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Selbsthilfegruppe Bad Bocklet
Tipps, Unterstützung, Gemeinschaft: ADHS-Frauen unter sich
Wie Kirmes im Kopf - ADHS bei Erwachsenen
Wie Kirmes im Kopf - ADHS bei Erwachsenen. // Fabian Strauch/dpa
Bad Bocklet – Frauen mit ADHS treffen sich in der Hescuro-Klinik. Hier können sie loslassen, von schlaflosen Nächten und quälenden To-do-Listen erzählen. Viele haben bis zur Diagnose eine Odyssee hinter sich.

Natürlich kommt eine zu spät, schließlich ist das ja sogar symptomatisch. Denn eins verbindet alle 14 Frauen bei diesem Treffen in der Bad Bockleter Hescuro-Klinik: Es ist die Diagnose AD(H)S, sprich Aufmerksamkeitsdefizitstörung, ob mit Hyperaktivität oder ohne. Braucht es tatsächlich eine extra Selbsthilfegruppe nur für Frauen? Ja, wie ein Besuch bei einem Treffen zeigt.

Symptome sind bei Frauen subtiler

Denn: Frauen unterscheiden sich von ADHS-betroffenen Männern. So sind ihre Symptome oft subtiler, und dementsprechend später werden die betroffenen Frauen unter „ADHS“ kategorisiert und behandelt.

Viele der Frauen in einem Raum in der Hescuro-Klinik  – von Anfang 20 bis ins Großmutteralter – sind medikamentös eingestellt und haben oft eine Odyssee hinter sich. Sie wurden auf Angststörungen behandelt, auf Depressionen, sind oft bald verrückt geworden, weil sie sich nicht organisieren können.

Medikamente können helfen - ADHS bei Erwachsenen
Medikamente können bei ADHS helfen. // picture alliance / dpa

Vergessene Termine, Planungsschwierigkeiten und Störung der Emotionsregulierung dürfte bei Männern und Frauen gleich sein, allerdings fällt bei Frauen oft die Hyperaktivität weg – sie äußert sich weniger im Zappeln, in der Rastlosigkeit, sondern eher durch massive innere Unruhe und Hypersensibilität.

Oft gibt es vorher Fehldiagnosen

Langsam nur rücken die Frauen ins Ziel der Diagnostik, Internetseiten wie adhd-women.eu/de sind Augenöffner für Betroffene. Dort heißt es beispielsweise: „Diese Frauen erhalten eine Diagnose oft erst bei einem Burnout oder wenn sie analysieren müssen, warum sie so schlecht mit Stress umgehen. Selbst dann gibt es noch eine große Anzahl von Frauen, die wegen Angstzuständen und Depressionen, Ess- und / oder Schlafstörungen, Sucht usw. behandelt werden, ohne dass ihre Ärzte bemerken, dass die zugrunde liegende Ursache ihrer Schwierigkeiten eine ADHS ist.“

Auch wenn an diesem Abend viele Neue dabei sind: Es zeigt sich, dass auch die innerhalb kurzer Zeit Vertrauen zur Gruppe fassen und merken: Ich bin eine von euch – hier kann ich loslassen, hier kann ich erzählen, was mich bedrückt.

„Ich schlafe höchstens vier Stunden pro Nacht“

So wie Angela (Name geändert). Die sportlich-schlanke Frau musste wohl noch nie in ihrem Leben eine Diät machen – ihr innerer Taktgeber hält sie auf Trab. „Ich schlafe höchsten vier Stunden pro Nacht, sobald ich aufstehe, arbeite ich meine To-do-Liste ab.“ Dass sie kürzlich einen Familienurlaub abbrechen wollte, weil zuhause noch der Flur gestrichen werden muss, bringt die anderen zum Schmunzeln, „kennen wir“.

Scheitern am Schreibtisch - ADHS bei Erwachsenen
Drei Hauptsymptome gibt es bei ADHS: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. (Symbolbild) // Sven Hoppe/dpa

Eine Frau gibt Angela einen Tipp, den sich viele notieren: Statt einer to-do-Liste solle sie doch eine „Ta-Taaa!“-Liste anlegen – eben eine, die die Erfolge festhält. Man meint, das ein oder andere Licht über den Köpfen der Betroffenen aufgehen zu sehen.

