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Boxen als Therapie
Schlag um Schlag gegen psychische Erkrankungen
Franziska Retting während der Boxtherapie (nachgestellt)
Franziska Retting während der Boxtherapie (nachgestellt) // Anna Müller (Name von der Redaktion geändert)
Bad Kissingen – Boxen gegen die inneren Kämpfe: In der Hemeraklinik Bad Kissingen wird aus Kampfsport Therapie. Wie der Sport helfen kann.

Franziska Rettings Arbeitskleidung sind ein graues T-Shirt und eine Sporthose. Nur das Namensschild verrät, dass sie nicht auf dem Weg ins Fitnessstudio ist, sondern ihrer Arbeit nachgeht: Sie ist Sporttherapeutin. In der Turnhalle der Hemeraklinik in Bad Kissingen leitet sie mit ihren Patienten und Patientinnen an. 

Therapeutisches Boxen kann bei Angststörungen, Trauma und Depressionen helfen. Die Übungen sollen dabei unterstützen, Grenzen setzen zu können oder wieder ein Bewusstsein für den eigenen Körper zu entwickeln. Es ist ein relativ neuer Ansatz. Die Idee, Boxen mit Psychotherapie zu verbinden, hat sich aus der Arbeit mit Traumapatienten entwickelt. 

Von Asien nach Bad Kissingen

Franziska Retting hat eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht und Sportwissenschaften studiert. Während ihres Auslandssemesters auf Bali (Indonesien) lernte sie Muay Thai kennen, eine asiatische Kampfsportart. Nach ihrer Weiterbildung zur Boxtherapeutin arbeitete sie mit den Ärzten und Psychologinnen der Klinik ihr Trainingskonzept aus. 

Franziska Retting während der Boxtherapie (nachgestellt)
Franziska Retting während der Boxtherapie (nachgestellt) // Anna Müller (Name von der Redaktion geändert)

„Alle Patienten legen mit mir vor der ersten Einheit ein Ziel fest. Etwas, das sie aktiv üben möchten“, sagt Retting. Nach jeder Übung fragt sie die Patienten nach ihrem Gefühl: Ist dir das leichtgefallen oder schwer? Wie fühlt sich das in deinem Körper an? 

„Es ist oft so, dass die Patienten in den Übungen mit etwas kämpfen, das ihnen auch im Alltag schwerfällt. Dann sprechen wir darüber, was die Boxübungen mit dem persönlichen Thema zu tun haben könnten und wiederholen die Bewegungen noch einmal“, sagt Retting. Wichtig ist, dass die Patientinnen die Zusammenhänge selbst erkennen und ihre Erkenntnisse in andere Lebenssituationen mitnehmen können. 

Mit geschlossenen Augen

Patientin Anna Müller (Name von der Redaktion geändert) sitzt in einem gestreiften Shirt mit in der Turnhalle. Die 20-Jährige ist schon eine Weile in der Klinik für psychische Erkrankungen. Seit kurzem steht auch Boxen auf ihrem Therapieplan.

„Ich stecke immer sehr in meinem Kopf fest. Als Frau Retting mich das erste Mal gefragt hat, was mein Ziel für die Boxeinheiten ist, war ich sehr unschlüssig. Inzwischen üben wir daran, dass ich lerne, Grenzen zu setzen und auf meinen eigenen Körper zu hören.“

Der Doppelendball hängt in einer Ecke der Tunhalle wie eine schwarz-rote Boje, mit Seilen an der Decke und am Boden befestigt. Wer dagegen boxt, bekommt die eigene Bewegung und Intensität gespiegelt. Eine nützliche Unterstützung für Retting, die ihre Patienten mit geschlossenen Augen gegen den Ball boxen lässt. Müller hilft diese Übung. „Wenn ich die Augen schließe, weiß ich nicht, was mich erwartet. Wie fest und wann ich boxe, muss ich intuitiv entscheiden. Dabei merke ich, dass ich meinem Körper vertrauen kann. Es hat mir geholfen zu merken, dass überhaupt nichts Schlimmes passiert.“

Der Doppelendball schwingt in den Winkel zurück, in dem er angestoßen wird.
Der Doppelendball schwingt in den Winkel zurück, in dem er angestoßen wird. // Franziska Retting

Spannung abbauen

Therapeutisches Boxen hilft, sich auf den eigenen Körper zu fokussieren und die inneren Gedanken zur Ruhe zu bringen. Damit lassen sich innere Anspannungen und Blockaden lösen. 

„Es geht beim therapeutischen Boxen nicht darum, gegen jemanden zu kämpfen oder Boxen als Sport zu lernen, sondern die Therapie zu unterstützen. Es kommt nicht auf das wilde Drauflosschlagen an, vielmehr müssen sich die Patienten konzentrieren und fokussieren. Wut auszuleben ist wichtig, aber im richtigen Maß. Es ist eine Strategie, um mit starken Emotionen funktionaler umzugehen“, erklärt Retting.

Hintergrund

Seit den frühen  2000er-Jahren entwickelte sich therapeutisches Boxen als eigenständiger Ansatz. Seit etwa 2010 war körperorientierte Therapie stärker im wissenschaftlichen Fokus. Heute ist therapeutisches Boxen als ergänzende Methode bekannt, es gibt immer mehr Kliniken und Praxen, die therapeutisches Boxen zu unterschiedlichen Zwecken anbieten.

Hinweis: Sie leiden unter Depressionen, Angststörungen oder unter den Folgen von Trauma? Eine erste Anlaufstelle kann der Patientenservice 116 117 sein, er vermittelt Arzttermine und Therapeuten. Auch die Krisendienste Bayern sind unter der Rufnummer 0800/655 3000 rund um die Uhr erreichbar.

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