Auch wenn sie nicht jedes Jahr da waren, sind sie immer gerne gekommen – und übrigens auch immer mit ihren Chefdirigenten. Man erinnere sich an Leonard Slatkin, Sir Andrew Davis und seit 2013 Sakari Oramo – der übrigens vor einigen Tagen seinen Vertrag bis 2030 verlängert hat.
Die Londoner sind immer gerne zu ihren meist zwei Konzerten in den Regentenbau gekommen, nicht nur wegen des Saales, sondern vor allem, weil das zweite Konzert immer die „Last Night before the Proms“ war. Mit der Schlussfermate begann ihr Sommerurlaub.
Wenn dann Mitte Juli die Proms in der Royal Albert Hall begannen, mussten sie wieder da sein. Viele hatten deshalb ihr Urlaubsgepäck dabei oder die ganze Familie.
Stück für einen Propagandafilm
Das erste Werk des ersten Abends trug dem Motto des Festivals Rechnung – oder auch nicht. Denn Pavel Haas, 1899 in Brünn geboren, wurde im Dezember 1941 in das KZ Theresienstadt deportiert und im Oktober 1944 in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau umgebracht. Die „Studie für Streichorchester“ war sein letztes Werk. Dass die Studie „nur“ für Streichorchester ist, hatte einen konkreten Grund. Haas gehörte zum Leitungsteam des Lagerorchesters, für das er auch komponierte. Und er hatte ein Stück zu komponieren für den Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“, der in Theresienstadt gedreht wurde. Das Problem: Haas wusste vor den Proben nie, wer überhaupt noch kommen konnte, weil er noch am Leben war. Bei den solistisch besetzten Bläsern fiel ein Fehlen sofort auf, aber Streicher gab es immer genug.
Kleine Hoffnungsinseln
Die Musik der Studie ist doppelbödig. Wenn man um den Hintergrund ihrer Entstehung weiß, kann man sie als Reaktion auf den bodenlosen Zynismus der Auftraggeber hören, und das Orchester machte das auch deutlich. Da ist sehr viel Härte im Spiel, sehr viel Trotz, aber auch kleine Hoffnungsinseln. Wer ihn nicht kennt und die Studie als absolute Musik verstand, konnte erfahren, was für ein enorm breites Klangspektrum eine Versammlung von gleicher Bauart, aber unterschiedlicher Größe und Tonumfänge – und wie viel Emotionalität sich damit transportieren lässt. Die Streicherfraktion machte deutlich, welch starke perkussive Geräusche auch Violinen oder Violoncelli erzeugen können, welche Geräusche ganz nebenbei möglich sind, die vielleicht von einer Hupe zu erwarten sind. Vor allem aber war es die Emotionalität, deren Gestaltung so wichtig und möglich ist mit dynamischen und agogischen Mitteln, sei es das Seufzen, Aufbegehren, die Angst, das Hoffen, die Enttäuschung. Das gibt es alles schon in Bachs Kantaten, aber hier wurde es durch die Herausstellung wirklich deutlich, zumal das Orchester glasklar musizierte.
Eine würdige Vertretung
Natürlich war es schade, dass die Geigerin Lisa Batiashvili wegen Armproblemen absagen musste. Nicht nur, weil sie eine fabelhafte Musikerin ist, sondern auch weil sie das 1. Violinkonzert von Magnus Lindberg spielen wollte. Das war beim Kissinger Sommer noch nie zu hören. Aber ihre Kollegin Arabella Steinbacher war eine würdige Vertreterin, auch wenn sie das Lindberg-Konzert nicht auf dem Schirm hatte, sondern mit Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll op. 64 anreiste, das das Orchester offenbar auch im Repertoire hat. Obwohl nicht viel Zeit zur Verfügung stand, und sie das Konzert schon einige Zeit nicht mehr gespielt hatte, lief es ab wie am Schnürchen. Es ist eines der Pflichtstücke im Repertoire der Geigerinnen und Geiger. Man konnte ihr nur ein Kompliment machen, mit welcher Leichtigkeit sich Arabella Steinbacher durch die virtuos anspruchsvollen Problemstellen bewegte, mit welcher Genauigkeit sie dabei vorging und keinen Ton verloren gab, und wie gut sie sich mit dem Orchester und Sakari Oramo verstand. Gut, der ist selbst gelernter Geiger.
Die Zusammenarbeit funktionierte lückenlos, beide Parteien ließen sich lückenlos aufeinander ein, machten Druck in den beiden Ecksätzen, formulierten spannende Überleitungen und ließen der Solistin viel gestalterischen Freiraum im singenden Andante des Mittelsatzes. Und man merkte mal wieder, wie gut die Bläser der BBC sind.
Klangkraft vermittelt
Und doch blieb ein kleiner Vorbehalt, für den niemand etwas kann: Das Solo war nicht immer gut zu hören. Das lag nicht an Arabella Steinbacher, die ihren Bogen auf der vollen Länge nutzte, aber auch nicht am kooperierenden Orchester, das nie die Tendenz zeigte, seine Solistin zudecken zu wollen. Sondern es liegt die Vermutung nahe, dass ihre Geige ein bisschen leise geraten ist. Das zeigte die Zugabe. Denn bei dem ersten Satz aus Sergej Prokofieffs Solosonate für Violine klang sie plötzlich und überraschend auch kräftig, sogar kratzig und vermittelte Klangkraft. Und Arabella Steinbacher vermittelte die Erkenntnis, dass Sergej Prokofjew doch Humor gehabt hat.
Edward Elgars zur Mystifizierung neigende „Variationen über ein eigenes Thema für Orchester“ op. 38 oder auch „Enigma-Variationen“ bildeten den Abschluss. Und sie machten eine überraschende Entzauberung durch. Das ist eine Musik, die das ganze Getue um die Charakterisierungen von 14 Zeitgenossen von Elgar eigentlich nicht nötig hat und sie auch nicht braucht.
Denn die Menschen, die da gemeint sind, kennt heutzutage selbst in England fast niemand mehr. Und hierzulande überhaupt niemand. Und es ist auch egal, wer „Troyte“ oder „Nimrod“, Dorabella oder „***“ ist. Man kann auch diese Musik absolut hören und sich daran freuen.
Die Londoner machten das den Zuhörern leicht mit einem ungemein engagierten, farbigen, agogisch und dynamisch höchst differenzierten Spiel und klaren Strukturierungen.
Schmissig und volksliedhaft
Höchst amüsant war der Schluss: Allegro – Presto. Da konnte es das Orchester endlich so richtig krachen lassen. „E.D.U.“ hieß der Kerl, ein wahrer Riese und ein Kraftpaket. Und wer war E.D.U.“ Elgar selbst!
Natürlich gab es eine Zugabe. Den Titel des Liedes von Malcolm Arnold wusste Sakari Oramo selbst nicht so genau: „Irgendwas mit Am nächsten Sonntag werde ich 17 Jahre alt“. Aber es war schmissig und volksliedhaft grundiert.









