In wenigen Wochen wird der 39. Kissinger Sommer eröffnet. Wann immer ich mich mit unserem wunderbaren Festival beschäftige, denke ich als Erstes an den Max-Littmann-Saal.
Dieser Saal ist nicht einfach ein Ort für Konzerte. Er ist ein klingendes Wunderwerk – mit seinen warmen Holztönen, der Vertäfelung aus Kirschbaumholz, der fein gearbeiteten Kassettendecke aus Fichte und dem festen, resonanzfreudigen Eichenboden.
Es ist, als würde der Saal selbst Musik machen.
Und genau deshalb ist es für mich als Intendant ein besonderes Privileg, für diesen Ort die besten Orchester unserer Zeit einzuladen. Jedes Jahr aufs Neue freue ich mich darauf, zu erleben, wie Klangkörper aus aller Welt hier ihre klangliche Identität entfalten – manchmal groß und glanzvoll, manchmal kammermusikalisch fein.
Auch das diesjährige Festival wird ein besonderer Sommer
Nehmen wir das Orchestre Philharmonique de Radio France: Dieses Orchester kommt zum ersten Mal zu uns – und das gleich mit zwei besonderen Konzerten zur Eröffnung am 20. und 21. Juni. Es sind zugleich die Abschiedskonzerte von Mikko Franck als Chefdirigent, was dem Ganzen eine zusätzliche emotionale Tiefe verleiht.
Das Orchester steht für französische Klangraffinesse: farbig, elegant, transparent. Bei Werken von Debussy oder Ravel entsteht eine beinahe schwebende Leichtigkeit. Besonders freue ich mich auf den Pianisten Jean-Yves Thibaudet, der schon viele Male bei uns war.
Weiteres Festivaldebüt
Ein weiteres Festivaldebüt feiert das Orchestre Philharmonique Royal de Liège am 27. Juni – es befindet sich ebenfalls an einem Wendepunkt: Der junge, international gefeierte Lionel Bringuier tritt bei uns zum ersten Mal offiziell als designierter Chefdirigent an.
Das Orchester hat sich in den letzten Jahren von einem beachtlichen belgischen Rundfunkorchester zu einem stilistisch vielseitigen, geschmeidigen Klangkörper mit exzellentem Gespür für französisch-belgisches Repertoire entwickelt. Ich bin gespannt, wie sich seine Spielfreude im Max-Littmann-Saal entfaltet.
Der Max-Littmann-Saal: ein musikalisches Chamäleon
Der Max-Littmann-Saal liebt Präzision – was ihn zu einem idealen Ort für das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin macht. Dieses Orchester ist, wenn man so will, ein musikalisches Chamäleon: Unter Cornelius Meister am 11. Juli wird es mit Mahler groß und romantisch, bei François Leleux am 12.7. mit Mozart und Bizet transparent und quicklebendig.
Zwei völlig unterschiedliche Programme – ein und dasselbe Orchester. Auch das zeigt die Vielseitigkeit, die unser Festival auszeichnet. Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks kommt am 13. Juli ein Klangkörper, der seit jeher zur absoluten Weltklasse gehört und dem Kissinger Sommer eng verbunden ist.
Besonders schön: Richard Strauss steht auf dem Programm – ein Komponist, der selbst als Kurgast in Bad Kissingen weilte. Wenn Stardirigent Franz Welser-Möst den Taktstock schwingt und Daniil Trifonov dazu Prokofjew spielt, dürfte der Saal vor Energie geradezu vibrieren.
Die Bamberg Symphoniker kommen gleich zweimal
Nicht minder kraftvoll: die Bamberger Symphoniker. Für mich sind sie fast so etwas wie unsere musikalischen Nachbarn – geerdet in Bayern, aber weltweit gefragt. Und sie kommen gleich zweimal! Unter der spannenden Dirigentin Dalia Stasevska am 29. Juni modern und kantig und unter Manfred Honeck am 19. Juli klassisch-romantisch.
