Es lag eine spannende Erwartung über dem Max-Littmann-Saal: Sollte der Kissinger Sommer 2023 an diesem Abend, wirklich beginnen? Es steckt ja immer noch ein bisschen Skepsis in den Knochen angesichts der vielen Querschläger durch Corona und Lockdown – obwohl im letzten Jahr ja eigentlich schon wieder Normalbetrieb gewesen war. Aber da überlagern sich halt auch die Erinnerungen.
Aber man sah auch, dass ein großes Bedürfnis nach Musik da war, denn so voll war die Saal bei einem Eröffnungskonzert noch nie. Und die gute Stimmung trug durch das Konzert – nicht zuletzt deshalb, weil Oberbürgermeister Dirk Vogel, Kuratoriumsvorsitzende Dorothee Bär und Intendant Alexander Steinbeis ihre Begrüßung kurz, aber humorvoll und animierend hielten und nicht zum Kartenkauf aufriefen.
Bekannte Stücke und gute Laune
Das Programm dieser Eröffnungs- und Operngala war allerdings auch dazu angetan, gute Laune machen, obwohl es in der Opera seria am Ende doch immer mindestens einen Toten gibt. Das war hier auch nicht anders. Aber sie kamen zumindest nicht vor. Und es war mit sechs Arien, zwei Duetten und drei Instrumentalsätzen eigentlich recht kompakt und auch interessant, und es waren zum Teil sehr bekannte Stücke, sodass man auch Vergleiche zu früheren Darbietungen ziehen konnte.
Die boten sich natürlich auch deshalb an, weil die Akteure des Abends allesamt ihre Kissinger-Sommer-Premiere feierten: Das Orchestra Sinfonica di Milano, nach dem RAI-Orchestra di Milano, das vor einigen Jahren in einer Zusammenlegung aufging, und dem berühmtesten, dem Orchester der Scala, war das dritte Orchester aus Mailand, das im Max-Littmann-Saal seine Visitenkarte abgab. Am Pult stand als Gastdirigent Vincenzo Milletari; die beiden Solisten waren sie Sopranistin Carmela Remigio und der Tenor Freddie di Tommaso – also Italien pur.
Warmes Timbre
Carmela Remigio hinterließ sicher den bleibendsten Eindruck – allein schon deshalb, weil sie, höchst ungewöhnlich für italienische Stimmen, außerordentlich textverständlich sang und damit bewies, dass das durchaus möglich ist. Ihre Stimme ist sehr beweglich, kommt sehr gut in die Tiefe, ist intonations- und koloraturensicher und kann mit einem warmen Timbre eine ziemlich breite Palette von Klangfarben erzeugen. Und sie hat, was man bei italienischen Primadonnen – von deren Gehabe sie so gar nichts hat – nicht erwarten darf, ein gutes Rhythmusgefühl. Oder anders gesagt: sie kann wirklich expressiv gestalten und das auch vermitteln.
Drohenden Tod beweint
Wobei Carmela Remigio die undankbare Aufgabe zufiel, nach Rossinis Buffa-Ouvertüre zu „L’Italiana in Algeri“, nach der jeder dachte, so lustig dürfe und könne es weitergehen mit dem nächsten Rossini, erst einmal die Stimmung auf Null herunterzufahren, indem sie in „Tancredi“ als Amenaide ihr Unglück und Tancredis drohenden Tod beweinte. Aber sie tat das so überzeugend, mit schwankenden Stimmungen und mit sparsamen, aber wirkungsvollen Gesten, dass man ihr das gerne verzieh.
In Bellinis „Casta Diva“, einem echten Prüfstein für Sopranistinnen, gelang es ihr sehr gut, die kollidieren Interessen als Druidenpriesterin und als illegal Liebende zu verdeutlichen und zu einem spannenden Ganzen zu machen. Im „Ave Maria“ gestaltete sie als Desdemona, die ja ahnte, was ihr bevorstand, ihre wachsende Verzweiflung. Ihr „Amen“ klang wie erschüttert-trotzige Ergebung.
