Immer weniger Ärzte, volle Notaufnahmen, dazu KI: Ärzte in Bayern warnen vor folgenreichen Fehlentwicklungen. Ihr Präsident sieht auch Patienten in der Pflicht. Es brauche neue Formen der Steuerung und in erster Linie neues Bewusstsein, sagt Allgemeinmediziner Dr. Gerald Quitterer: „Die Menschen müssen für ihre Gesundheit selbst Verantwortung übernehmen“, betonte der Präsident der Bayerischen Landesärztekammer beim Bayerischen Ärztinnen- und Ärztetag in Bad Kissingen. Im Interview spricht der 69-jährige Mediziner aus dem niederbayerischen Eggenfelden über Patienten, die zu schnell zum Arzt gehen, fehlende Wertschätzung und die Gefahr, dass künftig ein Avatar im Behandlungsraum steht.
Gesundheitssystem stark überlastet
Dem Gesundheitssystem geht das Geld aus, die Kassen klagen über zu hohe Kosten. Gehen die Deutschen zu viel und zu schnell zum Arzt?
Quitterer: Die Deutschen sind mit 9,6 Arztbesuchen pro Jahr sehr weit oben in Europa, hinzu kommt die starke Beanspruchung der Notaufnahmen. Durch diese Belastung kommen die Ressourcen im Gesundheitswesen an ihre Grenzen. Wir brauchen neue Formen der Steuerung und in erster Linie brauchen wir ein neues Bewusstsein: Die Menschen müssen für ihre Gesundheit selbst mehr Verantwortung übernehmen. Dazu gehört gesunde Ernährung, Bewegung, weniger Tabak- und Alkoholkonsum. So können wir Krankheiten vorbeugen und Belastungen auf das Gesundheitswesen reduzieren.
Das stimmt sicher, aber wie wollen Sie das schaffen?
Quitterer: Indem wir nicht nur versuchen, das Verhalten der Menschen zu ändern – sondern indem wir die Verhältnisse ändern.
Was heißt das?
Quitterer: In anderen Ländern zeigt sich: Mit einer Zuckersteuer zum Beispiel werden weniger gesüßte Lebensmittel konsumiert. In der Folge gehen damit verbundene Erkrankungen wie etwa chronische Herzerkrankungen zurück. Die Krankheitslast in der Bevölkerung nimmt ab und das Gesundheitswesen wird weniger in Anspruch genommen. Nur: Ohne Änderung der Verhältnisse werden wir keine Verhaltensänderung der Menschen erreichen.
Niederlassung auf dem Land muss attraktiver werden
Verfolgt man die Hilferufe aus der Ärzteschaft, liegt die hohe Belastung aber nicht am ungesunden Lebensstil vieler Menschen, sondern vor allem am fehlenden Nachwuchs. Was muss politisch passieren, um die ärztliche Versorgung zu sichern?
Quitterer: Der Zugang zum Medizinstudium muss reformiert werden. Die Landarztquote in Bayern ist ein Teil dieser Reformen, was ich sehr begrüße. Darüber hinaus muss man die Rahmenbedingungen anpassen und die Niederlassung für junge Ärztinnen und Ärzte wieder attraktiv machen, auch finanziell.
Bayern hat dafür diverse Förderprogramme auf den Weg gebracht. Bringt das nichts?
Quitterer: Es braucht mehr – und vor allem braucht es mehr Anerkennung des Arztberufes. Wenn heute gemeldet wird, dass Apothekerinnen und Apotheker Vorsorgeuntersuchungen anbieten sollen, um die Ärzteschaft zu entlasten, ist das nicht der richtige Weg.
Warum nicht?
Quitterer: Diese Untersuchungen gehören in die Arztpraxen und nicht in die Apotheken. Die ärztliche Profession muss den Arzt-Patienten-Kontakt in ihrer Hand behalten. Denn wenn bei einer Vorsorgeuntersuchung ein Krankheitsverdacht aufkommt, liegt es in der ärztlichen Verantwortung, die Diagnose zu stellen und die Erkrankung zu behandeln. Diese Verantwortung können nur wir Ärztinnen und Ärzte übernehmen, kein anderer Berufsstand. Die Wertschätzung dafür fehlt mir seitens der Politik, manchmal auch seitens der Krankenkassen.
Der Nachwuchs fehle, die Wertschätzung ebenfalls
Wie soll die Entlastung dann aussehen?
