0
Kissinger Sommer 2026
Mal leise und verträumt, dann wieder effektvoll
Timothy Ridout
Timothy Ridout // Jivang Chen
Frank Dupree
Frank Dupree // Marco Borggreve
Bad Kissingen – Timothy Ridout und Frank Dupree hatten sich gut auf das Festivalmotto „Mazel Tov“ eingestellt, wie ein Blick in ihr Programm zeigte. Und doch warteten sie in den Details mit Überraschungen auf.

Vor zwei Jahren sorgte er für eine kleine Sensation: der englische Bratschist Timothy Ridout, der mit dem Pianisten Federico Colli in den Rossini-Saal gekommen war. Ridout spielte derart überzeugend, dass er keinen Gegenkandidaten für die Vergabe des Luitpoldpreises 2024 hatte. Jetzt war er wieder da, mit Frank Dupree am Klavier.

Auch jetzt konnte man wieder staunen, auch über sein Instrument. Ridout spielt auf einer historischen Bratsche, die der Instrumentenbauer Peregrino di Zanetto zwischen 1565 und 1575 in Brescia gefertigt hat, eine Leihgabe der Internationalen Violingesellschaft von Beare. Sie hat einen wunderbar weichen, substanzreichen, sonoren Klang, den sie auch in der Tiefe nicht verliert, und sie neigt in der Höhe auch nicht zum Schreien. Eine wunderbare Ausgeglichenheit.

Programmatisch hatten sich Ridout und Dupree gut auf das Festivalmotto „Mazel Tov“ eingestellt, denn sie begannen mit den Hebräische Melodien für Viola und Klavier op. 9/3 des Geigers und Brahms-Freundes Joseph Joachim. Das sind drei hochromantische Sätze. Dafür hatte Timothy Ridout natürlich genau das richtige Instrument.

Ungewohnt direkter Klang

Wie aus einem Traum aufsteigend geriet der Einstieg ausgesprochen sanglich, melancholisch, vom Klavier mit leisen gebrochenen Akkorden begleitet. Ridout, der ohnehin nur mit einem schmalen Vibrato spielte, konnte streckenweise ganz darauf verzichten, was einen ungewohnt direkten Klang erzeugte. Leidenschaftlich, mit starkem Vortrieb eilte der zweite Satz vorbei, mit kleinen Aufschwüngen, aber immer im sanglichen Fluss bleibend. Der zupackende dritte Satz hatte seine Freundlichkeit verloren, war auf Vortrieb musiziert, bekam überfallartige Akzente vor allem vom Klavier. Aber der Schluss war wieder so leise, verträumt, dass man beinahe den Applaus vergessen hätte.

Es war geschickt, den Joachim-Freund Johannes Brahms folgen zu lassen mit seiner Sonate für Klarinette und Klavier Es-Dur op. 120/2 in der Fassung für Viola, die Brahms selber gefertigt hat. Auch die Sonate begann mit einem leisen Einstieg beider Instrumente. Aber dann wurde es kontrastreich. Denn die beiden Instrumente trieben sich voreinander her. Aber auch hier wieder ein leiser, sanglicher Schluss. Ein echtes Appassionato wurde der Scherzo-Satz mit viel, aber immer wieder gut abgefedertem Druck. Über den Schlusssatz hatten die Beiden einen langen Bogen gespannt und führten ihn in einem stärker werdenden Diskurs zu einer heftigen Reprise und einem krachenden Schluss.

Da ging es zur Sache

Das Konzertstück für Viola und Klavier von George Enescu, einem gelernten Geiger, war das kürzeste, aber auch virtuos anspruchsvolle Stück des Konzerts. Da ging es zur Sache, da wurde auf Konflikt musiziert, auf den Kontrast von Kraft und Eleganz. Da gab es effektvolle Überraschungen vor allem in den Klangfarben, da zeigte Ridout, dass im heftigen Staccato sogar seine Bratsche hässliche Töne erzeugen kann.

Aber auch in Ernest Blochs Suite für Viola und Klavier ging es zur Sache, denn immer wieder liefen die beiden Stimmen nebeneinander, aber unabhängig voneinander her. Da bekam die Musik ein leicht arabisches Aroma. In der Hektik musste man genau in das organisierte Chaos hineinhören, um den Durchblick zu behalten. Das war toll, aber nicht unbedingt immer schön - ganz im Sinn von Ernest Bloch. Köstlich geriet das „Allegro ironico“ mit seinem grotesken Pulsieren des Klaviers und extremen Läufen der Bratsche. Der Schlusssatz wurde zum D-Zug mit einem aberwitzigen Vortrieb. Man hatte Mühe, mit dem Hören nachzukommen, zumal Bratsche und Klavier mal wieder nicht parallel waren, sondern jeder sein eigenes Süppchen kochte. Aber der Zug kam rechtzeitig zum Stehen.

Als Zugabe gab es das recht elegante Allegro appassionato H 82 von Frank Bridge.

Inhalt teilen
  • kopiert!