Was Emily und Manuel Weller zu erzählen haben, passt in kein Bau-Fotoalbum. „Das Haus hat sich schon so oft vor uns verändert“ beschreibt Manuel den Werdegang der letzten drei Jahre, so lange war das Paar mit Hilfe von Eltern, Schwiegereltern, Freunden und Bekannten mit der Sanierung beschäftigt.
„Jede freie Minute“ verbrachten die beiden, die bis Ende vergangenen Jahres noch in der Schweiz lebten, auf dem Bau in Kothen. Ihre Bezeichnungen für das alte Treitz-Haus wechselten von „Glücksgriff“ über „Abenteuer“ und „Überraschungsei“ bis zum „Unikat“.
Von Anfang an waren sie in das Haus verliebt, das sie mit Geschichte und Charme nur so bombardierte und wahrlich „kein 0815-Haus“ war und ist. Ihre Vision wurde nun Wirklichkeit, seit vier Monaten leben sie in ihrem Wunschhaus. Sie waren für alles, was da kommt, bereit … aber nicht immer vorbereitet.
Fünf Lagen Boden
Aus Überzeugung entkernten sie richtig – jede Fachwerkwand wurde von Betonputz komplett freigelegt, um eventuelle Schäden sichtbar zu machen. Gefunden haben sie Schäden, aber auch viel, womit sie nicht gerechnet hatten. Fünf Lagen alten Boden – Linoleum über wurmbefallenen Spanplatten, diese über Parket, Dielenhölzern und schließlich den Lagehölzern - offenbarten so manche Bausünde aus längst vergangenen Zeiten.
Weitere interessante Funde waren in der Schüttung unter dem Küchenboden der Kieferknochen eines Schafes und ein Reichspfennig.
Mit jedem Balken auf Du und Du
Die beiden Kothener sind jetzt wohl mit jedem Balken auf Du und Du. Nach der Entfernung von Putz stellte sich Manuel die Frage: „Was mache ich jetzt damit?“ Zudem ließ sich das Paar auf einige Geschichtsstunden ein: „Wir schauten uns das an … und interessierten uns dafür“.
Mitten in Wänden wurden so alte verputzte Türen gefunden, Rußspuren verrieten den ehemaligen Standort des Ofens, Abwasserrohre in abenteuerlicher Montage und unbekannten Alters verrieten die Bauphilosophie von damals. Natürlich war all dies „eine elendige Arbeit“, gibt der 32-Jährige zu, „aber wie ein Abenteuer. Man stößt auf Sachen, die erlebt man sonst nicht“.
Wenn die Schaufel fliegt
„Wir schauten uns das an… und sind erst mal in uns gegangen“: Eine Musterlösung gab es fast nie. Kreativität war gefragt – nicht nur bei den Bauherren, sondern auch bei den Handwerkern. So manches Telefonat mit dem Zimmermann endete mit: „Ihr mit euren Spezialaufgaben“.
„Die Schaufel flog schon mal durch den Hof“, gesteht der Bauherr, dass die Nerven manchmal blank lagen. „Aber das gehört dazu“. Planänderungen, sofern überhaupt ein Plan vorhanden gewesen war, standen fast auf der Tagesordnung.
Zu- und Abwasserleitungen, die Böden und die Elektrik sind neu, das Erdgeschoss ist außen mit Holzfaserplatten-Dämmung versehen, die Treppe ins Obergeschoss und der Dachgiebel wurde erneuert und trotzdem strahlt das Haus den Zauber von alten Zeiten aus. In den schlicht gehaltenen weiß getünchten Räumen sind die restaurierten Balken in unterschiedlichen Brauntönen fast schon Dekor genug.
Lob von allen Seiten
Emily und Manuel haben ihr Ziel erreicht. Unter all dem Schmutz, allen Lagen an Putz und Fußböden haben sie immer ihre Vision vom individuellen Eigenheim gesehen. Viel Altes wurde bewahrt und mit modernen Elementen zu einem Heim gestaltet. „Das Haus hat den Charme, den wir gesucht haben“, in der Sanierung ist er erhalten geblieben. Manche Freunde gestanden, sie hätten „nicht gedacht, dass es so gut ausgeht“, erzählt Manuel, von anderen kam das fette Lob: „Chic gemacht“.