In manchen Situationen scheint es drunter und drüber zu gehen in diesem bunt gemischten Stuhlkreis. Dafür sind Nadine Nöcker (43) und Marcella Reichel (48) da. Die beiden haben die Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen, beide sind auch Betroffene.

Drei ihrer fünf Kinder haben auch ADHS

Ruhig und strukturiert holen sie die lebhaft diskutierenden Frauen wieder zurück zum Thema. Marcella Reichel erzählt aus ihrem Leben und davon, dass drei ihrer fünf Kinder ebenfalls von ADHS betroffen sind. Andere Mütter nicken, wenn sie erzählt, dass eins der Kinder immer nur drei Stunden am Tag geschlafen hat.

Eine Vorlage für eine Frau, neu in der Runde, die bislang sehr ruhig den Gesprächen gelauscht hat. Sie ist auf dem Weg Richtung 70, ADHS-lerin und erzählt von ihrer Tochter. Die hatte sie fast an die Krankheit verloren, sie war nicht fähig, ihr Leben, wie man so schön sagt, auf die Reihe zu kriegen. Die Erleichterung, dass sich das momentan ändere, ist ihr anzusehen.

Berührende Erzählungen aus dem Alltag der Betroffenen

Einige Frauen sind tief berührt von ihren Erzählungen, sie nicken wissend, die Diagnose ADHS hat schon den ein oder anderen Lebensentwurf zunichtegemacht. Weil der Ehemann beispielsweise nicht versteht, dass man die innere Unruhe nicht abstellen kann; dass vergessene Termine kein Ausdruck von Arroganz sind; weil ADHS auch mit Kauf- oder Alkoholsucht einhergehen kann.

„Und dabei“, sagt eine, „wollen wir doch immer 150 Prozent abliefern“, die Runde nickt. Jede kennt es, dass sie ihre Familien überfordern, weil sie die Erwartung haben, dass schließlich jeder mit derselben hohen Umdrehungszahl durch den Alltag rast.

Viele werden medikamentös behandelt

 Nicht alle, aber viele hier werden medikamentös behandelt. Den anderen genügte ein Selbsttest um zu sagen: Ja, das bin ich. Viele von ihnen haben in der Schule gelitten, galten als die, die sich nicht konzentrieren konnten.

Deshalb ist eine junge Frau nun auch so froh, dass sie ihr Studium geschafft hat – mit Unterstützung ihrer Mutter. ADHSler können sich sehr wohl konzentrieren, das nennt man dann Hyperfixation. Sie sind in der Lage, beispielsweise acht Stunden am Tag zu stricken – und das drei Wochen lang, ohne Unterbrechung. Ist das „erledigt“, rückt etwas anderes in den Mittelpunkt.

„Es ist ein bisschen Seelenreinigung hier“

Was alle brauchen: einen strukturierten Alltag. Und in dieser Gruppe geben sie sich beispielsweise dazu wertvolle Tipps. „Es ist ein bisschen Seelenreinigung hier“, sagt eine nach dem Treffen.

Jeden ersten Donnerstag im Monat treffen sich die Frauen in der Hescuro-Klinik in Bad Bocklet. „Wir sind sehr glücklich und dankbar für diese Möglichkeit und die Unterstützung, die uns der Ärztliche Direktor Prof. Dr. Dr. Niels Bergemann gibt“, sagt Nadine Nöcker (43). Die Runde hat an diesem Abend viel gelacht und teilweise auch sehr bedrückende Situationen mit den anderen geteilt. Der Abend schließt mit einem kurzen Statement jeder einzelnen. Es ist herauszuhören, wie wohl sie sich unter anderen Betroffenen gefühlt haben. „Ich bin das erste Mal da“, sagt eine, „es hat mir so gutgetan – ich komme wieder.“

Die Frauen machen einander Mut

Auf dem Plan für eines der nächsten Treffen steht „Meditation“, eine Möglichkeit für die ADHS-Frauen, von ihrem inneren Laufband herunterzukommen. Für viele ist das in diesem Moment noch nicht vorstellbar. Doch die, die damit eine Methode gefunden haben, den inneren Kritiker („Du musst mehr machen, du musst das noch schaffen, es genügt noch nicht“) mundtot zu machen, versprechen: Es klappt. Und sie machen damit den Frauen wieder Mut.

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