Mit dem schlichten Satz „ich bin nervös“ hatte Kent Nagano, der Superstar unter den Dirigenten, sofort die Herzen aller erobert – und sofort jede Nervosität genommen. Natürlich war die da: Wann haben Laien jemals die Gelegenheit, von einer lebenden Legende dirigiert zu werden? Nur beim Symphonic Mob der Saale-Zeitung und des Kissinger Sommers.
Wer am Abend vorher die Gelegenheit hatte, den 71-Jährigen im Littmann-Saal zu beobachten, wie er die Profis des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO)führte, wusste: Dieser Mann macht das mit Herz.
Er holte aus allen das Beste heraus
Wie die Experten am Abend dirigierte Nagano das rund 600-köpfige Laienorchester mit einem Lächeln. Unglaublich, was der gebürtige Kalifornier in der ersten und einzigen Probe aus den Menschen herausholte, die aus ganz Deutschland und aus dem Ausland gekommen waren. Und das mit herrlichen Bildern.
Monster mit Mundgeruch
Beispiel Edvard Grieg „In der Halle des Bergkönigs“: Die Hörner und die Fagotte waren ihm noch zu brav und er erklärte, was sich die Musiker und Musikerinnen vorstellen sollten. „Denkt an Monster. Denkt an ungewaschene Monster. Denkt an ungewaschene, schlecht rasierte Monster mit Mundgeruch.“ Großes Gelächter und eine Wiederholung der Takte – sofort klangen die Hörner und die Fagotte gruseliger, dumpfer, lauter.
Mit seiner den Menschen zugewandten Art verflog bei jedem, ob neun oder 90 Jahre, sofort die Nervosität.
Kent Nagano: Musik verbindet
Auch für ihn, so erzählte er dann Reportern vom ZDF, sei ein Symphonic Mob etwas „ganz besonderes – ich mache das nicht jeden Tag“. Starallüren hat der Star überhaupt nicht. „Musik verbindet, und zwar alle. Wir wissen, wie wichtig Musik ist – und es ist egal, ob es Popmusik ist, die jemand auf der Straße via Kopfhörer hört, oder wenn wir, wie hier, zusammen musizieren.“
Kent Nagano nahm seine Rolle als Dirigent des Symphonic Mobs ernst, auch wenn er zwischendrin Publikum und Orchester wirklich erheiterte. So gab er die Geschichte zum Besten, wie ihn einst Luciano Pavarotti mit einer hübschen, jungen Frau verwechselte. „Ich hatte damals lange, schwarze Haare und eine gute Figur. Ich spürte plötzlich Arme von hinten um meinen Oberkörper und einen Bauch im Rücken.“ Pavarotti muss erschrocken sein, als sich der junge Nagano – ebenso erschrocken – umdrehte.
Große weite Welt in Bad Kissingen
Mit Nagano kam zwar ein Stück große weite Welt nach Bad Kissingen, hier aber nahm der Star so gut wie jeden einzelnen bewusst wahr. Im Orchester natürlich in Gruppen – er hörte, wenn der Chor italienischer klingen könnte; er hörte, dass im wundervoll melancholischen „Nimrod“ noch viel Luft für noch mehr Gefühl war. Doch es war die Art und Weise, wie er es den Laien erklärte. „Denkt euch in die Geschichte ein“ und dann erklärte er den Aufstieg und Fall des Helden Nimrods – und prompt wurden die Töne um so viel gefühlvoller, tiefer, inniger, dass nicht wenige Menschen, Musiker wie Zuhörer, feuchte Augen bekommen haben.
Zaungäste waren hingerissen
Um 15 Uhr war es dann so weit: Das erste und einzige und damit unwiederbringliche Konzert des Laienprofiorchesters begann. Georges Bizets „Farandole“, Edward Elgars „Nimrod“, Edvard Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ und Giuseppe Verdis „Coro di Zingari“ – voller Hingabe und Authentizität spielten Profis und Laien gemeinsam, getragen vom Gedanken, dass Musik verbindet. Catherine, eine Cellistin des DSO: „Es macht so Spaß, die Freude der anderen zu teilen!“ Und wie! Geschätzt 1400 Menschen drängten sich als Zaungäste ums Geschehen, sie summten mit, sie filmten, sie knipsten, sie waren verblüfft, wie fantastisch das klang.
Verdi als Zugabe
Der große Star Kent Nagano war sichtlich gefangen von dem, was sich da abspielte. Von sich aus bot er den Zuhörerinnen und Zuhörern eine Zugabe an, „sollen wir noch mal den Verdi machen?“ – natürlich! Die Laien und die Profis genossen den tosenden Applaus der vielen Zaungäste.Nach dem Konzert: Der Meister zugewandt, freundlich, aufmerksam – egal, wie lange die Schlange wurde, Kent Nagano blieb noch lange, um auch die letzten Autogramm- und Selfiewünsche zu erfüllen.
600 Musiker beim Symphonic Mob
Musik schreibt Geschichten, das war das Motto, mit dem die Saale-Zeitung in den letzten Wochen Hobby-Musiker aufgefordert hat, am Symphonic Mob teilzunehmen. Und, was sollen wir sagen – um die 600 Trompeten, Geiger, Bratschisten, Bassspieler, Trommler, Saxofonisten, Klarinettisten, sprich, ein riesiges, komplettes Orchester stand in orangefarbenen T-Shirts im Kurgarten. Wir als Saale-Zeitung können nicht mehr, als ein ganz großes „Dankeschön“ sagen.
Danke an das Team Kissinger Sommer
Das größtmögliche Dankeschön geht an das tolle Team des Kissinger Sommers. Erna Buscham, die Allzweckwaffe und die vielen, vielen Frauen und Männer, die nicht nur tagsüber beim Klassikfestival viel Arbeit haben und auch an den Konzertabenden immer präsent sind, organisierten den Mob ganz hervorragend. Auch hier: Ganz herzlichen Dank!
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