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Handicap
Gehörlos und mitten im Leben
Elmar ist stolz auf seine Tiere – er züchtet Hühner und Wachteln.
Elmar ist stolz auf seine Tiere – er züchtet Hühner und Wachteln. // Monika Schütz
Man hört nichts – dennoch ist die Unterhaltung zwischen Sohn Markus (links) und den Eltern Elmar und Gabriele lebhaft und temperamentvoll.
Man hört nichts – dennoch ist die Unterhaltung zwischen Sohn Markus (links) und den Eltern Elmar und Gabriele lebhaft und temperamentvoll. // Monika Schütz
Es geht fröhlich zu: links Gebärdendolmetscherin Gundula Bordin, daneben Markus Schleicher und sein Vater Elmar
Es geht fröhlich zu: links Gebärdendolmetscherin Gundula Bordin, daneben Markus Schleicher und sein Vater Elmar // Monika Schütz
Gesichtsmimik, Mundbild und mit den Händen geformte Gesten: Die lautlose Unterhaltung zwischen den Eheleuten Elmar und Gabriele Schleicher ist genauso schnell, wie bei nicht gehörlosen Paaren.
Gesichtsmimik, Mundbild und mit den Händen geformte Gesten: Die lautlose Unterhaltung zwischen den Eheleuten Elmar und Gabriele Schleicher ist genauso schnell, wie bei nicht gehörlosen Paaren. // Monika Schütz
Elmar: „Wann stehst du morgen früh auf?“
Elmar: „Wann stehst du morgen früh auf?“ // Monika Schütz
Elmar: „Ich stehe um vier Uhr auf.“  Gabriele: „Ich stehe um sechs Uhr auf.“
Elmar: „Ich stehe um vier Uhr auf.“ Gabriele: „Ich stehe um sechs Uhr auf.“ // Monika Schütz
Gabriele: „Ich muss morgen noch nicht so bald aufstehen.“
Gabriele: „Ich muss morgen noch nicht so bald aufstehen.“ // Monika Schütz
Signet des Fränkischen Tags von Monika Schütz
Mitwitz – Elmar und Gabriele Schleicher sind ganz normale berufstätige Menschen – aber vieles ist nicht selbstverständlich.

Eigentlich ein ganz normales Interview an einem lauen Sommerabend. Mischlingshund Benno schnuppert neugierig an der Journalistentasche, die Katzen dösen gemütlich vor sich hin. Gut gelaunt sitzt Familie Schleicher im Esszimmer ihres Anwesens am Tisch  – und wartet auf die Dolmetscherin. Elmar und Gabriele Schleicher sind gehörlos. Untereinander reden sie mit Hilfe der Gebärdensprache. Kommuniziert wird dabei mit der Gestik beider Hände, Gesichtsmimik und dem Mundbild von lautlos gesprochenen Wörtern.

Wenn  – wie an diesem Abend – Besuch kommt oder Behördengänge zu erledigen sind, helfen die Söhne Stefan und Markus beim „Übersetzen“. Die beiden jungen Männer sind hörend. „Wir konnten als Kleinkinder das Reden ja nicht von den Eltern lernen, da war es gut, dass die Oma mit im Haus lebte“, erzählt Stefan, der jüngere Sohn. Er und sein Bruder sind sozusagen zweisprachig aufgewachsen.

Nun ist auch Gundula Bordin eingetroffen, die Dolmetscherin. Auch sie hat gehörlose Eltern. Familie Schleicher kennt sie schon seit vielen Jahren, man ist gut befreundet und per „Du“. Das ist allerdings nicht ungewöhnlich, erklärt Gundula Bordin, in der Gebärdensprache gäbe es kein „Sie“.

Rund 80 000 Menschen in Deutschland seien gehörlos, in Bayern etwa 15 000. Die zu früheren Zeiten manchmal verwendete Bezeichnung „taubstumm“ sei allerdings nicht nur falsch, sondern auch diskriminierend, betont sie. Gehörlose in Deutschland seien eine Minderheitengesellschaft. Es habe viele Anstrengungen über Jahrzehnte gedauert, bis die Gebärdensprache gesetzlich anerkannt wurde. Was in vielen europäischen Ländern und in den USA schon lange Standard sei, stecke hier im Land unbegreiflicherweise noch in den Kinderschuhen. „Nun ist die Gebärdensprache anerkannt, aber keine offizielle Amtssprache“, fügt Gundula Bordin an.

