0
Azubi-Rallye in Bad Kissingen
Autounfall, Drogen-Randale: Einsätze wie im echten Leben
Azubi-Rallye 2026 in Bad KissingenAzubi-Rallye 2026 in Bad Kissingen
Von links: Marie Nüchter (21) und Julian Hellerberg (28) bei einem der vier simulierten Fallbeispiele. // Jürgen Wittrin
Azubi-Rallye 2026 in Bad KissingenAzubi-Rallye 2026 in Bad Kissingen
Die Feuerwehr bricht die Fenster auf. // Jürgen Wittrin
Bad Kissingen – Nachwuchssanitäter auf die Probe gestellt: Bevor Julian Hellerberg Noteinsätze leiten darf, müssen er und sein Team üben. Sein Fazit: „Theorie und Praxis sind zwei ganz verschiedene Sachen.“
Artikel anhören

Es ist ein fordernder Tag für die Nachwuchssanitäter des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) – auch für Julian Hellerberg (28). Für gewöhnlich fährt der Azubi als dritte Person neben erfahrenen Kollegen im Rettungswagen (RTW) mit, doch dieses Mal ist alles anders. 

Tag der Herausforderungen

Denn für Julian Hellerberg ist es eine Premiere: Er wird zum ersten Mal eigenverantwortlich einen Einsatz als Notfallsanitäter leiten – und das ohne Hilfe. Am Morgen hatte seine Azubi-Kollegin Marie Nüchter (21) diese Rolle inne – jeder darf oder, eher gesagt, muss mal.

Es ist das dritte Mal an diesem Tag, dass Hellerberg ausrücken muss. Bereits seit dem frühen Morgen sind der 28-Jährige und Marie Nüchter unterwegs – die Mittagspause war eher kurz. 

Azubi-Rallye 2026Azubi-Rallye 2026 in Bad Kissingen
Die Mittagspause ist schon wieder vorbei und die Teams machen sich auf zu den nächsten Fallbeispielen. // Jürgen Wittrin

Beide befinden sich bald am Ende ihrer dreijährigen Ausbildung zum Notfallsanitäter und sollen jetzt unter Beweis stellen, was sie bisher gelernt haben. Viele Einsatzarten sind Julian Hellerberg nicht fremd – die Frequenz und Intensität hingegen schon. 

Sie werden dabei aber nicht komplett ins kalte Wasser geworfen, denn: Die Einsätze sind Teil der zweiten Azubi-Rallye des BRK. Im Hintergrund werden die Azubis von Tina Windberg (58) begleitet – sie ist Julian Hellerbergs direkte Ausbilderin und eine von mehreren Beobachterinnen und Beobachtern, die die Leistung der Nachwuchssanitäter bewertet. 

Das momentane Stresslevel bei Julian Hellerberg hält sich bisher in Grenzen. „Der Stress setzt dann erst vor Ort ein“, sagt er. Bei der ersten Rallye unterstützte der 28-Jährige die Azubis aus dem dritten Lehrjahr – heute ist er selbst an der Reihe. „Es ist cool, jetzt die Führung zu haben, aber damals hatte ich noch nicht so viel Erfahrung. Man versteht jetzt fachlich viel mehr. Ich bin richtig motiviert, mich auszuprobieren“, sagt er.

Ungewisser Einsatz

Über Funk wird das Duo von der eigens eingerichteten Leitstelle alarmiert: Ein Autounfall mit mindestens einem verletzten Menschen – Schauplatz des Schauspiels ist der Hof der Feuerwehr. Vor Ort befindet sich bereits ein Feuerwehrmitglied, das einen ersten Überblick gibt. Das Fahrzeug ist mit Tempo 60 gegen ein Hindernis geprallt. Alle, die hier sind, sind freiwillig da – wie auch die Frau, die nun die eingeklemmte Fahrerin spielt. Ihr Körper ist vermeintlich so unglücklich im Auto verkeilt, dass die Türen nicht geöffnet werden können. Die Kollegen von der Feuerwehr sind bereits alarmiert. Es soll an diesem Tag auch um die Kooperation mit anderen Einsatzkräften gehen.

Julian Hellerberg verschafft sich einen ersten Überblick über den Zustand der Frau, als zeitgleich die Feuerwehr an der Einsatzstelle eintrifft. Nach einer kurzen Abstimmung wird zügig entschieden, die Scheiben auf der Fahrerseite aufzubrechen. Auf diesem Weg können die Helfer die Türen öffnen und mit einer Erstuntersuchung der Patientin beginnen.

Dabei versucht der 28-Jährige, einen möglichst kühlen Kopf zu bewahren. „Ich habe so was noch nie gemacht, in der Schule lernt man so was nicht“, sagt er später. Zwar bekäme man einiges an theoretischem Wissen, aber vieles kann man in der Praxis nicht umsetzen – improvisieren und abweichen wird somit zum Credo.

Azubi-Rallye 2026Azubi-Rallye 2026 in Bad Kissingen
Eine Notärztin kommt am Unfallort an und bespricht sich mit Julian Hellerberg (28). // Jürgen Wittrin

Da die Frau starke Schmerzen hat und eine Wirbelsäulenverletzung nicht ausgeschlossen werden kann, wird eine Notärztin hinzugezogen. Um die Halswirbelsäule der Patientin derweil zu stabilisieren, fixiert ein Feuerwehrmann von hinten ihren Kopf. Sobald die Notärztin ankommt, erklärt Julian Hellerberg ihr, was er bisher untersuchen und herausfinden konnte. 

