Man kann es eigentlich nicht anders sagen: Schöner hätte der 38. Kissinger Sommer nicht beginnen können. Das lag jetzt nicht unbedingt an der deutlichen verlängerten Liste der Grußworte. Das war kein Wunder, denn zum ersten Mal ging die Eröffnung eine Verbindung ein mit dem Staatsempfang der Bayerischen Landesregierung, und so gab es auch zum ersten Mal ein Rednerpult auf dem Podium.
Ein Loblied auf den Kissinger Sommer
Oberbürgermeister Dr. Dirk Vogel, Kuratoriumsvorsitzende Dorothee Bär und Intendant Alexander Steinbeis kamen ja noch ohne es aus. Aber Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur und Medien der Bundesrepublik Deutschland, und Markus Blume, Staatsminister für Wissenschaft und Kunst und, in Vertretung von Ministerpräsident und Schirmherr Markus Söder, Gastgeber des Empfangs, hatten dickere Manuskripte mitgebracht, dass sie eine Ablage zu schätzen wussten.
Natürlich sangen alle ein vehementes Loblied auf den Kissinger Sommer und die daran Beteiligten. Und wenn die Kissinger bisher noch kein Selbstbewusstsein hatten, dann können sie jetzt mit stolzgeschwellter Brust durch die internationale Musikwelt schlendern.
Und das BBC Symphony Orchestra, das geduldig und wohlwollend zuhörte, konnte sich freuen, weil es mit einem sehr herzlichen und langen Sonderapplaus begrüßt wurde.
Zauberhafte Klänge
Um Punkt 20 Uhr kam dann die Musik zu Wort. Sakari Oramo, seit 2013 Chefdirigent des BBCSO, hatte ein kurzweiliges, spannendes Programm zusammengestellt, das die Mythologie in den Konzertsaal holte und dennoch sehr konkret blieb. Und er eröffnete das Konzert mit der Ouvertüre zu Carl Maria von Webers Oper „Oberon“ über den König der Elfen.
BBC Symphony Orchestra
Das ist an sich nichts Besonderes; denn diese Ouvertüre ist ein höchst beliebter Konzerttüröffner, weil sie gefällig und problemlos zu realisieren ist. Die Themen sind bekannt. Und dennoch gelang es Oramo, Spannung zu erzeugen und zum genauen Hinhören zu verleiten. Denn vor allem mit einer ausgeklügelten Dynamik schaffte er es, nicht nur gute Laune zu erzeugen, sondern auch und sogar die Konflikte, die gerne in der Aufführungsroutine untergehen, hörbar zu machen. Und so setzte beim Zuhörer das seltene Phänomen ein, dass er gerne gehört hätte, wie es in der Oper weitergeht. Ging aber nicht.
Eine Rarität im Konzert
Das zweite Werk des Abends ist eine absolute Rarität im Konzertbetrieb: Die Kantate „Der neue Orpheus“ für Sopran, Solovioline und Orchester von Kurt Weill. Das liegt zum einen wohl daran, dass diese Kantate weit abseits jeder Gefälligkeit liegt, sondern in ziemlich unappetitliche Gefilde führt. Denn Orpheus ist keineswegs der Sympathieträger, der vor allem aus Glucks Oper bekannt ist.
Die Unterwelt, in die er hier steigt, ist nicht die mythologisch unterirdische, sondern er kommt mit der Bahn von Athen in die prekäre Halb- und Unterwelt von Berlin. Und Eurydike entpuppt sich als Prostituierte. Zum anderen schreckt vielleicht manchen Veranstalter die ungewohnte Besetzung ab. Denn Weill hat sämtliche Violinen – bis auf die Solovioline – gestrichen. Der Streicherton ist somit nach unten gerutscht. Himmlische Klänge kann man da nicht erwarten.
Und schließlich: Die Musik verlangt dem Orchester enorm viel ab, Wenn man die Kantate mit der zwei Jahre später uraufgeführten „Dreigroschenoper“ vergleicht, dann fällt auf – und das war eines der großen Verdienste dieser Aufführung – dass Kurt Weill in der Kantate noch sehr viel experimentiert hat mit freitonalen Möglichkeiten, mit verfremdeten Zitaten, zum Beispiel aus Mahler-Liedern, mit Klangeffekten und Kontrasten und vielen kleinen Mosaikteilen.