Auatsusch mit Betroffenen

Da meldet sich auch Gabriele Schleicher zu Wort. Die gelernte Zahntechnikerin und ihr Mann sind oft mit dem Zug unterwegs, besuchen Freunde oder fahren zu Treffen und zum Austausch mit anderen Gehörlosen. Gabriele ist nicht glücklich darüber, dass zum Beispiel alle wichtigen Informationen für Zugreisende nur als Lautsprecherdurchsage bekanntgegeben werden. Warum gibt es in den Zügen keine Anzeigetafeln, die über einen Fahrplanwechsel, andere Ankunfts- oder Umsteigezeiten informieren, fragt sie mit Gesten und Gebärden. Gundula Bordin übersetzt. Weiß aber auch keine Antwort.

Ehemann Elmar meldet sich. Er berichtet von den Schwierigkeiten, die das Paar  – und nicht nur sie – wegen der Maskenpflicht habe. Sie seien darauf angewiesen, neben den Bewegungen der Finger, Hände, Körperhaltung und der Gesichtsmimik des Gegenüber auch in den Lippen des Ansprechpartners zu „lesen“. Mit der Pflicht, FFP-2-Masken oder auch jede andere Maske zum Schutz gegen den Covid-19-Virus zu tragen, ist den gehörlosen Mitmenschen eine wesentliche Möglichkeit zum Kommunizieren genommen worden.

Beim Kegeln kennengelernt

Elmar Schleicher ist ein fröhlicher Mensch. Er arbeitet in der Firma Zellner Metall in Kaltenbrunn. Der 59-Jährige hat meist einen langen Tag. „Früh stehe ich um vier Uhr auf“, gebärdet er, „nach der Arbeit kommen die Hobbys dran“. Er züchtet Hühner und Wachteln, fährt mit seinem Elektrofahrrad schon mal rund 30 Kilometer nach Coburg und wieder zurück.

Seine gleichaltrige Frau Gabriele arbeitet als Zahntechnikerin in Coburg. Kennengelernt haben sich die beiden vor 36 Jahren bei einem Kegelsportfest in Schweinfurt. Der Gehörlosenverein hatte das damals organisiert: Der damalige Fußballer Elmar und die einstige Schwimmerin Gabriele sind seitdem zusammen.

Da hatten beide freilich schon anstrengende Zeiten hinter sich: der Besuch der Gehörlosenschule in Bamberg (Elmar) und in Würzburg (Gabriele), das Erlernen der Gebärdensprache und ihre Ausbildungen. Nach der Hochzeit kamen die Kinder Markus (35) und Stefan (31) zur Welt, die Großmutter wohnte da noch mit im ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesen, sie „sprach“ mit den Kindern.

Nun wohnen die Schleichers noch mit dem älteren Sohn unter einem Dach, Hund Benno ist treuer Gefährte und wachsamer Aufpasser. Das Wohnhaus ist mittlerweile so eingerichtet, dass sie gut zurechtkommen. Die Türglocke überträgt das Signal nicht als Klingeln, sondern als Lichtsignal.

Auch der Wecker funktioniert so, gebärdet Gabriele, und schmunzelt, als Sohn Stefan sie daran erinnert, wie sie mal ordentlich verschlafen hatten. Im TV bevorzugen die beiden Sendungen, die mit Untertiteln versehen sind oder verfolgen wichtige Ereignisse auf dem Kanal „Phoenix“. Ein wichtiger Helfer ist auch das Handy: Doch nicht zum Telefonieren nützen es die Elmar und Gabriele, sondern zum „Anruf mit Bild“: So können sie den Angerufenen sehen und sich mit ihm in Gebärdensprache unterhalten. Manchmal bräuchten beide dennoch Zettel und Stift.

Kleiner Lichtblick

Bei den Einkäufen gibt es keine Probleme, eher mal beim Umtausch einer Ware oder bei einem Arztbesuch. Ein kleiner Lichtblick sei am Horizont, erklärt Dolmetscherin Gundula Bordin (sie dolmetscht in beide Richtungen für gehörlose und hörende Personen): In Deutschland ist spätestens seit 2002 mit Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes und der Kommunikationshilfenverordnung der Anspruch gehörloser Menschen auf Gebärdensprachdolmetscher (insbesondere bei Behörden, Polizei und Gericht, aber auch am Arbeitsplatz) gesetzlich geregelt.

Freude auch bei Elmar Schleicher: Stolz zeigt er seine kleine Hühnerschar und die frisch geschlüpften Küken. Auch wenn er das Piepsen der kleinen Kerlchen nicht hören kann, ist er ein fürsorglicher Tierhalter.

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