Altgediente Kissinger-Sommer-Besucher denken gerne und schmunzelnd an ein Klavierrezital von Piotr Anderszewski vor vielen Jahren, also im 20. Jahrhundert, im damals noch großen Saal – möglicherweise war es sein erster Auftritt. Da hatte er im ersten Teil des Konzerts eine Partita von Johann Sebastian Bach gespielt. Und nach der Pause kam er wieder aufs Podium und erklärte, er würde diese Partita gerne noch einmal spielen. Der erste Durchgang habe ihm überhaupt nicht gefallen, und er wolle ihn so nicht stehenlassen. Abgesehen davon, dass da ein junger Pianist erstaunlichen Mut bewies, hat sich damals die Wiederholung gelohnt.
Jetzt, bei seinem Auftritt im Rossini-Saal, waren es Bedenken, die aufkamen beim Betrachten des Programms. Nichts dagegen, ein Klavierrezital mit Ludwig van Beethovens Sonate Klaviersonate Nr. 32 c-Moll, op. 111, seiner letzten, zu enden. Das ist immer ein würdiger und imposanter Abschluss. Aber davor! Da hatte offensichtlich die „Sokolovisierung“ in seinem Programm Einzug gehalten.
Zwölf Miniaturen
So wie Grigory Sokolov gerne lexikalische Programme spielt, also beispielsweise alle Mazurken von Chopin, scheint Anderszewski diese Chance bei Johannes Brahms und seinen Sieben Fantasien op. 116, Drei Intermezzi op. 117, Sechs Klavierstücken op. 118 und Vier Klavierstücken op. 119, mit denen er sein Klavierschaffen abschloss, gesehen zu haben. Man kann ihm schon dankbar sein, dass er von den insgesamt 20 Miniaturen nur zwölf auswählte.
Aber er ging etwas rau mit ihnen um, indem er die Reihenfolge aus nicht erkennbaren Gründen änderte, die vier Zyklen vermischte und damit die Zuordnung der einzelnen Sätze, die in unterschiedlichen Gemütsverfassungen und Umgebungen entstanden, obsolet machte.
Man hätte vielleicht dahinterkommen können, wenn Piotr Anderszewski emotionaler gespielt hätte, wenn er die technischen Aspekte nicht so sehr in den Vordergrund gestellt hätte. Und wenn er nicht gar so sehr auf Entromantisierung gesetzt hätte. Nicht ohne Grund hat Brahms die vier Zyklen die „Wiegenlieder meiner Schmerzen“ genannt.
Gleichförmigkeit statt Überraschung
Aber er ist einer, der gerne kräftig hinlangt, mit einem ziemlich harten Anschlag und einem unelastischen Ton. In der einen oder anderen Miniatur gab es durchaus Stellen, an denen diese Spielweise passte. Aber im Großen und Ganzen musste man die Sätze kennen, um ihnen folgen zu können. Zumal die Zäsuren zwischen ihnen mitunter kürzer waren als manche Generalpause in ihnen.
Vor allem aber hätten die zwölf Sätze angesichts des Umstandes, dass sie mehr oder weniger alle im mittleren Tempobereich liegen, zur Individualisierung eine stärkere klangliche und dynamische Gestaltung vertragen und vielleicht die eine oder andere Überraschung. So entstand irgendwann der Eindruck der Gleichförmigkeit. Und es muss sich niemand einen Vorwurf machen, mitten im Getümmel der Töne plötzlich auf andere Gedanken gekommen zu sein.
In Ludwig van Beethovens c-Moll-Sonate nahm er seinen Anschlag mit. Das war im ersten Satz gar nicht falsch. Das Motiv, das die langsame Einleitung eröffnet, schafft sofort die Spannung, die den Satz beherrscht. Der starke Kontrast zwischen den donnernden Akkorden knapp vor der Grenze des Pathetischen und ihren leisen Antworten hatte enorme Kraft und löste durchaus Neugier aus, wie die Sache weitergeht. Und sie ging dramatisch weiter in einem Kampf der Harmonien, der sich in der Durchführung noch verdichtete.
Raffinierte Einfälle Beethovens
Aber Piotr Anderszewski hätte in der Coda ein bisschen den Fuß vom Gas nehmen können, denn in dem Wandel nach D-Dur kündigt sich eigentlich ein Hinweis auf die heitere Arietta mit ihren fünf Variationen an. Der hätte eine dezentere Spielweise schon gutgetan, um das Variationenprinzip durchhörbarer zu machen. Denn Beethoven hatte da durchaus raffinierte Einfälle. Allein schon die rhythmischen Verschiebungen durch die Veränderung der Zählweise in jeder Variation.
Aber das Publikum war wohl ein bisschen erschlagen von der Wucht der Klänge und dem nicht allzu gut vorbereiteten Schluss. Der kam so überraschend, dass Piotr Anderszewski erst aufstehen musste, um den Beifall auszulösen. Die von ihm wohl erhofften Bravorufe kamen erst bei der zweiten Verbeugung.
Zwei Sätze von Johann Sebastian Bach (BWV 825) und Béla Bartóks Bagatellen spielte er als Zugaben. Und vor allem bei Bartók waren plötzlich die leisen, warmen, lebendigen Töne. Vielleicht hätte er einige der Brahms-Miniaturen durch diese Bagatellen ersetzen sollen?









