Es ist eine Frage, die ich nicht unbedingt fürchte, aber die ich gerne umgehen würde. Jedes Jahr im späten Frühling holt sie mich ein, und zwar mehr als mehrmals: „Du kennst doch schon das Programm vom nächsten Kissinger Sommer. Ist das gut? Was wird denn deiner Meinung nach das beste Konzert?“ Als ob ich das vorher jemals gewusst hätte! Da stehe ich dann da. Wenn mich das irgendwelche Freunde oder Verwandte fragen, kann ich mich mit einer flapsigen Antwort aus der Bredouille winden.
Wenn die Zeitung anruft
Aber wenn die Zeitung fragt … Dann wird’s amtlich, dann wird’s schwarz auf weiß dokumentiert, und dann gibt es hinterher auch keine Ausreden. Denn ich weiß genau: Das silberne Tablett, auf das ich das eine Konzert oder die andere Künstlerin hebe, ist nicht von flackernden Teelichtern umrahmt, sondern von gräulich schimmernden Fettnäpfchen. Denn wenn ich eine Musikpraline drauflege, warum dann ausgerechnet die und nicht eine andere, die doch auch … das ist eine verdammt subjektive Angelegenheit.
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Und jetzt hat wirklich die Zeitung angerufen. Da kann man nicht so einfach nein sagen. Natürlich bin ich eingeknickt und habe zugesagt. Ich habe mir halt eingeredet, dass es eigentlich nicht so schlimm ist, wenn ich mir mal überlege, für welche Konzerte ich Umwege machen würde – also nicht, um sie großräumig zu umfahren, sondern um hinzukommen. Und ich muss ja auch nicht alle bedenken. Und ich darf ja auch feststellen, dass ich keine Veranstaltung gefunden habe, gegen die ich irgendwelche programmatischen oder qualitativen Bedenken hätte. Es gibt ja auch wunderbare Gewürztraminer, aber sie sind nicht mein Geschmack.
Vom Klassik-Fokus zur neuen Vielfalt
Früher wäre eine Auswahl leichter gefallen, denn der Kissinger Sommer war, was in den Anfangsjahren sicher die Vermarktung erleichtert hat, sehr stark auf Klassik und Romantik fokussiert. Da konnte man sich, nicht zuletzt wegen zahlreicher Wiederholungen, auf die Ausführenden konzentrieren.
Aber nach der Öffnung des Festivals für Themen durch Tilman Schlömp hat Alexander Steinbeis geradezu dammbruchartig die „Brandmauer“ zwischen U- und E-Musik durchlöchert und damit die programmatische Breite enorm erweitert. Denn plötzlich zeigte sich, dass es auch in der U-Musik eine verdammt gute festivalkompatible Qualität gibt – wenn man gute Leute dafür hat. Und vergessen wir nicht: Mozarts „Kleine Nachtmusik“ oder Haydns Divertimenti waren ja auch von Anfang an U-Musik.
Erste Umwege: LiederWerkstatt und Klangfrische
Trotzdem: Meinen ersten Umweg würde ich machen für die „Kissinger LiederWerkstatt“, dieses zumindest international gefeierte Alleinstellungsmerkmal des Festivals. In den zwei Konzerten herrscht eine Stimmung, die Spaß macht, und zwar allen Beteiligten: den Komponisten, die zum ersten Mal erfahren, wie ihre Neuschöpfungen auf das Publikum wirken; den Interpreten, die endlich mal aus tintenfeuchten Noten singen und spielen können, in dem Wissen, dass sie es sind, die die Interpretationsansätze schaffen; und dem Publikum, das in jeder Uraufführung Überraschungen erleben kann, aber dank einer substanziell umfangreichen Verpackung im überlieferten Liedgut spannende Entwicklungen entdecken kann.