Die stilistische Bandbreite dieses Spitzenorchesters ist bemerkenswert und im Max-Littmann-Saal besonders erfahrbar. Die Tschechische Philharmonie gehört ebenfalls zur DNA des Festivals, weil ihre Auftritte in Bad Kissingen immer auch ein Stück kulturelle Identität sind.
Tomáš Netopil bringt jene Mischung aus tschechischer Wärme und präzisem Zugriff mit, die das Orchester so unverwechselbar macht. Wenn am 4. und 5. Juli Dvořáks Slawische Tänze erklingen, meint man förmlich, die Landschaften Böhmens zu hören.
Ein weiteres Highlight: Das Royal Philharmonic Orchestra
Ein echtes Highlight: das Royal Philharmonic Orchestra mit Anne-Sophie Mutter am 6. Juli. Die Stargeigerin spielt Musik von John Williams – das mag auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken. Aber ich verspreche: Wenn sie Filmmusik spielt, dann mit einer einzigartigen Mischung aus Virtuosität, Ernsthaftigkeit und höchster Musikalität, der man sich nicht entziehen kann.
Williams’ Musik bekommt in der intensiven Akustik des Saales ein neues, fast intimes Gewand. Apropos Wandelbarkeit: Les Siècles aus Paris ist wohl einer der interessantesten Klangkörper unserer Zeit. Die Orchestermitglieder wechseln je nach Epoche und Repertoire die Instrumente – mal historisch, mal modern.
Diese Detailversessenheit, gepaart mit einem unbändigen Musizierdrang, führt zu Interpretationen, die elektrisieren, so auch bei uns mit französischen Meistern am 18. Juli. Im Max-Littmann-Saal, der jede klangliche Nuance hörbar macht, wird das zur echten Entdeckungsreise.
WDR Symphonieorchester und das Münchner Rundfunkorchester
Das WDR Symphonieorchester war auch schon oft beim Kissinger Sommer. Diese lange Verbindung erfüllt mich mit Dankbarkeit. Cristian Măcelaru dirigiert am 28. Juni und mit Julia Fischer ist eine der klügsten und leidenschaftlichsten Geigerinnen unserer Zeit dabei.
Auch das ein Wiedersehen mit einer alten Freundin. Und schließlich: das Münchner Rundfunkorchester. Im Abschlusskonzert am 20. Juli bringen sie mit Vladimir Korneev eine Hommage an Edith Piaf – große Emotion, große Geste, aber in kammermusikalischer Eleganz. Der Saal wird damit zur Pariser Nachtbar, zur Bühne des Chansons – und zum letzten Glanzpunkt eines reichen Festivalmonats.
Der Max-Littmann-Saal: ein Mitspieler
All diese Klangkörper, so unterschiedlich sie auch sind, haben eines gemeinsam: Sie lieben gute Akustik. Und der Max-Littmann-Saal gibt ihnen das, was sie brauchen.
Für mich ist er nicht nur Bühne – er ist Mitspieler.
Und jedes Mal, wenn sich ein Orchester in ihm entfaltet, merke ich wieder: Es war richtig, ausgerechnet hier ein Festival zu gründen. Denn große Musik braucht große Räume. Und unser Saal? Der ist einer der schönsten und besten überhaupt!
Der Autor: Alexander Steinbeis, geboren 1974 in München, wuchs in Oberbayern und Großbritannien auf. Nach dem Abitur in Kent studierte er Management an der London School of Economics und der ESCP Business School in Paris, Oxford und Berlin. Von 1999 bis 2005 war er als stellvertretender künstlerischer Betriebsleiter beim Boston Symphony Orchestra und dem Tanglewood Festival tätig. Anschließend übernahm er ab 2006 die künstlerische Planung und ab 2007 die Direktion des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Seit 2022 prägt er als Intendant das Programm des Kissinger Sommers. Sein Vertrag wurde bis 2031 verlängert. Steinbeis lebt in Berlin und Bad Kissingen.













