Nicht komplett ausverkauft war der große Max-Littmann-Saal an diesem sommerlichen Samstagabend. Ob es die abendliche Schwüle war, weswegen besonders auf dem Balkon viele Plätze leer blieben, war nicht ganz klar. Fakt ist: Wer trotz der Hitze den Weg in den Regentenbau fand, wurde mit exquisiter Klassik belohnt.
Verantwortlich dafür war das WDR-Sinfonieorchester. Dem Orchester eilte sein Ruf voraus, doch die Vorschusslorbeeren wurden nicht umsonst vergeben.
In historischem Kontext
Dirigent Andrew Manze leitete souverän durch das Musikprogramm, welches ganz nach dem Festivalmotto „La Dolce Vita“ italienisch geprägt war. Manze zählt sich zu den Anhängern der sogenannten historischen Aufführungspraxis. Sein Ziel ist es, die Werke der klassischen Musik ganz im historischen Kontext ihrer Entstehungszeit zu präsentieren.
Dass ihm das gelingt, zeigte sich bereits nach den ersten Tönen von Ottorino Respighis Suite für Orchester „Gli uccelli“ (Die Vögel).
Es war die Nachtigall
Die in der Hochzeit der neuen italienischen Instrumentalmusik zu verortende Suite präsentierte dem Zuhörer im Anschluss an das Preludio in vier charakterlich völlig unterschiedlichen, auf den Werken von Komponisten früherer Jahrhunderte basierenden Parts vier Federtiere.
Energiegeladen wie die Taube, behäbig wie die Henne, vergnügt zwitschernd wie die Nachtigall oder mit dem alles durchdringenden Ruf des Kuckucks gelang es den Musikern, die vier Charaktere auf ganz eigene, jeweils unterschiedliche Weise zu interpretieren. Eine reizende Einführung in die italienische Klassik des frühen 20. Jahrhunderts.
Doch das alles war schnell vergessen, nachdem Pianistin Beatrice Rana in knallrotem, rückenfreien Kleid auf die Bühne schwebte. Der sympathischen Italienerin war es nicht anzusehen, dass es nun an ihr lag, eines der laut Kritikern besten Klavierkonzerte der Musikgeschichte aufzuführen: Robert Schumanns Klavierkonzert in a-Moll. Aufregung oder Lampenfieber sind Ranas Sache nicht, und so griff sie von Anfang an souverän und vor Energie sprühend in die Tasten.
Höchste virtuose Hingabe
Das herausfordernde Klavierkonzert hat seit seiner Uraufführung im Leipzig des Jahres 1845 durch Schumanns Frau Clara nichts an Virtuosität verloren. Ob des perfekten Zusammenspiels der zwei sich gegenüber stehenden Parts Klavier und Orchester spricht man gerne von absoluter Vollkommenheit. Und dies war bei jedem der drei Sätze Allegro affettuoso, Intermezzo: Andantino grazioso und Allegro vivace hautnah zu spüren.
Würde man das Konzert mit einem Fußballspiel vergleichen, hätte sich der Konzertgast in einem Topspiel der Champions League befunden. Ein weit hergeholter Vergleich, doch die Art, wie sich Orchester und Pianistin den Ball gegenseitig zugespielt haben, drückte höchste virtuose Hingabe aus. Beatrice Rana lieferte somit ein in seiner bombastischen Klangfülle herausragendes Highlight des Konzertabends. Da war es nur verständlich, dass das Publikum eine Zugabe von Rana einforderte.
Tschaikowsky als Zugabe
Man konnte kaum damit rechnen, dass diesem Glanzstück am Klavier noch ein musikalischer Höhepunkt folgen könnte. Doch Pjotr Tschaikowskys nun folgende symphonische Dichtung „Francesca da Rimini“ brachte noch einmal eine ganz eigene Klangnote in den Abend.
Einen Tschaikowsky kann man sich allerdings nur schwerlich am Strand von Rimini vorstellen, und so erinnerte das Werk in seiner ganzen Schwere und Getragenheit doch eher an die zugefrorene Newa oder den einsamen Gribojedow-Kanal in einer kalten, mondlosen Petersburger Nacht.
Das machte Sinn, so erzählte die Dichtung doch die Geschichte der verbotenen Liebe zwischen der Patriziertochter Francesca da Rimini und Paolo, die unausweichlich im gewaltsamen Tod der beiden enden musste.
Auch dieses Werk erhielt seinen verdienten Applaus, sodass Kapellmeister Manze das Publikum mit einer weiteren Zugabe belohnte. Der Blumenwalzer aus Tschaikowskis Nussknacker brachte schließlich noch einmal eine heitere Note zum Abschluss dieses durch und durch fulminanten Konzertabends.
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