomie. Gehen Beschäftigung und Arbeitszeit stärker zurück, als die Produktivität steigt, sinkt auch die regionale Wertschöpfung.
Warum ist der Wegfall von Produktionsarbeitsplätzen besonders schwerwiegend?
Gesamtwirtschaftlich betrachtet ist es zunächst egal, ob ein Arbeitsplatz vor Ort in der Produktion, Verwaltung oder anderen Bereichen wegfällt, sagt Frank Firsching. Fallen allerdings Stellen in der Produktion weg, hat das laut DGB eine ganze Kette an betroffenen Arbeitsverhältnissen zur Folge. „Der Kern ist, dass bestimmte Produkte nicht mehr hergestellt werden“, so Firsching. Neben der Produktion selbst hingen auch Folgearbeitsplätze, wie Wartung oder Verkauf, daran.
Wie wirkt sich die konjunkturelle Krise der Unternehmen auf die städtischen Finanzen aus?
Die wirtschaftliche Lage vieler Unternehmen belastet weiterhin die städtischen Finanzen. Besonders deutlich zeigt sich das an den sinkenden Gewerbesteuereinnahmen, die von rund 70 Millionen im Jahr 2018 auf etwa 50 Millionen Euro geschmolzen sind.
Auffallend ist, dass trotz der Konjunkturkrise die Einnahmen durch die Einkommensteuer laut Daten der Stadt Schweinfurt gestiegen sind – von rund 26 Millionen im Jahr 2020 auf etwa 32 Millionen Euro im Jahr 2025. Der Grund dafür sind höhere Einkommensteuerzahlungen der Bürgerinnen und Bürger.
Laut Kristina Dietz, stellvertretende Pressesprecherin der Stadt, trug auch der Zuzug durch den neuen Wohnraum auf den Konversionsflächen Yorktown und Bellevue dazu bei. Ebenso steigende Löhne und Gehälter, etwa durch Tarifabschlüsse und die Anhebung des Mindestlohns.
Wie könnte Schweinfurt ökonomisch resilienter werden?
Mario Fürst von der Agentur für Arbeit sagt, die Stadt ist nach wie vor monostrukturell durch die Großindustrie geprägt, wenngleich aufgrund der Demografie mehr Jobs im Gesundheitswesen entstünden. Vor diesem Hintergrund werde jede Neuansiedlung begrüßt. „Weitere Unternehmen bereichern die Region in Form von Wohlstand, sozialer Sicherheit und Stabilität.“
Die Stadt Schweinfurt sieht im Gewerbepark Conn Barracks großes Entwicklungspotenzial. Neben dem Bau einer KI-Gigafactory, wie von Ministerpräsident Söder angekündigt, könnte dort laut Wirtschaftsförderer Markus Holle auch produzierendes Gewerbe angesiedelt werden. Die Politik bemühe sich um neue Unternehmen, bestätigt Fürst. Klar sei allerdings auch: „Die Region Schweinfurt wird mehr brauchen als den Betrieb einer einzelnen KI-Gigafactory, und deren personelle Ausgestaltung bleibt abzuwarten.“












