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Von ruhe keine Spur
Wie lebt eine Großfamilie in Bad Kissingen mit 7 Kindern?
Familie England aus Bad Kissingen mit (von links) Marcel, Myrah, Ian, Maddox mit Isabella, Lennox, Kaylah, Vaiana und Nicole.
Familie England aus Bad Kissingen mit (von links) Marcel, Myrah, Ian, Maddox mit Isabella, Lennox, Kaylah, Vaiana und Nicole. // Yvonne James / Yves World Photography
Bad Kissingen – Marcel und Nicole England managen eine Großfamilie. Beide wissen, was ihnen im Leben wichtig ist und dass es nicht darauf ankommt, ob samstags die Straße gekehrt ist.

„Drei Kinder sind salonfähig, ab dem vierten wird man schnell in eine gewisse Schublade gesteckt“, sagt Marcel England. Der 41-Jährige aus Bad Kissingen muss es wissen: Mit seiner Frau Nicole (37) hat er sechs gemeinsame Kinder, dazu haben beide je eine Tochter aus früheren Beziehungen.

Mit sieben ihrer Kinder wohnen die Englands in Reiterswiesen. Marcels älteste Tochter Samara (20) lebt inzwischen in den Vereinigten Staaten und ist dort selbst junge Mutter – Marcel also seit wenigen Monaten Opa.

„Wir haben uns bewusst für dieses Leben entschieden“

Als das heutige Ehepaar sich 2010 kennengelernt und am 13. Dezember 2011 geheiratet hat, war die Großfamilie nicht geplant. Auch das Eigenheim in Reiterswiesen war anfangs nicht auf neun Familienmitglieder ausgelegt. Heute leben dort Marcel und Nicole England mit Nicoles ältester Tochter Kaylah (15) sowie den gemeinsamen Kindern Lennox (13), Myrah (11), Maddox (8), Ian (6), Vaiana (3) und der wenige Monate alten Isabella – für die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier jüngst die Ehrenpatenschaft, eine symbolische Auszeichnung für kinderreiche Familien, übernommen hat.

„Wir haben uns bewusst für dieses Leben entschieden und sind sehr froh darüber. Zuerst hatten wir Zimmer übrig, inzwischen haben wir mehrfach umgebaut und erweitert“, sagt Marcel England. Jedes Kind hat heute sein eigenes Zimmer. „Das Leben besteht aus mehr als aus Arbeiten und Funktionieren“, sagt Marcel England

Viel Planung und Kommunikation bei Familie England

Der Alltag im Hause England? „Laut, manchmal chaotisch, voller Leben“, sagen die Eltern. Natürlich müsse man viel planen und kommunizieren, natürlich laufe die Waschmaschine am Wochenende zehnmal, natürlich sei das Kassenband beim Einkauf etwas voller. Und natürlich ist in der Großfamilie auch noch Platz für einen Hund. „Der Wochenplan liegt ausgedruckt auf dem Tisch, da wird alles eingetragen. Man braucht auf jeden Fall eine gewisse innere Ruhe und muss pragmatisch sein“, sagt Nicole England lachend.

Sie und ihr Mann sind Menschen, die genau wissen, was sie wollen und was ihnen wichtig ist. „Das Leben besteht doch aus mehr als aus Arbeiten und aus Funktionieren. Wir wollen so viel Zeit wie möglich mit unseren Kindern haben. Dann ist dafür eben mal die Straße am Samstag nicht gekehrt oder das Spielzimmer am Abend nicht perfekt aufgeräumt“, sagt Marcel England. Der 41-Jährige arbeitet als Geoinformatiker, Nicole ist selbstständige Stillberaterin und gibt Kurse. Ihre Jobs ermöglichen eine gewisse Flexibilität und doch, sich das Leben einer neunköpfigen Familie auch leisten zu können.

