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Theaterring
Dichterclub neu vertont
Dichterclub
Reinhardt Repke (von links), Markus Runzheimer und Hans-Werner Meyer begeisterten das Publikum im Bad Kissinger Theater mit Galgenliedern mit Texten von Christian Morgenstern. // Thomas Ahnert
Bad Kissingen – Der Theaterring hatte zum Start einen exquisiten Hörgenuss mit Morgensterns Gedichten parat.

Der markante Titel „Der Club der toten Dichter“ ist auch in Deutschland bekannt geworden, als 1990 der Film „Dead Poets Society“ des Amerikaners Peter Weir hierzulande in die Kinos kam.

Das Drehbuch von Tom Schulman, das 1989 sogar den Oscar erhielt, erzählt die Geschichte des jungen Lehrers John Keating, der die Schüler mit seiner unkonventionellen und leidenschaftlichen Art für Literatur begeistern und lebensfähig machen will und katastrophal an der Gesellschaft scheitert.

2005 inspirierte der Film den Musiker Reinhardt Repke, der 30 Jahre Bassist der Band „Rockhaus“ war, einen eigenen „Club der toten Dichter“ zu gründen, für den er bisher weniger bekannte oder unkonventionelle Gedichte von Heine, Busch, Rilke, Schiller und Bukowski vertonte. Rund 100 Gedichte sind es bisher geworden.

Geheimgesellschaft

Sein neuestes Œuvre, das er mit seinen Kollegen Hans-Werner Meyer (Gesang, Violine) und Markus Runzheimer (Bass, Perkussion, Gesang) realisiert hat, sind die „Galgenlieder“ mit Texten von Christian Morgenstern, mit dem er den neuen Kissinger Theaterring eröffnet hat.

Schon der Titel ist eine kleine Geschichte für sich. 1895 wanderte Morgenstern mit sieben Berliner Freunden von Werder an der Havel hinauf auf den Galgenberg. Aus einer weinseligen Laune heraus beschlossen die acht Männer, sich fortan „Galgenbrüder“ zu nennen und eine parodistische Geheimgesellschaft zu gründen.

Druck der Öffentlichkeit

Morgenstern lieferte dazu ein paar skurrile Gedichte. Und er dichtete Weiter, als sich die Freunde in der Folgezeit in den Berliner Destillen trafen. Er wurde mit ihnen zum Begründer der deutschen Nonsense-Poesie. Eigentlich hatte der Dichter seine Texte nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen. Aber sie sprachen sich herum, und so beugte er sich 1905 dem Druck der leselustigen Öffentlichkeit.

Es wäre wirklich schade gewesen, wenn er das nicht getan hätte. Das wurde ziemlich schnell deutlich durch die Auswahl der Texte, die Reinhart Repke vertont und ausgewählt hatte. Denn er zeigt nicht nur Morgensterns virtuosen Umgang mit der Sprache, die durch den Zwang zum Reimen enorm gewonnen hat, die mitunter zu grotesken Ergebnissen führte wie am Schluss des berühmten „Der Lattenzaun“ („War einmal ein Lattenzaun, / mit Zwischenraum, hindurchzuschaun“): Der Architekt entnimmt die Zwischenräume, um daraus ein unerwünschtes Haus zu bauen. Die Konsequenz: „Der Architekt jedoch entfloh / nach Afri- od- Ameriko.“ Da ist Morgenstern ganz sein eigener Schüler. Denn in dem Gedicht „Das ästhetische Wiesel“ erklärt das Mondkalb, warum das Wiesel in einem Bach auf einem Kiesel sitzt: „Das raffinier-/ te Tier /tat’s um des Reimes willen.“

Nonsens ganz tiefgründig

Und es wird auch deutlich, dass Nonsense nicht nur platt, sondern auch außerordentlich tiefgründig und enttabuisierend sein kann. Alltägliches wird zerpflückt, ironisiert und zu einem philosophischen Schluss gebracht. Das reicht von „Der Werwolf“, der sich vom Lehrer deklinieren lässt: „Werwolf, Wessenwolf, Wemwolf, Wenwolf“ und aus allen Wolken fällt, als er erfahren muss, dass es ihn im Plural nicht gibt. Denn „wer“ ist nun mal nur Singular. Und das geht bis „Das geht an dich“, eine dreistrophige hochemotionale Anleitung zu einem sinnvollen Leben: „Das geht an dich und mich und jeden: / Mehr sein, weniger reden, /weniger sagen, fragen, klagen, / mehr die Wärme nach innen schlagen.“

Morgenstern hat in seinem Vorwort zur Erstausgabe der „Galgenlieder“ 1905 – also hinterher – seine Ästhetische und thematische Offenheit und Lockerheit begründet: Der Galgenbruder, der auf dem Schindkarren zum Galgen hinaufgefahren wird, schaut anders auf die Welt.

Die Perspektive vom Galgenberg herab eine ganz besondere. Er stehe für die „skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten und Entmaterialisierten“, denn er habe nichts mehr zu verlieren. Er sei ein Wesen „zwischen Mensch und Universum“. Er kann sich einen „Galgenhumor“ leisten.

Schnörkellos, lakonisch

Hans-Werner Meyer hatte genau den richtigen Zugang zu den Vertonungen gefunden. Er sang schnörkellos, lakonisch, rückte sich selbst in den Hintergrund – und vor allem: Er sang nicht nur in den Sprechgesangsphasen ausgesprochen deutlich und textverständlich (das galt auch für seine Kollegen als gelegentlicher Background).

Der Hörer konnte ausgezeichnet eintauchen in die Inhalte und wurde gleichzeitig neugierig gemacht auf die nächste Zeile. Da war ein intensives Hören gefordert.

Das Problem dabei war die Musik von Reinhardt Repke. Der hatte es geschafft, mit einem gewissen Hang zum Minimalistischen und gleichzeitig viel Klangfantasie fabelhafte Vertonungen zu schaffen.

Das Instrumentarium war deutlich perkussiv ausgerichtet – neben den Gitarren Schlaginstrumente von der Maultrommel und dem Triangel bis zum sparsam bestückten Schlagzeug.

Verblüffende Klangeffekte

Damit erzeugte er zum Teil ganz verblüffende Klangeffekte, die für sich schon neugierig machten, aber auch immer in spannenden Beziehungen zu den Texten standen. Und so bot er den Hörern neben den Texten einen zweiten Fokus auf die Musik. Da musste man aufpassen, dass nichts zu kurz kam, und besonders intensiv zuhören. Eine echte Herausforderung!

Beim Schlussapplaus stand das Publikum. Und man verließ das Theater bestens gelaunt und unterhalten, mit einem leichten, nicht unangenehmen Muskelkater im Hirn – und mit dem festen Vorsatz, gleich morgen mal wieder den Morgenstern-Band aus dem Regal zu holen.

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