Auf laute Stellen gezielt
Als Freddie di Tommaso als Pollione (Norma) mit „Meco all’ altar di venere“ loslegte, musste man schon schmunzeln. Kein Wunder, dass er in Italien so sehr gefeiert wird: Er ist der typische italienische „Tenor Schmetterstahl“, einer, der bevorzugt auf die lauten Stellen zielt oder leise dazu macht, um die Virilität der Stimmbänder zu demonstrieren. Die ist zwar auch bei ihm durchaus beeindruckend (laut – hoch – lang ist immer eine Garantie für Beifall), aber man fragte sich schon, warum er so oft bis kurz vor dem Stimmbandriss brüllen musste. Denn da bleibt nicht nur jeglicher Text auf der Strecke, sondern auch jegliche Emotion, Klangfarbe und klare Konturierung und jedes Mitteilungsbedürfnis.
Auch als Cavaradossi (Tosca) in „Recondita armonia“ beginnt er zwar nur im Mezzoforte, aber kommt recht schnell an die Grenzen der Lautstärke. Aber werum? Cavaradossi ist fast alleine in einer Kirche und vergleicht zwei Bilder. Natürlich ist das kein Gottesdienst, sondern Oper mit ihren eigenen Anforderung. Aber Freddie di Tommaso muss gesangstechnisch doch gar nichts verstecken. Singen kann er ja durchaus. Aber offenbar muss er die Gestaltung durch Gesang ersetzen.
Überraschung in den Duetten
Man war gespannt, wie er sich in den Duetten verhalten würde. Und man war überrascht, dass er im zweiten Teil bei „O figlie, o figlie miei“ Macduffs in Verdis „Macbeth“ wesentlich verhaltener und damit plausibler war.
Ja, die Duette. In Puccinis berühmten Dreierpack mit „Che gelida manina“, Si, mi chiamano Mimi“ und „Soave fanciulla“ merkte man die Unterschiede sehr deutlich. Carmela Remigio gestaltete ihren Wandel vom verschüchterten Mauerblümchen zur selbstbewussten Verliebten. Aber bei Freddy di Tommasos Rodolfo bekam man nicht den Eindruck, dass er für Mimi und an sie hin sang. Dafür stand er auch viel zu statisch da. Bei „Già nella notte densa“ aus Verdis „Otello“, bei dem Otello und Desdemona ja noch Verliebte sind, war der Eindruck ähnlich, was allerdings auch etwas an der spröderen Komposition lag.
Vincenzo Milletari dirigierte
Dass der Genuss mitunter größer hätte sein können, lag an dem Dritten im Bunde: Vincenzo Milletari dirigierte sehr aufmerksam, aber alles eine Spur zu langsam, zu betulich. Bei der eröffnenden Ouvertüre von „L’ Italiana in Algeri“ hätte man das noch für Methode halten können, den Topfdeckel nicht zu früh zu lüften. Aber den Arien bekam das Zögerliche nicht. Vor allem Carmela Remigio hätte eine weniger dienende, nachlaufende Haltung, sondern stärker fordernde, provozierende Haltung des Orchesters verdient.
Das Orchester hätte da sicher mitgezogen. Es bot eine solide Leistung, spielte sehr klar und strukturiert. Aber auch manchmal einfach zu laut und zu schrill. Das kann man in der Arena von Verona machen, wo die Obertöne in die Luft gehen, aber nicht im Max-Littmann-Saal mit seiner gnadenlosen Akustik. Das hätte bei der Generalprobe eigentlich auffallen können.
Es war schön, dass es als Zugabe nicht nur das unvermeidliche „Libiamo“ gab, sondern auch noch mal „Soave fanciulla“. Denn jetzt waren alle locker und frei. Und jetzt war es richtig schön. So kann es weitergehen.
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