Das nennt man eine konsequente Karriere in einer Zeit, in der immer noch über Frauen am Dirigentenpult, dem traditionell männlichen Arbeitsplatz, diskutiert werden muss: Joana Mallwitz hat all diese aus der Zeit gefallenen Diskussionen und Hindernisse kurzerhand umfahren. 2006, da war sie gerade mal 20 Jahre alt, trat sie die Stelle der Korrepetitorin mit Dirigierverpflichtung am Theater der Stadt Heidelberg an, wo das Dirigieren schnell in den Vordergrund rückte.
Für die Spielzeit 2014/2015 wurde sie mit 27 Jahren als europaweit jüngste Generalmusikdirektorin an das Theater Erfurt berufen und trat 2018/2019 in derselben Funktion bei der Staatsphilharmonie Nürnberg am dortigen Staatstheater an. Seit der Spielzeit 2023/2024 ist sie Chefdirigentin und künstlerische Leiterin des Konzerthausorchesters Berlin. Und vor zwei Wochen hat das Konzerthaus Berlin die offizielle Vertragsverlängerung mit Joana Mallwitz bis zum Ende der Spielzeit 2032/2033 bekannt gegeben. Offenbar stimmt die Chemie, offenbar arbeiten Orchester, Dirigentin und Geschäftsführung gerne zusammen und wollen das auch weiterhin tun.
Gute Chemie spürbar
Wer dieser Tage das Konzert mit Joana Mallwitz und dem Konzerthausorchester im Max-Littmann-Saal erlebt hat, konnte die gute Chemie spüren, denn es begann mit einem Werk, das dem Orchester und der Dirigentin – und natürlich dem Publikum sehr entgegenkam: mit „Ein Amerikaner in Paris“ von George Gershwin. Das ist streng genommen eine „Sinfonische Dichtung“. Aber man kann es genauso gut als „Komponiertes Wimmelbild“ bezeichnen. Denn als Gershwin 1928 für zwei Monate nach Paris kam, war er von dem öffentlichen Leben und vor allem von der 24-stündigen Geräuschkulisse höchst beeindruckt. So etwas gab es in New York damals noch nicht. Er kaufte vor der Rückreise extra vier Pariser Taxihupen, um sie musikalisch zu verwenden. Und das hat er ja auch zeitnah getan.
Für Joana Mallwitz ist „An American in Paris“ ein Traumstück, weil sie gerne das, was sie dirigiert, zuvor bis in die kleinsten Einzelheiten analysiert. Und dieses Stück besteht nun mal ausschließlich aus kleinsten Einzelheiten, aus 1000 verschiedenen melodischen Mosaiksteinen, die an allen Ecken und Enden des Orchesters auftauchen. Da kann sie sich mit ihrem Perfektionismus austoben.
Von den Feinanalysen profitieren
Für das Konzerthausorchester (also nicht für jedes) ist es ein Traumstück, weil es eine komplizierte, aber auch höchst pfiffige Musik ist, die jeden fordert, der sich gerne fordern lässt. Und das Konzerthausorchester ist ein Orchester ist so ein Klangkörper geworden. Zudem profitiert es von Mallwitz‘ Feinanalysen. Denn wenn sie etwas zu jeder Stelle zu sagen hat, dann hat sie auch zu jedem ausführenden Musiker etwas zu sagen. So fühlt sich jeder beachtet. Und das ist gut für das Klima.
Und zu guter Letzt ist sie gut für das Publikum, das den „Amerikaner in Paris“ in einer ausgezeichneten Qualität zu hören bekam, dem die Musikbrocken aus allen Orchesterecken konturenscharf um die Ohren flogen, das immer wieder neue Klangeffekte und Rhythmen entdecken konnte. Und das sich trotzdem entspannt zurücklehnen konnte, weil es keine zu erzählende Geschichte oder besondere Satzformen entdecken musste, sondern das sich immer dort einhaken konnte, wo es gerade Lust hatte. Das war eine Konzertouvertüre, die allen im Saal Spaß machte.
Die übliche Praxis umgangen
Felix Mendelssohn Bartholdy und sein Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64 bildeten das Zentrum des Konzerts. Solist war der Tscheche Josef Špaček. Mendelssohn hat in diesem Konzert nicht so sehr das Virtuose in den Vordergrund gestellt, sondern das Melodische – und deshalb konsequenterweise auch das Soloinstrument. Entgegen der üblichen Praxis setz die Die Violine bereits nach zwei Takten Orchestervorspiel mit dem verzierten Hauptthema ein. Von irgendetwas musste Josef Špaček überrascht worden sein, denn sein Einstieg geriet ihm ein bisschen eckig. Aber er fand schnell zu seinem gewohnten warmen und präzisen Ton.
Schön war, dass er sich mit Joana Mallwitz und damit dem Orchester in einer gemeinsamen Spontanität traf, dass viele agogische Abweichungen bei beiden auf unmittelbares Reagieren traf. Und dass so nicht nur die Überleitungen zwischen den drei durchkomponierten Sätzen vorwärtstreibende Spannung erzeugten, sondern dass auch innerhalb der Sätze sich mancher neuer Blickwinkel ergab. Gut, Josef Špaček neigte dazu, immer mal das Tempo zu beschleunigen. Aber auch das war kein Problem. Denn dann dirigierte Joana Mallwitz direkt auf ihn zu, nahm ihn vorübergehen an die kürzere Leine. Aber unterm Strich eine sehr schäöne Wiedergabe des Konzert mit vielen neuen Aspekten.
Das Schattendasein eines Werkes von Kurt Weill
Die hatte man bei dem dritten Werk des Abends sowieso. Denn Kurt Weills 2. Sinfonie ist in Bad Kissingen noch nie gespielt worden. Sie führt überhaupt ein rechtes Schattendasein, weil ihm die Kritiker in der Zeit der Entstehung dem Komponisten den beleidigten Vorwurf machten, er hätte besser beim Kabarett oder der „Dreigroschenoper“ bleiben sollen. Das hat leider lange nachgewirkt. Joana Mallwitz hatte mit ihrem Orchester eine sehr interessante Inszenierung erarbeitet.
Einerseits machte sie deutlich, dass die Vorwürfe von einst überzogen, aber auch nicht ganz unbegründet waren. Denn Weill konnte sich nicht wirklich von der neoklassizistischen Formstrenge lösen, wirkte etwas aus der Zeit gefallen und blieb dadurch in manchen Äußerungen etwas karg. Andererseits ließ er die rhythmischen Prägnanz und Melodik seiner berühmten Theatermusik nicht so weit in den Vordergrund, dass sie wirkungsvolle Erkennbarkeit hätte erreichen können. Man muss das nicht als Scheitern beurteilen, denn die Sinfonie war durchgehend so gut musiziert, dass man die Einwände nachverfolgen konnte. Und das ist auch mal sehr interessant.