Auch Bürgermeisterin Katja Habersack kann nicht anders, als den beiden „Respekt!“ für die erfolgreiche Sanierung auszusprechen. „Das, was da war, haben sie genutzt und für ihre Bedürfnisse optimiert“. Mit einer Sanierung habe man einen „intensiveren Bezug“ zum Heim, „ein Neubau kann nie diesen Charakter haben“. Die Gemeinde Motten stehe zu dem Förderprogramm (siehe unten): Die Beseitigung von Leerständen sei ein wichtiges Thema. „Wir wollen unterstützen, wissen aber sehr wohl, dass die zehnprozentige Förderung nicht der entscheidende Grund für eine Sanierung sein kann“. Doch wolle man „Anreize schaffen und die Wertschätzung denen geben, die sanieren“.
Manuel Weller greift dieses Stichwort dankend auf: „Das zeigt, dass die Gemeinde ohne Gegenleistung ihren Obolus dazu gibt“. Die Gegenleistung wären „lebendige Dörfer“, ist Katja Habersack überzeugt. „Jeder beseitigte Leerstand ist ein Gewinn für das Dorf“.
Uwe Schmidt betont, dass die finanzielle Förderung hundertprozentig über die Gemeinde läuft und eine freiwillige Leistung ist. Der Allianzmanager nennt das Kommunale Förderprogramm ein „Leuchtturmprojekt“. Nach kleinen Anlaufschwierigkeiten würde es jetzt gut angenommen. Schmidt wolle Neubau und Sanierung nicht vergleichen, beides müsse für die Bauherren passen. Aber „die Seele des Hauses“ müsse man „suchen und verstehen, um sanieren zu können“. Bei ihrer umfassenden Sanierung hätten Emily und Manuel Weller die Seele ihres Heims „unter fünf Lagen Schmutz und Staub“ gesehen und nicht aus den Augen verloren.
Die Türen fallen zu
Und es gibt wirklich nichts, was bei einem Neubau besser gewesen wäre? „Rechte Winkel“ platzt es geradezu aus Emily heraus. Im Obergeschoss fallen die Türen zu, weil die Wände schief sind, erklärt Manuel. Die Abdeckungen der Elektroleitungen über dem Putz gefallen der 28-Jährigen auch nicht und auf Grund des ungedämmten Dachstuhls „erreichen wir den Dämmungsgrad von einem neuen Haus nie“, so Manuel. Dafür ist das Haus mit seinen etwa 250 Quadratmetern Wohnfläche doppelt so groß wie heutige Häuser – und Platz wollte das Paar haben. Auf dem Hof mit Scheune und Werkstatt mit angrenzender Hauswiese gibt es noch genug Platz für Abenteuer und um Träume zu verwirklichen.
Kommunales Förderprogramm
Das „Kommunale Förderprogramm“ wurde 2017 mit einer für alle acht Gemeinden der Rhönallianz einheitlichen Satzung beschlossen. Sie gilt für alle acht teilnehmenden Gemeinden, also Geroda, Motten, Oberleichtersbach, Riedenberg, Schondra, Wildflecken und Zeitlofs, sowie den Brückenauer Ortsteilen Volkers, Römershag und Wernarz. Die Stadt Bad Brückenau nimmt nicht an dem Förderprogramm teil, da hier das Programm „Stadtumbau West“ zum Tragen kommt. Zum Flyer des Förderprogramms geht es hier.
Laut Allianzmanager Uwe Schmidt wurden in den insgesamt 23 Ortsteilen bislang etwa 40 Architekturberatungen und Förderanträge bewilligt. Die von den Gemeinden ausgezahlte Fördersumme beläuft sich auf circa 225.000 Euro.
In der Gemeinde Motten gingen bislang neun Förderanträge ein. Sechs Antragsteller erhielten den Förderbescheid, deren Sanierungen sind in Arbeit. Drei Haussanierungen sind abgeschlossen.
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