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Kissinger Sommer 2026
800 Menschen machen in der Au Musik mit Sir Simon Rattle
Jubiläumskonzert Kissinger Sommer
Das Jubiläumskonzert mit Sir Simon Rattle und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sowie Nikola Hillenbrand, Sunnyboy Dladla und John Brancy. // Julia Milberger
Bad Kissingen – Überraschende Klänge in Bad Kissingen: Sir Simon Rattle führt 800 Musiker zusammen. So hat Rezensent Thomas Ahnert das Konzert gehört.

Engländer sind für uns Kontinentalen immer gut für eine Überraschung. So wie Sir Simon Rattle, der den „Hoagascht“ für sich entdeckt hat. Der Hoagascht ist ein althergebrachter Brauch im südlichen Bayern. Da verabreden sich mehr oder weniger spontan Musik treibende Menschen, also Laien, im Wirtshaus, wo sie aufspielen wollen. Da werden Noten verteilt, und dann geht’s los.

Als Sir Simon im Herbst 2023 in München sein Amt als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks antrat, da wollte er die Menschen in seiner neuen Heimat auch über die Musik kennenlernen. Irgendein Witzbold muss ihm den Besuch eines Hoagascht vorgeschlagen, aber dabei übersehen haben, dass Sir Simon Humor hat. Der ließ sich sofort darauf ein, und so wurde, nicht ganz so spontan, ein „Symphonischer Hoagascht“ für Bläser organisiert, allerdings in rattlesken Dimensionen. Vier Blaskapellen, also etwas über 200 Leute, wurden ausgewählt und nach vielen Einzelproben um die Bläsergruppe des BRSO  herumgruppiert.

Am 7. Juli 2024 war  der große Auftritt im Showpalast München. Er wurde zum absoluten Erfolg, und es war klar, dass es eine Neuauflage geben musste. Die gab es jetzt auf dem Turnierplatz  in der Au, mit acht Chören und dem kompletten BRSO. Plötzlich waren es über 800 Leute, die gemeinsam Musik machten.

Perfekte Akustik

Natürlich konnte man zweifeln, ob das gut gehen würde, vor allem von der Akustik her. Wie würde es werden in der endlosen Weite der Au? Zur großen Überraschung stellte sich  die Frage gar nicht. Und deshalb geht das erste, ganz dicke Kompliment an die Tontechniker des BR, die es geschafft hatten, Wort und Ton genau passend zu verstärken, ohne die Natürlichkeit zu opfern und dabei sogar die Textverständlichkeit zu bewahren. Wer hatte damit rechnen können?

Der erste Teil des Konzerts ging ein bisschen in Richtung Füllstoff. Aber das ist verständlich, denn Carl Orffs „Carmina Burana“ reichen nicht für ein ganzes Konzert. Aber Spaß machten sie trotzdem: zuerst fünf Lieder für Chor und Orchester aus den „Old American Songs“ von Aaron Copland, volksmusikalisch recht einfache, aber unterhaltsame Sätze.

Hier konnten sich alle sozusagen vorstellen, und man konnte einen Eindruck gewinnen, wie das klingt, wenn 800 Menschen Musik machten: Die Chöre kamen gut durch, und das BRSO ließ mit seiner klanglichen Präsenz schon erahnen, welch glänzende Rolle es in den „Carmina“ spielen würde.

Eine besondere, hörbare Freude war für den Kinderchor das Lied „I bought me a cat“: Ein Bauer kauft verschiedene Tiere, die dann in der letzten Zeile ihre typischen Laute von sich gen. Diese Zeilen müssen nach jeder Strophe wiederholt werden. Es werden also immer mehr. Und am Ende kauft er sich eine Frau: „My wife says „Honey! Honey!“ Frauenfeind, ick hör dir trapsen! Aber man könnte ja „wife“ ganz einfach durch „bee“ (=Biene) ersetzen.

Bei „Storm“ für Frauenchor, Kinderchor und Ensemble von Judith Weir, einer Fantasie nach Shakespeares „The Tempest“, bekam man ein bisschen Probleme. Nicht mit der etwas kantigen  Musik, die interessant und ideenreich war, sondern mit dem Text. Da hatte sie sich in den langen Komponiernächten so viele Gedanken gemacht und versucht, die alle unterzubringen, dass man als Zuhörer zusehends ins Schlingern geriet und den Zusammenhang zwischen Text und Musik verlieren konnte. Ralph Vaughan Williams „Serenade to Music“ für Soli, Chor und Orchester, eine spätromantische, von Neoklassizismus und Impressionismus angehauchte Phantasie nach Shakespeares „Merchant of Venice“ machte keine Kopfschmerzen. „Zurücklehnen, zuhören, genießen“ war die Devise.

Und dann die „Carmina burana“: genau die richtige Musik für so einen lauen, strahlenden Abend. Da gelang Simon Rattle eine Aufführung aus einem Guss. Da war alles überlegt und gut vorbereitet. Und alles saß. Es war erstaunlich, mit welch geringem gestischem Aufwand Rattle seine 400 Quadratmeter Musiker im Griff hatte und kontrollierend leitete. Die Chöre sangen ungemein sorgfältig und deutlich und konturenscharf. Sie hatten die Orffschen Schwierigkeiten sehr gut trainierend überwunden wie etwa das rhythmische Artikulieren und Singen von Einzelsilben. Sie sangen alle, auch die Kinder, als wollten sie etwas Wichtiges verständlich mitteilen.

Schon der allererste Einsatz saß perfekt: „O fortuna“ war weit mehr als nur ein Weckruf oder eine Ansage. Da steckte schon auch Weltschmerz mit drin. Und dann liefen sie los, die Chöre, die so schön und peinlich offen das Leben im Mittelalter erzählen und auch karikieren. Die punktgenau in den Einsätzen waren und ganz präzise Glissandi sangen. Das war absolut fesselnd, wenn sie etwa das „In taberna“ runterratterten.

Auch das Solistentrio war bestens aufgelegt, aber auch sehr genau in der Arbeit: die Sopranistin Nikola Hillebrand etwa bei „In trutina (auf der Waage meines Herzens“), außerordentlich innig gesungen, oder in „Dulcissime“, der kürzesten, aber gemeinsten Arie, in der die höchsten Töne am längsten gehalten werden müssen. Der Bariton John Brancyd hatte eine außerordentlich durchsetzungsfähige flexible Stimme, mit der er sich in „Tempus est iocundum“ mit dem Chor anlegte und ihn ein bisschen vor sich hertrieb. Der Tenor Sunnyboy Dladla hatte natürlich die Lacher auf seiner Seite, als er in „Olim lacus colueram“ vom Bratspieß in die Pfanne wandert und zutiefst beleidigt mit der Kopfstimme sein Schicksal beklagt.

 Und das Orchester zeigte in glasklarer Spielweise und mit sichtlichem Vergnügen seine enormen und überraschenden Möglichkeiten vor allem im perkussiven Bereich. Da sorgte schon die enorme Transparenz für gute Laune.  Ein toller Abend, der lange nachklingen wird.

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