Quitterer: Wir brauchen Entlastung dort, wo Patientinnen und Patienten, die ärztliche Kompetenz zu häufig oder zu leichtfertig in Anspruch nehmen. Oft erleben wir, dass Patienten das Gefühl haben, sie brauchen sofort einen Termin beim Arzt, obwohl das medizinisch nicht notwendig ist. Und wenn sie den Termin nicht bekommen, sitzen sie abends in der Notaufnahme. Die Gesundheitskompetenz der Menschen grundlegend zu fördern, das wäre eine sinnvolle Entlastung. Wichtig ist: Die Neugestaltung der Patientenversorgung muss mit uns Ärzten abgesprochen sein und nicht am grünen Tisch entschieden werden.
Bundesweit fehlen 5000 Hausärzte, in Bayern sind rund 470 Hausarztsitze unbesetzt, gerade in ländlichen Regionen. Ist man als Patient auf dem Land künftig abgehängt?
Quitterer: Das glaube ich nicht. In Unterfranken haben wir momentan keine hausärztliche Unterversorgung, in manchen haus- und fachärztlichen Bereichen droht allerdings eine Unterversorgung. Das liegt auch daran, dass die Ärzteschaft älter wird und der oder die ein oder andere wird vielleicht keinen Nachfolger finden. Wie die Versorgung in fünf oder zehn Jahren aussieht, hängt davon ab, ob eine sinnvolle Patientensteuerung gelingt und wir die Prävention verbessern.
Genau das will Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach mit einem Masterplan Prävention: weniger Reparaturmedizin, mehr Gesunderhaltung. Der Begriff Prävention allerdings schreckt wahrscheinlich viele Menschen ab.
Quitterer: Ja, weil es anstrengend ist. Prävention heißt, nicht hier sitzen und jammern, sondern rausgehen, sich bewegen, selbst etwas tun.
Wie wollen Sie Menschen da mitnehmen?
Quitterer: Indem wir es vorleben, indem wir aufs Rad steigen oder ins Fitnesscenter gehen oder im Wald joggen. Es muss gesellschaftlich cool werden, dass man sich bewegt, dass man nicht raucht, dass man nicht den ganzen Tag vor dem Handy sitzt.
KI-Beratung statt Sprechstunde?
Wäre es nicht einfacher, die Ärzteschaft mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) zu entlasten?
Quitterer: Sicher gibt es die Möglichkeit, die Ärzteschaft durch Künstliche Intelligenz zu entlasten – nicht aber zu ersetzen. Es kann nicht sein, dass irgendwann ein Avatar als Arzt im Behandlungsraum steht.
In Frankreich gibt es bereits Hightech-Container, in denen Patienten Zugang zu Messgeräten bekommen und per Video vom Arzt untersucht werden. Ist das auch in Bayern denkbar?
Quitterer: Aus meiner Sicht ist das nicht der richtige Weg. Stellen wir uns einmal vor, ich steige in eine solche „medical box“, lasse Blutdruck messen und dann stellt ein weit entfernter Arzt per Telemedizin eine Verdachtsdiagnose und verschreibt ein Medikament, das ich per Versandapotheke bestelle. So kann mir weder der Arzt noch der Apotheker einen Rat geben, ob dieses Medikament gegebenenfalls zu meinen anderen Medikamenten passt. Niemand behandelt mich weiter. Ich halte das für eine fragwürdige Entwicklung, die den Patienten nicht dient.
Das heißt, Sie sehen KI skeptisch?
Quitterer: Ich bin skeptisch, wenn KI mich als Arzt im Arzt-Patienten-Kontakt und in der gemeinsamen Therapiefindung ersetzt. Dass sie mich im ärztlichen Alltag unterstützt, ist sinnvoll. In der Terminvergabe passiert das bereits, auch bei der Diagnosefindung. Da sehe ich dann keine Gefahr, wenn wir wissen, welcher Algorithmus hinter der KI steckt. Es ist wichtig, dass wir abschätzen können, ob stimmt, was die KI sagt. Das Wissen des Arztes, seine wissenschaftliche Ausbildung, muss das Fundament im Arzt-Patienten-Kontakt und in der Behandlung bleiben. Es wäre fatal, wenn mich die KI zu einer falschen Diagnose bringen würde.















