Hölderlin wurde bei der Messe Abenteuer & Allrad wohl noch nie zitiert. Bis zum Sonntag jedenfalls nicht. Bis Reinhold Messner kam. Leibhaftig. Die lebende Bergsteiger-Legende, die man eher nicht erwartet hätte im Blickfeld der vielen hochgerüsteten Vehikel. Aber die Neugier des mittlerweile 78-Jährigen auf alle Facetten von Abenteuer-Lust ist ungebrochen. Beim Promenieren durch das Gelände stellte der Südtiroler immer wieder Fragen an seine Begleiter von der ausrichtenden Firma „Pro-Log“ um Marion Ripberger (Geschäftsleitung), Thomas Schmitt und Miran Percic. „Freiheit ist für mich die Freiheit aufzubrechen, wohin ich will“, sagte also Reinhold Messner in Anlehnung an ein Zitat des deutschen Dichters. Was durchaus als Begründung taugte, warum der frühere Extrembergsteiger zu dieser Offroad-Messe über den Dächern von Bad Kissingen kam.
„Wir hatten uns schon länger um Reinhold Messner bemüht, weil wir finden, dass er als Abenteurer ideal zu unserer Messe passt. In diesem Jahr hat es endlich geklappt, weil wir die richtige Kontaktperson fanden“, sagt Thomas Schmitt. Das nötige Budget für solch einen Gast sieht der Marketing-Leiter gut angelegt, „weil er unserer Veranstaltung enormes Renommee verleiht. Außerdem sind Honorare per se enorm gestiegen in den vergangenen Jahren“.
Der 53-Jährige betont, dass das Honorar für den Südtiroler allein kein Faktor für die Zusage war. „Messners Büro hat genau geprüft, um welche Veranstaltung es sich handelt und ob diese zu seinem Image passt. Sachen dieser Art macht er nicht mehr oft.“
Unlängst noch in Nepal zur Planung einer Museumseröffnung, kam Reinhold Messner mit Ehefrau Diane Schumacher an die Fränkische Saale, wobei die Luxemburgerin im Hotel geblieben war. „Um zu arbeiten“, erklärte Messner, der pünktlich am Messe-Gelände eintraf. „Ich habe nichts anderes erwartet, weil sich Reinhold Messer ja selbst als sehr pünktlichen Menschen bezeichnet“, lacht Thomas Schmitt, der sich akribisch auf das Gespräch mit jenem Menschen vorbereitet hatte, der als Erster auf den Gipfeln aller vierzehn Achttausender des Planeten stand und als Erster den Mount Everest ohne Flaschensauerstoff im Alleingang bestieg. „Ich hatte schnell das Gefühl, dass er sich auf der Bühne wohlfühlt und sich das Interview in die richtige Richtung entwickelt. Und beim Abschied hat er sich für das schöne Gespräch bedankt“, freute sich Thomas Schmitt.
Reinhold Messner bei der Offroad-Messe in Bad Kissingen
75 Minuten beantwortete der Südtiroler, der auf Schloss Juval in seiner Südtiroler Heimat lebt, im voll besetzten Zelt alle Fragen, teils sehr ausgiebig. Und erfüllte hernach auch bereitwillig die vielen Autogramm-Wünsche. „Ich genieße das Leben, weil ich das tue, was ich gern tue. Für mich ist das alles Lebenslust und keine Belastung. Niemand schreibt mir etwas vor. Ich habe mich befreit von allen Zwängen, auch wirtschaftlich“, sagte später der 78-Jährige im persönlichen Gespräch.