 „Das Dach muss weg“

Die Einsatzkräfte sind sich einig: Die Frau muss schnellstmöglich aus dem Fahrzeug befreit werden. Um das zu bewerkstelligen, muss das Dach des Wagens entfernt werden. Mithilfe einer hydraulischen Schere werden die Seiten aufgeschnitten, während am Dach zwei Seile befestigt werden, um es später herunterziehen zu können. Zum Schutz bekommt die Patientin einen Helm und eine Atemmaske.

Azubi-Rallye 2026 in Bad KissingenAzubi-Rallye 2026 in Bad Kissingen
Die Feuerwehr schneidet mit einer Hydraulischen Rettungsschere das Dach ab. // Jürgen Wittrin
Azubi-Rallye 2026 in Bad KissingenAzubi-Rallye 2026 in Bad Kissingen
Das Dach wird seitlich mit einem vorher angebrachten Seil runtergezogen. // Jürgen Wittrin

Nachdem das Dach und die seitliche Fahrertür entfernt werden konnten, holen die Helfer die Patientin aus dem Fahrzeug. Zu diesem Zweck benutzen die Einsatzkräfte ein sogenanntes Spineboard, das zwischen die Frau und den Sitz geschoben wird. So kann sie, ohne dass der Rücken bewegt werden muss, aus dem Auto gezogen werden.

Azubi-Rallye 2026 in Bad KissingenAzubi-Rallye 2026 in Bad Kissingen
Die verletzte Frau wird auf ein sogenanntes Spineboard gezogen. // Jürgen Wittrin

Kurz darauf liegt die Patientin auf der Fahrtrage und wird in den Rettungswagen gebracht – der Transport führt direkt in ein "echtes" Krankenhaus. Dort bekommt Julian Hellerberg die Gelegenheit, die Patientenübergabe an das Ärzteteam zu trainieren. Nach Abschluss der Übergabe gibt es noch einmal eine kurze Feedbackrunde. Das persönliche Fazit des Azubis: „Theorie und Praxis sind zwei ganz verschiedene Sachen.“

Einsatz bei der Polizei

Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht – der nächste Einsatz ruft. Dieses Mal geht es zur Polizei: Ein Mann um die 30 wurde auf der Straße aufgegriffen und liegt bewusstlos in der Zelle, die aus organisatorischen Gründen von der Turnhalle ersetzt wurde. 

Azubi-Rallye 2026 in Bad KissingenAzubi-Rallye 2026 in Bad Kissingen
Julian Hellerberg (28) mit der medizinischen Notfallversorgung eines bewusstlosen Mannes, der offenbar Drogen genommen hat. // Jürgen Wittrin

Der Patient ist nicht ansprechbar und hat Nadeleinstiche am Körper – Verdacht auf Drogenmissbrauch. Wie zuvor wird zur Untersuchung auch hier die Notärztin hinzugeholt. Nach einiger Zeit kommt der Mann langsam wieder zu Bewusstsein. Er ist irritiert, weiß nicht, wo er ist oder wer die ganzen Menschen um ihn herum sind. Schnell schlägt seine Irritation in Gewalt um und er versucht, die medizinischen Mittel wie die Infusionsnadel zu entfernen. 

Gewalt kam bei Julian Hellerbergs bisherigen Einsätzen nicht oft vor, dennoch wirkt er fokussiert und gefasst – obwohl sich der Darsteller (wie alle anderen auch) wirklich ins Zeug legt. Der Azubi versucht noch, den Zugang zu sichern, bevor er sich aus Eigenschutz zurückzieht und die Polizei übernehmen lässt. „Eigenschutz geht immer vor“, sagt er.

Wie im echten Leben: Handschellen für den Randalierer

Die Beamten können den Mann am Boden fixieren und legen ihm aus Sicherungsgründen Handschellen an. Im Anschluss setzen sie den Patienten auf, der sich langsam wieder beruhigt und kooperiert. Daraufhin können auch die Handschellen wieder entfernt werden, und der Mann wird für den Transport ins Krankenhaus vorbereitet. Nach der Übergabe an die Ärzte im Krankenhaus gibt es noch einmal eine gemeinsame Nachbesprechung.

Azubi-Rallye 2026 in Bad KissingenAzubi-Rallye 2026 in Bad Kissingen
Nachdem der Mann aufgewacht ist, beginnt er, aggressiv zu werden. // Jürgen Wittrin

Es war der letzte Einsatz des Tages. Für alle Beteiligten war es ein anstrengender, aber auch erfolgreicher Tag. Julian Hellerbergs Fazit: „Es schlaucht zwar, aber ich gehe mit einem positiven Gefühl nach Hause. Ich denke, ich kann sehr viel mitnehmen – auch aus den Gesprächen.“ Bevor es aber in den wohlverdienten Feierabend geht, setzen sich noch einmal alle zusammen, um bei Schnitzel und Kartoffelsalat den Tag ausklingen zu lassen.

Azubirallye des BRK in Bad Kissingen

Erklärung:

Die Azubi-Rallye wurde 2025 ins Leben gerufen. Niclas Göpfert, stellvertretender Ansprechpartner für die Auszubildenden beim BRK Bad Kissingen, brachte die Idee von einem Praxisleiterlehrgang mit. 

Die angehenden Einsatzkräfte sollen den Arbeitsalltag in seiner vollen Intensität erleben. Ein zentraler Bestandteil dieser Simulation ist es, die professionelle Kommunikation und Kooperation mit Partnern wie der Polizei oder der Feuerwehr unter realitätsnahen Bedingungen zu trainieren.

Inhalt teilen
  • kopiert!