Seit 2006 gibt es im Kissinger Sommer eine jedes Jahr stattfindende Veranstaltung, die international beobachtet und genutzt wird, nicht zuletzt, weil es eine solche sonst nirgendwo gibt: die Kissinger Liederwerkstatt. Da werden jedes Jahr sechs Uraufführungen geboten und viele Kompositionen aus dem Kunstliedrepertoire.
In diesem Jahr hatte Werkstattchef Axel Bauni die beiden Sopranistinnen Clara Barbier Serrano und Amanda Becker, den Tenor Michael Pflumm und den Bariton Dietrich Henschel eingeladen. Die beiden Sängerinnen waren zum ersten Mal dabei. Bei dem Pianistenterzett herrschte Konstanz: neben Bauni Steffen Schleiermacher und Jan Philip Schulze. Bei den Komponisten scheinen Manfred Trojahn und Steffen Schleiermacher gesetzt zu sein. Sie sind schon sehr lange dabei. Sarah Nemtzov war vor einigen Jahren schon einmal dabei. Ganz neu waren in diesem Jahr Maximiliano Soto Mayorga, Benjamin Scheuer und Archie John.
Maximiliano Soto Mayorga hatte eine Komposition mit dem Titel „Inmensa celeste herida“ erarbeitet. Sie wirkte ein bisschen übermotiviert. Da hatte er wohl zu viel an Ideen hineinpacken wollen. Er hatte ein spanisches Gedicht von Thomas Cohén ausgewählt und Ausschnitte vertont. Aus dem Programm war zu erfahren: „Cohen definiert das Ich als eine unermessliche, himmlische Wunde (das ist der Titel) – ein Gefühl, das jeder kennt, der einmal einen Nachmittag vor dem Pazifik der zentralchilenischen Küste gesessen hat.“ Dann entwickelte der Komponist ein kompliziertes Zahlensystem, das er am Text entlang mit Tönen füllen musste. Nicht jeder im Saal wusste, wo er jetzt was wie hören sollte. So verlagerte sich die Aufmerksamkeit auf die sorgfältige Klangerzeugung von Dietrich Henschel und Steffen Schleiermacher.
Mystische Begegnung
Ganz anders war das bei Sarah Nemtsov und „Der Engel im Walde“, einer konservativeren Machart, einer mystischen Begegnung, die im Ungewissen endet, zu der das Klavier einen beunruhigten Untergrund lieferte. Hier ließen sich Text und Musik in eine differenzierte Beziehung setzen (Amanda Becker, Axel Bauni).
Manfred Trojahn hatte einen fünfteiligen Zyklus „Lieder einer Insel“ nach Texten von Ingeborg Bachmann komponiert. Endzeitliche Gedanken werden von einer Musik getragen von melancholischer Nachdenklichkeit bis zu hektischen Irritationen (Clara Barbier Serrano, Jan Philip Schulze).
Der Engländer Archie John hatte „THIRST“ beigesteuert, eine Sammlung von „Trinkliedern“, die auf einer Vielzahl unterschiedlicher Texte aus dem 20. und 21. Jahrhundert basiert. Jedes Lied, so der Komponist, „untersucht, wie das Trinken als Metapher dienen kann – für Liebe, Hass, Religion, Tod und so weiter. Mein Ziel war es, die gegensätzlichen Themen in diesen Texten hervorzuheben, um eine musikalische Welt zu schaffen, in der gewalttätige und treibende Energie Zärtlichkeit und Schönheit gegenübersteht, wobei sich beide gegenseitig verstärken und bereichern.“ Das ist ihm erstaunlich gut gelungen. Man konnte den Kater hören, das übervorsichtige Gehen, die verblendete Euphorie, das hämmernde Kopfweh (Clara Barbier Serrano, Dietrich Henschel, Axel Bauni).
Steffen Schleiermacher hatte einen eigenen Weg gewählt und in seiner Collage das Wort „stehen“ auf Möglichkeiten zu Koppelwörtern, Kofferwörtern, kurzen Äußerungen (alles außer „Stillgestanden!“) gesammelt und war vielseitig fündig geworden. Für ihn beginnt Musik bei der Sprache – wie 2025, als er die Stationsnamen der Berliner Ring-S-Bahn vertonte. So gab er den Begriffen jeweils eine andere Note, die die Fantasie steuerte – nicht nur eine überraschungsreiche Musik, sondern auch eine tolle Wortakrobatik.
Und schließlich Benjamin Scheuer mit „Abend-Lieder“, einem sechsteiliger Zyklus verschiedener Autoren, der musikalisch und handwerklich gut gemacht ist. Amanda Becker und Jan Philip Schulze hatten gut zu tun, etwa bei dem geheimnisvollen Einstieg von „Non dormía“ bei dem sie ein kompliziertes Buchstabieren liefern mussten. Aber: Das Gedicht „Enivrez vous“ von Charles Baudelaire ist ein Aufruf zum Sich-Berauschen mit Alkohol, Pülverchen, aber auch mit Poesie. Das Gedicht ist in der Welt. Aber muss man den Schmarrn heutzutage noch vertonen – auch wenn man’s kann?
Von Schumann bis Ravel
Das „Rahmenprogramm der Kissinger Liederwerkstatt hatte es in sich. Axel Bauni hatte , abseits des gängigen Repertoires spannende Ausgrabungen gemacht, die die beiden Konzerte auch ohne Uraufführungen spannend gemacht hätten: etwa Robert Schumanns „Mein Herz ist schwer“ aus den „Hebräischen Gesängen“, Robert Kahns „S’ist ein so stiller Tag“, Erwin Schulhoffs „Langsam wandle ich dahin“ und „Lass mich, da ich glauben will“ oder Paul Dessaus „Kaffeeholer raus – Ein ernstes Soldatenlied“ – nicht raus aus der Stube, sondern aus dem Schützengraben.
Das zweite Konzert war französisch aromatisiert mit Francis Poulencs „Les gars qui vont à la Fête“, Maurice Ravels „Chanson à boire“ und, dazu passend, Robert Schumanns „Auf das Trinkglas eines verstorbenen Freundes“. Zum Schluss gab’s die Collage mit allen Beteiligten und Liedern aus Operetten, Schlagern und „Happy Birthday“.