Und wenn wir schon bei Gesang sind: Einen Umweg würde ich auch machen für den Liednachmittag von Benjamin Appl (Bariton) und Martynas Levickis (Akkordeon) im Kloster Bildhausen. Er ist wichtig, weil ich den Eindruck habe, dass der klassische Liederabend auf einem gewissen Rückzug ist. Hier gibt es ein spannendes Programm aus dem 20. Jahrhundert, wobei das Akkordeon eine neue, nicht unerwünschte Klangfrische bringt. Vor allem aber kann man aus kurzer Distanz erleben, wie sich Texte in nicht nur gesprochene, sondern in gesungene Artikulation verwandeln.
Ein tiefer Blick in das jüdische Kulturschaffen
Viele Kilometer Umweg würde das Thema des Festivals bringen: „Mazel Tov“. Denn es bietet in ungewohnter und schmerzhafter Dichte einen Einblick in das jüdische Kulturschaffen in Deutschland. Da tauchen viele Namen auf, die man bisher gar nicht oder nur vom Hörensagen kannte. Da bekommt man ein Bild davon, welche wichtige Rolle jüdische Komponisten, Dichter, Autoren und Musiker in der deutschen Kulturszene bis in die 1930er Jahre hinein gespielt haben, bis sie vor den braunen Barbaren fliehen mussten oder von ihnen kaltblütig getötet wurden.
Und man merkt, wie in dieser Tragödie mit ihnen sehr viel Humor unwiederbringlich verloren ging. Ein guter Beitrag dürfte das Konzert des Jewish Chamber Orchestra Munich in der akustisch bestens geeigneten Erlöserkirche sein. Oder Sharon Brauner, die mit dem Ensemble „The Toy Goys“ im Kurtheater jiddische Evergreens singt. Oder Dagmar Manzel mit ihrem Programm „Sehnsucht“.
Die großen Orchester-Highlights
Umwege legitimieren natürlich auch die großen Orchesterkonzerte, wie gleich zu Beginn die beiden Konzerte des Budapest Festival Orchestra mit seinem Gründer Iván Fischer und den Solistinnen Elisabeth Leonskaja und Julia Fischer. Erstere ist schon deshalb interessant, weil sie auch als Solistin beim ersten Kissinger Sommer gastierte. Damals war sie „schon“ 40. Einmal war sie seitdem noch da.
Man darf bei Mozarts schönstem Klavierkonzert gespannt sein. Bei den zwei Auftritten des BBC Symphony Orchestra mit seinem Chefdirigenten Sakari Oramo sind es auch die Solisten: zum einen der österreichische Cellist mit teheranischem Hintergrund Kian Soltani (mit Dvořáks Cellokonzert), der als Student an der Kronberg-Akademie 2014 sein Debüt beim Kissinger Sommer gab und sofort den Luitpoldpreis gewann. Da wurde es mal wieder Zeit.
Bei dem anderen Konzert ist es die Geigerin Lisa Batiashvili, die mit dem hörenswerten Violinkonzert Nr. 1 des Schweden Magnus Lindberg angenehm aus der Programmroutine tanzt. Ich gebe zu: Seit sie vor vielen Jahren bei ihrem Debüt im Regentenbau ein derart berückendes, märchenhaftes Sibelius-Konzert gespielt hat, bin ich ein Fan von ihr. Und ich freue mich, dass sie noch ein zweites Mal zur Kammermusik mit dem Schumann-Quartett kommt.
Hochkaräter in Serie
Es gäbe noch einiges, das umwegwürdig wäre: klar, Igor Levit, der Grigory Sokolov in Sachen Kartennachfrage erstaunlich deutlich abgehängt hat. Oder Katharine Mehrling, die im letzten Jahr schon so sensationell eingeschlagen hat. Dieses Mal bietet sie zwei Programme in drei Veranstaltungen.
Und selbstredend natürlich das Festival im Festival: die dreitägige Rückkehr von Cecilia Bartoli. Da muss man nicht groß drüber reden. Außerdem wird’s brenzlig: Vor lauter Umwegen nähert sich die Tankanzeige bedenklich der Null. Also wohl besser doch im Land bleiben. Dann muss man sich nichts entgehen lassen.



