Dass Reinhold Messner ein meinungsstarker, stets politischer wie auch philosophischer Mensch mit enormer Bühnen-Präsenz ist, davon konnten sich die Messe-Besucher überzeugen. In seinen Erklärungen wurde der Südtiroler zum Teil sehr leidenschaftlich. Eine sehr kritische Haltung äußerte Messner beispielsweise gegenüber den Vertretern der Letzten Generation oder Fridays for future. „Ich habe mit diesen jungen Leuten ein Problem, die nur andere und nicht sich selbst kritisieren, obwohl sie ein Teil der acht Milliarden Einwohner auf unserem Planeten sind, die Verantwortung zu übernehmen haben. Sich anzukleben ist kein Heldentum.“ Messner propagierte, unter Applaus, den freiwilligen Verzicht auf Konsum, der bereits viele ökologische Probleme lösen und das Leben besser machen würde. „Wir alle besitzen viel zu viel.“
Die Erfahrung ist der politische Kompass
Für die italienischen Grünen hatte der Südtiroler ein Mandat im Europäischen Parlament, doch orientiert sich dessen politischer Kompass eher an eigenen Erfahrungen und keinesfalls an Parteibüchern, was Reinhold Messner immer auch als widersprüchlichen Menschen erscheinen lässt. Deutliche Worte fand der Abenteurer für das heutige Bergsteigen. „Seit 30 Jahren haben wir am Everest einen Massen-Tourismus. Alle 8000er sind banalisiert worden und haben für den echten Höhenbergsteiger ihr Flair verloren. Heute folgen die Bergsteiger einer Piste. Und viele wissen doch gar nicht mehr, wo der Berg ist. Das weiß nur noch der Pilot“, redete sich Messner regelrecht in Rage.
Reflektiert und selbstironisch
Das große Interesse für Kunst und Kulturen sowie diverse Museumsprojekte haben Messner über die Jahrzehnte zu einem reflektierten Menschen gemacht, mit einer sympathischen Note von Selbstironie. „Das, was ich getan habe, ist im Großen und Ganzen völlig unnütz. Ich bin der Eroberer des Nutzlosen. Ich stehe dazu“, sagte Reinhold Messner über sein Vermächtnis als Bergsteiger – aus philosophischer Sicht. All diese Abenteuer überlebt zu haben, sei Glück und Zufall. „Die Natur ist Chaos und viel intelligenter als der Mensch. Intelligenter, als es jede künstliche Intelligenz sein kann. Ich bin aber auch deswegen nicht runtergefallen, weil ich mich vorbereitet habe. Weil mich der Widerstand von meinen Kritikern getragen hat. Weil ich auf mein Bauchgefühl gehört habe, das meist wichtiger als der Verstand ist.“
Die Besucher der Offroad-Messe sieht Reinhold Messner tatsächlich wie Brüder und Schwestern im Geiste, ein bisschen zumindest. Die scheinbare Diskrepanz löst der Superstar der Bergsteiger-Szene mit verblüffender Einfachheit auf: „Bei den Offroad-Fahrten ist das Abenteuer, wenn die Natur mir ein Stück Welt liefert, das ich nicht erwartet hätte. Wenn ich irgendwo stecken bleibe, wo auf hundert Kilometer kein Mensch weit und breit ist und ich selber eine Lösung finden muss, um aus der Misere herauszukommen. Wenn ich diese Art von Abenteuer gemieden habe, dann nur deshalb, weil ich technologisch vollkommen ungeschickt bin, weil ich weder einen Motor noch eine Achse oder etwas anderes flicken könnte.“
Bei der Abenteuer & Allrad einen „Naturpark“ einmal im Jahr für einige Tage zur Verfügung zu stellen für Menschen, die einen anderen Zugang zur Natur haben, und diesen dann sauber und ohne jede Einschränkung zu hinterlassen, hat für Messner einen Wert über den Naturpark hinaus. Auch wenn er sich aufgrund des Alters als „gebeugten, aber nicht gebrochenen Menschen“ bezeichnet, hat der 78-Jährige noch viele Pläne, will in Bälde den „Kailash“, einen heiligen Berg in Tibet, umrunden. „Ich bin ein Einsteiger und kein Aussteiger. Ich blicke nicht zurück, sondern nur nach vorne.“












