Bis zu 60.000 Menschen wurden zu Opfern der Hexenverfolgung in Europa. Auf Einladung von Dr. Raymund Müller, Organisator der Veranstaltungsreihe „Kultur im Reservoir“, und der Volkshochschule Bad Kissingen-Hammelburg, beschrieb der Historiker Dr. Kai Lehmann (54), Direktor der Museen im Zweckverband Kultur des Landkreises Schmalkalden-Meiningen, in seinem Vortrag anhand konkreter Beispiele die Ursachen des Hexenwahns in früher Neuzeit und den Einfluss erster Massenmedien. Auch wies er nach, dass der Hexenwahn keineswegs Geschichte ist, sondern es noch heute Hexenjagden gibt.
Konkrete Fälle ausgewertet
„Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert fegte ein Tsumani der Hexenverfolgung über das christliche Europa und insbesondere über Deutschland“, heißt es in Lehmanns neuem Buch „Hexen vor Gericht! Krisen, Angst und Massenmedien vor 1800“. Diese faszinierende Auswertung einer von ihm und Kollegen in mehreren Jahren angelegten Datenbank konkreter Fälle aus historischen Prozessakten gleicht der „Anatomie einer medial inszenierten Massenhysterie“ und liefert zugleich ein „Sittenbild der menschlichen Gedanken- und Gefühlswelt“ in der Frühen Neuzeit.
„Die Opfer der Shoa haben sich in unserem kollektiven Gedächtnis fest verankert. Aber was haben wir aus der Hexengeschichte gemacht?“, fragte Lehmann und gab selbst die Antwort: „Bibi Blocksberg und die Walpurgisnacht.“ Obwohl die Hexenprozesse nach dem Holocaust „eine der schlimmsten von Menschenhand angerichteten Katastrophen der europäischen Geschichte“ waren, wurden sie in Folge veralbert und gehören zum Bedauern des Historikers in keinem deutschen Bundesland zum schulischen Lehrplan.
An einer Vielzahl nachweisbarer Fälle aus zwei Jahrhunderten machte der Historiker das Ausmaß des sich europaweit verbreiteten Schreckens deutlich. „Das Heilige Römische Reich deutscher Nationen war mit mindestens 25.000 Opfern das Zentrum damaliger Hexenverfolgung.“ Bei solchen Zahlen handelt es sich nach Aussage des Experten aber „immer nur um den Bodensatz“. Die tatsächliche Gesamtzahl der wegen Hexerei zu Tode gefolterten oder hingerichteten Opfer ist viel höher. Denn Akten über Hexenprozesse gingen nicht nur allein durch Feuer oder Kriegsschäden verloren, sondern wurden schon in der anschließenden Zeit der Aufklärung „aus Scham“ gezielt vernichtet.
Nicht nur Frauen waren Opfer der Hexenverfolgung. Etwa 20 Prozent waren Männer, räumte der Experte mit einem gängigen Klischee auf. Opfer waren auch nicht überwiegend Heilerinnen und Hebammen. Deren Zahl lag bei maximal einem Prozent. Auch war nicht die christliche Kirche schuld am Hexenwahn. „Hexerei wurde als ein reales Verbrechen wie Mord oder Diebstahl von der weltlichen Gerichtsbarkeit abgeurteilt.“ Völlig falsch ist es, die Hexenverfolgung gedanklich mit „finsterem Mittelalter“ zu verbinden. Lehmann: „Im Mittelalter hielt man den Hexenglauben sogar für töricht und gefährlich.“
Sündenböcke gesucht
Warum brach also erst später ab 1570 der Hexenwahn plötzlich aus? Lehmanns Antwort: „Klimawandel und Massenmedien.“ Die Kleine Eiszeit hatte – nach vorangegangener Warmphase im Mittelalter – zwischen dem späten 16. und dem 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt der stärksten Abkühlung mit Frost im Mai und Regen im Sommer. Dies führte zu Missernten. Die von Hunger geschwächten Menschen wurden krank und viele starben. „Die Ursachen konnte man sich nicht erklären. Die Menschen suchten deshalb Sündenböcke: Die Hexen waren schuld an allem Übel.“
Als zweiter Grund für die Verbreitung des Hexenwahns liegt in der Kommunikation. Bei Hinrichtungen, zu denen jeweils tausende Zuschauer aus der Region erschienen, wurden die durch Folter erpressten Geständnisse mit allen Einzelheiten verlesen und von den Zuschauern in ihren Heimatdörfern weitererzählt. Fahrende Händler sorgten für weitere Verbreitung auch über Landesgrenzen. Gleichzeitig kamen die ersten Massenmedien auf.
Flugblätter beschrieben in Wort und Bild die Taten der Hexen – auflagensteigernd mit grausamsten und tabubrechenden Einzelheiten. „Also muss es doch Hexen geben“, waren schließlich auch Zweifler überzeugt. Lehmann: „Die Menschen lebten damals unter einer Dunstglocke der Angst.“ Selbst Geistesgrößen wie Martin Luther oder der reformfreudige Würzburger Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn zweifelten nicht an der Existenz von Hexen.
Verleumdungen aus Hass, Missgunst, Rachegelüsten sowie weit verbreitete Angst gaben vor vier Jahrhunderten den Anstoß zur Verdächtigung unschuldiger Menschen. Doch noch heute werden in etwa 45 bis 50 Ländern unschuldige Menschen der Hexerei beschuldigt, vertrieben, gefoltert oder getötet. Hauptursachen sind heute wie damals Klimawandel, Dürre, Hunger, Krankheiten und Tod. Besonders betroffen sind Regionen im mittleren Afrika, in Südasien und Ozeanien. Seit 1960 soll es dort mehr der Hexerei beschuldigte Todesopfer gegeben haben als während des einstigen Hexenwahns in Europa.
Die moderne europäische Variante einer durch „Krisen, Angst und Massenmedien“ geförderten Hexenjagd sieht Historiker Kai Lehmann in dem durch Social Media geförderten Mobbing, vor allem aber im gezielten Shitstorm gegen Personen: Nach ersten ungeprüften Gerüchten werden durch häufige Wiederholung und rasche mediale Verbreitung scheinbar Fakten geschaffen, die letztlich zur Verurteilung durch die breite Öffentlichkeit führen – mit kaum absehbaren Folgen für die Betroffenen.
Informationen zum Buch: Kai Lehmann: „Hexen vor Gericht! Krisen, Angst und Massenmedien vor 1800. Hexenprozesse in Deutschland“, Herder Verlag, gebunden, 432 Seiten, Preis: 28 Euro, ISBN: 978-3-534-61196-6











