Die Adventszeit wird ja zumindest in Süddeutschland gerne die „stade Zeit“ genannt, die Zeit der Ruhe und Besinnung. Auch wenn die Realität mit ihrem zunehmenden Kaufrausch und ihrer täglich wachsenden Hektik eher das genaue Gegenteil vermuten lässt. Doch da gab es jetzt einmal wieder einen Krach, der sich als wunderbares Gegenmittel gegen diese verquere Art von „Stadheit“ erwies: „Kiss-Percussiva in concert“ im Rossini-Saal.
Das war ein kreativer Krach, der sich als Selbstzweck und nicht als unangenehme Randerscheinung der Vorweihnachtszeit erwies: Den ausführenden machte er – im Gegensatz zum Panikshopping – großen Spaß, und das Publikum war auf charmante Weise gezwungen, sich für zwei Stunden hinzusetzen und die die lärmige Welt draußen zu vergessen und auch ein bisschen in sich selbst hineinzuhorchen. Ganz abgesehen davon, dass auch das Zuhören ganz großen Spaß machte.
Neuanfang
„Die nächste Generation“ hatte Thomas Friedrich, der Chef der Abteilung Perkussion an der Städtischen Musikschule und der Lehrer der jungen Leute, das Konzert überschrieben. Und es wurde schnell klar, warum. Die Coronapandemie hatte ihm die Gelegenheit gegeben, mal einen Schnitt zu machen für einen Neuanfang.
Das Problem lag darin, dass gerne und oft auch Leute bei „Kiss-Percussiva“ mitspielen wollten und mitspielten, die gar nicht mehr an der Musikschule waren oder sogar schon als Profis unterwegs waren. Denn die Möglichkeiten, in einem so großen Ensemble zu spielen, sind begrenzt. So hatte er jetzt, nach dem Auslaufen einiger wichtiger Hygienemaßnahmen, die Gelegenheit zu einem Neustart.
Aurelia Jäger moderierte
Natürlich nicht radikal, denn so eine Gruppe braucht – das wissen wir nicht erst seit der WM in Katar – ein paar Leit- und Führungsfiguren wie Aurelia Jäger, die auch die Moderation des Abends übernommen hat, oder Nina Schroll, die bereits beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert“ geglänzt hat. Aber die meisten der 24 Musikanten kommen aus der 4. bis 8. Klasse und können so in einem musikalischen Niveau aufwachsen, das sie nicht dem Konkurrenzdruck und vielleicht auch der Ungeduld der Älteren aussetzt.
Das Programm war darauf perfekt zugeschnitten. Denn auf der einen Seite konnten die, die schon etwas weiter waren, sich alleine oder an der Seite von Nina Schroll und Aurelia Jäger als Solisten am Marimbaphon dem Publikum präsentieren. Die anderen konnten im Schutz der Menge je nach Fähigkeiten die Grundrhythmen und Begleitung ihre Töne spielen und auch mal draufhauen, ohne dabei beobachtet zu werden.
Schwerstarbeit an der "Ratschgurke"
Man unterschätze diese Tätigkeit nicht, die viel mehr erfordert als einen Ton in richtigen Zeitabständen mit einem Schlag zu erzeugen. Wenn man etwa den jungen Mann beobachtete, der den Guiro – gerne auch „Ratschgurke“ genannt – spielte, also ein Instrument, das Töne wie ein Waschbrett erzeugt, allerdings mit hölzernem Timbre – also, wenn man den beobachtete, dann merkte man schon an seinem Mienenspiel, dass da Schwerstarbeit gefordert war.
Natürlich musste er nicht wie ein Geiger auf die korrekte Tonhöhe achten; denn sonst wird’s peinlich. Aber er brauchte ein perfektes Rhythmusgefühl, durfte die Abstände innerhalb der rhythmischen Figur nicht verwechseln, musste wissen, wann er die Figur 38 Mal gespielt hat, weil sie sich dann abrupt veränderte oder er eine kurze Pause hatte. Da braucht man verdammt gute Nerven – der junge Mann hatte sie, denn da können drei Minuten verdammt lang werden.
Technisch anspruchsvoll
Andererseits fiel aber auch auf, wie melodisch Perkussionsmusik sein kann, was natürlich vor allem an den Marimbaphonen mit ihren langen Nachhallzeiten oder am Keyboard oder weiteren Instrumenten lag. Und deshalb wurde es allmählich schwierig für den Zuhörer: Sollte er sich den melodischen und damit emotionalen Aspekten, dieser sehr oft lauten, aber nie wirklich brutalen Musik zuwenden, oder sollte er sich von der technischen Umsetzung in ihrer Perfektion widmen. Allmählich gelang der Spagat.
Es waren aber auch interessante und spannende Werke, die Thomas Friedrich mit seinen Leuten eingeübt und vorbereitet hatte. Etwa der Klassiker „Ghanaia“ des Würzburgers Matthias Schmitt, die mit Rhythmen aus Ghana wunderbar weite Klangräume eröffnet. Oder, für das volle Orchester, Eckhard Kopetzkis „Saltina“ und „Polka Drops“, die trotz ihrer Mächtigkeit immer stärker werdenden tänzerischen Charakter bekam.
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Man konnte in „Pachelbel Island“ die raffinierte Übertragung des berühmten barocken Kanons für Streicher in eine heutige Schlagwerkversion erleben, die den Geist des Originals bewahrt. Es waren 18 Stücke, die durch stets wechselnde Besetzung eine breite Palette der musikalischen und technischen Möglichkeiten entwickelten und immer wieder neue Aspekte beleuchteten.
Finn-Louis Metz und sein Akkordeon
Und dann war da noch Finn-Louis Metz, der drei „Musikalische Überraschungen“ angekündigt hatte. Das waren sie in der Tat. Der junge Mann ist nicht nur Perkussionist, sondern auch Akkordeonist. Man hatte ja kurz Bedenken, ob ihn sein riesiges Steirisches Knopfakkordeon nicht von der Bühne reißen würde. Aber dann legte er los.
Mit viel Charme und Sinn für Witz und Pointen spielte er kleine volksmusikalische Sätze wie eine höchst tänzerische Tiroler Polka – natürlich mit dem entsprechen Trenkerhut auf dem Kopf – oder das unverwüstliche „Rudolph, the rednosed Reindeer“ – mit einem roten Geweih zwischen den Ohren. Da hatte man wieder den verdammten Ohrwurm, den auch Chris Cockarells „Rockin’ Angels“ nicht zum Verstummen bringen konnte.
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