Als Weltkulturerbe ist die Stadt Bad Kissingen stolz auf ihren internationalen Ruf. Dass dieser nicht von allein kam, belegen die Straßennamen im Zentrum. Namen wie Boxberger, Balling und Dapper sind nicht einfach nur Adressen. Sie sind Denkmäler für die Mediziner, die das Heilwasser und die Kurmethoden erst berühmt machten. Zusammen mit den Stadtarchitekten wie Balthasar Neumann und Max Littmann bilden sie das historische Rückgrat der Stadt.
Schatten der Vergangenheit
Doch nicht jeder Name ist heute noch unumstritten. In den Jahren 2016 bis 2020 untersuchte eine Straßennamenskommission 120 Straßen in Würzburg. Die Untersuchung erregte über die Grenzen der Stadt hinaus große Aufmerksamkeit.
Dabei ging es um jene Straßen, deren Namenspaten möglicherweise eine problematische Rolle während der NS-Zeit hatten. Für einige empfahl die Kommission eine Kontextualisierung in Form von ausführlichen Informationen in elektronischen Medien und entsprechenden Hinweisen am Straßenschild.
Dazu zählte auch die Richard-Strauß-Straße im Kissinger Musikerviertel. Der Komponist und Dirigent war von 1933 bis 1935 Präsident der Reichsmusikkammer. In diesem Rahmen richtete er immer wieder lobende Grußworte an NS-Größen und dirigierte bei NS-Veranstaltungen. Im Jahr 1935 fiel er jedoch in Ungnade, als die Gestapo einen Brief an den jüdischen Autor Stefan Zweig abfing.
Visionär oder Nazi-Profiteur
In neun Fällen empfahl die Kommission, die Straßen umzubenennen. Eine davon ist die Nikolaus-Fey-Straße in Albertshausen. Der Heimatdichter Fey steht wegen seiner antisemitischen Schriften und seiner Nähe zur NS-Ideologie in der Kritik. In einigen fränkischen Städten wurden Konsequenzen gezogen – in Bad Kissingen hängen die Schilder noch.
Carl Diem, nach dem eine Straße in Reiterswiesen benannt ist, ist ebenfalls ein Streitfall. Diem war der Hauptorganisator der Olympiade 1936. Er wird von den einen als Visionär des Sports betrachtet, während andere in ihm einen glühenden Militaristen und Nazi-Profiteur sehen. Auch unter Historikern wurde der Fall über Jahrzehnte hinweg immer wieder diskutiert.
Viele Städte haben seine Straßen bereits umbenannt. In Bad Kissingen wurde eine Umbenennung im Jahr 2003 im Stadtrat diskutiert und beschlossen. Nur umgesetzt wurde die Entscheidung nie. Vonseiten der Stadt hieß es, dass man den Anwohnern den mit einer Umbenennung verbundenen Aufwand doch nicht zumuten wollte.
Von Luxusmeilen und Wohnburgen
Ein Blick auf die Geografie der Namen zeigt erkennbare Muster. Die Stadtteile folgen oft einem thematischen Schema: In Winkels geben Komponisten wie Georg Friedrich Händel (Händelstraße) und Amadeus Mozart (Mozartstraße) den Ton an. Garitz ist das Viertel von Wissenschaftlern wie Albert Einstein (Einsteinstraße) und der Natur – Ahorn- bis Ulmenstraße.
Aber auch die sozialen Unterschiede spiegeln sich im Straßennetz wider. Zu den teureren Adressen gehören folgende Straßen:
1. Menzelstraße und Parkstraße
Die Menzelstraße und die Parkstraße gelten als Toplage mit den hohen Bodenrichtwerten. Hier stehen Villen der Gründerzeit und des Jugendstils. Wer hier wohnt, hat den Regentenbau und die Fränkische Saale direkt vor der Haustür. Viele Gebäude stehen unter Denkmalschutz, was sie für Kapitalanleger attraktiv macht.
Als Boulevard bietet sie eine Mischung aus exklusiven Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss und großen, hochpreisigen Wohnungen in den oberen Etagen. Hier trifft Urbaner Luxus auf Denkmalschutz. Dementsprechend hoch sind die Miet- und Eigentumspreise.
Die Kurhausstraße in Bad Kissingen ist die zentrale Achse, die das historische Kurviertel mit dem Rest der Stadt verbindet. Entlang der Straße finden sich mit der Wandelhalle und Brunnenhalle Beispiele der Kissinger Bäderarchitektur.
Diese Straße gilt als eine der vornehmsten Adressen für privates Wohnen in Zentrumsnähe. Sie ist mitunter geprägt durch Hotels mit großen Gartenanteilen.
Abseits des Zentrums Bad Kissingens
Während das Zentrum und die Hanglagen in Bad Kissingen oft durch Reichtum geprägt sind, finden sich in anderen Straßen eine Wohndichte und eher funktionale Bausubstanz.
Entlang der Garitzer Straße und in den angrenzenden Stichstraßen dominieren mehrgeschossige Mietshäuser aus den 60er und 70er Jahren. Hier ist der Anteil an Sozialwohnungen und gefördertem Wohnraum am höchsten.
2. Breslauer und Königsberger Straße
Diese Straßen sind geprägt von einer sehr dichten Bebauung. Im Gegensatz zum idyllischen alten Ortskern von Hausen oder den Villenlagen am Hang, findet sich hier eher preiswerter Wohnraum.
Obwohl sie direkt an das noble Kurviertel grenzt, ist sie eine der stärker befahrenen Straßen der Stadt. Die Wohnungen in den älteren, oft unsanierten Häusern direkt an der Straße gehören zu den günstigsten der Innenstadt.
4. Würzburger Straße und Alte Kissinger Straße
In den stadtauswärts führenden Straßen finden sich neben dem Gewerbegebiet und Tankstellen eher funktionale Unterkünfte. Zudem konzentriert sich dort die Prostitution in Bad Kissingen.
Ungleichgewicht: Wo bleiben die Frauen?
Die Statistik der Straßennamen ist männlich dominiert. Werden Straßen nach realen Personen benannt, fällt die Wahl fast immer auf Männer. In der langen Liste der Stadtwege stehen den über 129 männlichen Namen lediglich eine Handvoll Frauen gegenüber.
Während die Theresienstraße (Königin Therese von Bayern) und die Elisabethstraße (Kaiserin Sissi) den Glanz der Monarchie widerspiegeln, sind moderne Vorbilder rar.
Mit dem Lina-Schonder-Weg ehrt die Stadt eine lokale Größe. Lina Schonder war eine bekannte Dichterin und Autorin, die ihrer Heimatstadt Bad Kissingen literarisch sehr verbunden war. Bekannt ist sie in der Region für ihren Gedichtband „Du schönes Bad Kissingen“, in dem sie die Vorzüge und die Atmosphäre der Kurstadt festhielt.

