Spannung und Dynamik
In der „Dreigroschenoper“ war er großflächiger, liedhafter, näher am Publikum. Ein Beweis: „Dreigroschen“-Songs oder Arien kann man nachsingen oder pfeifen. Beim „Orpheus“ scheitert schon der erste Versuch. Es war mitreißend, wie das Orchester mit dieser komplizierten Musik umging: hochkonzentriert, spontan, scharf in den Konturierungen und höchst differenziert in den zum Teil ungewohnten Klängen. Und trotzdem mit einer erstaunlichen Lockerheit. Das Ergebnis war nicht unbedingt schön – das sollte es ja auch nicht sein – aber absolut spannend und interessant, weil der Fortgang nie kalkulierbar war.
Die Sopranistin Anu Komsi hatte die schwierige Gesangspartie übernommen. Schwierig deshalb, weil es keine sanglichen Partien gibt, weil jeder Ton neu gesetzt werden muss, und weil die Stimme oft gegen in Dynamik und Rhythmik das Orchester arbeiten muss.
Aber Anu Komsi zeigte eine enorme Sicherheit und starke Expressivität bis an die Grenze des Möglichen. Und eine enorme Kondition und Durchsetzungskraft gegenüber dem Orchester. Schade, dass man vom Text nicht allzu viel verstanden hat. Aber das liegt zu einem Gutteil auch an den Komponisten.
Geradezu rührend war, als Anu Komsi ihrem dirigierenden Mann seine Violine zureichte. Denn die Solovioline setzt ein, als Orpheus Berlin erreicht. Sakari Oramo gestaltet nicht nur sehr plastisch Orpheus‘ emotionale Windungen und Wendungen, sondern er tat das auch mit einem wunderbaren Ton. Schließlich hat er mal als Konzertmeister begonnen.
Purer Genuss
Und dann wieder Oberon. Felix Mendelssohn-Bartholdys Schauspielmusik zu William Shakespeares „Sommernachtstraum“, in dem König Oberon und seine Elfen in Kontakt und Konflikt geraten mit der realen Welt der Athener. Das war Genuss pur. Natürlich gibt es kaum etwas Abgenutzteres als den berühmten „Hochzeitsmarsch“. Aber sogar hier gelang es Sakari Oramo und seinen Leuten, den Satz interessant zu machen – und nicht nur diesen. Da war enorm viel Schwung und Frische drin dank einer zupackenden Dynamik, dass man schmunzeln konnte.
Aber auch insgesamt war die Aufführung bemerkenswert. Zum einen, weil das Orchester auch in den rasanten, flirrenden Elfentänzen eine enorme Präzision hatte, weil die Einzelstimmen sehr gut herausgearbeitet waren, ohne den Gesamtzusammenhang zu verlassen. Und weil Oramo so sehr gut den Witz und den Charme der Musik zeigen konnte.
So kann der Kissinger Sommer weitergehen
Martina Gedeck, die die verbindenden Zwischentexte las, war der passende Gegensatz: ein bisschen wie eine gütige Märchenfee, mit leicht schwebender Stimme und viel Sympathie, aber dank eines guten Timings und guter Betonungskurven nie in der Nähe des Kitschigen. Sehr schön waren die Passagen, in denen sie in die Musik hineinsprach.
Schade, dass der Gesangspart ein bisschen unterbelichtet ist. Von den beiden Elfen Anu Komsi und Susan Zarrabi (Mezzosopran) hätte man gerne mehr gehört – zumal hier der Text verständlich war. Und der wunderbar homogene, substanzielle und präsente Frauenchor der BBC Singers wurde zur luxuriösen Randerscheinung.
So war es schön, dass es als Zugabe das „Ave Maria“ für vierstimmigen Frauenchor von Johannes Brahms in einer Orchesterbearbeitung gab. Da konnte er Chor sich wirklich zeigen, und man konnte es genießen. So kann der Kissinger Sommer weitergehen.
Mehr über die Eröffnung des Kissinger Sommers finden Sie hier:
Wenn Sie wissen wollen, wer bei der Eröffnung des Kissinger Sommer noch so zugegen war und welche Abendkleider getragen wurden, dann schauen Sie hier in unsere Bildergalerie:



















