Liebevolle Gesten auch als achtfache Eltern noch entscheidend 

Beide lieben ihre Arbeit und sehen sie als Ausgleich. Zeit für andere Hobbys bleibe derzeit kaum. Auch für Nicole und Marcel als Paar. Aber: „Sie ist immer noch meine Traumfrau“, sagt Marcel. „Oft geht es eben um die Kleinigkeiten und die kleinen Gesten. Wir sind glücklich, wenn wir zusammen Netflix gucken oder mal Fast Food essen, das ist unser Ding.“ Fett auf der gemeinsamen To-do-Liste steht die kirchliche Hochzeit: „Das hat bei drei oder vier Anläufen bisher nicht geklappt. Aber wir machen das noch, und wenn wir es zu zweit durchziehen“, kündigt Marcel England an.

„Man kann nicht alles auf einmal haben“, sagt der siebenfache Vater. „Die Frage ist doch im Leben: Was ist wann wichtig? Gerade sind es die Kinder für uns, alles andere ist doch gar nicht erstrebenswert. Oft ist es ja so: Man kauft Dinge, die man nicht braucht; von Geld, das man nicht hat, um Leute zu beeindrucken, die man nicht mag. Man sollte zufrieden auf das schauen, was man hat. Alleine, dass unsere Kinder alle gesund sind, ist doch schon ein Wunder. Ich bin extrem dankbar, dass ich das relativ jung schon erkennen durfte und will das meinen Kindern auch beibringen.“

„Sie sollen einfach nur glücklich sein“

Insgesamt acht Kindern emotional und zeitlich gerecht zu werden, sei freilich nicht einfach. „Es gibt immer wieder Momente, in denen man sagt: Ich kann mich nicht zerteilen. Aber wir versuchen, allen alles zu ermöglichen“, sagt Nicole England. Sei es Reiten, Boxen, Turnen, Hip-Hop-Tanz, Fußball oder Ballett.

Spannend für Eltern sei, dass naturgemäß jedes Kind eine andere Persönlichkeit hat und sich in einer anderen Lebensphase befindet, vom Säugling bis zur Pubertät. „Mit jedem hat man eine andere Ebene. Es ist schon cool, dass ich inzwischen mit manchen Filme aus meiner Jugend gucken kann. Den Terminator muss man schon gesehen haben, sage ich dann immer“, lacht Marcel.

Was ist im Leben wichtig? „Sie sollen einfach nur glücklich sein“, hoffen die Englands. Zur Lebenseinstellung der Englands passt es, auf die Meinung anderer wenig zu geben. Und doch: „Wir haben es ab dem vierten Kind schon so empfunden, dass wir gesellschaftlich in eine Schublade gesteckt wurden. Wir passen da vielleicht auch ins Bild“, sagt der 41-Jährige. „Ich bin stark tätowiert, Nicole hatte schonmal lila Haare. Da wurde man schon angeschaut und es wurde getuschelt. Der Stempel ist dann schnell da und gewisse Fernsehformate schüren dieses Bild auch noch. Angenehm ist das nicht.“

Die Lebenseinstellung weitergeben

Ebenso wenig wolle man gewissermaßen bewundert werden. „Die Leute fragen ja oft, wie wir das schaffen. Ich werde als Vater bejubelt, wenn ich mit allen Kindern auf einmal ins Schwimmbad gehe. Das ist schon komisch, weil es ja unsere Kinder sind, wir uns für sie entschieden haben und es für uns selbstverständlich ist, uns um sie zu kümmern.“

Ihre Lebenseinstellung möchten die Englands jedem ihrer Kinder mitgeben. Und wollen vor allem, dass alle glücklich werden. Marcel England: „Sie sollen mit sich selbst im Reinen sein und müssen niemandem etwas beweisen. Ihren Eltern schon gar nicht. Ob Mittelschule, Gymnasium, Chefarzt oder was auch immer, spielt im Leben doch überhaupt keine Rolle. Sie sollen einfach nur glücklich sein.“

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