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Wandelkonzert
Wagenburg öffnete zum vierten Mal
Benefizkonzert
Musik in der Tiefgarage mit Klarinettist Davis Orlofsky und den Chaarts Chamber Artists. // Julia Milberger
Benefizkonzert
Im Wintergarten unter dem Dach des Hauses musizierte das Duo Aliada mit Michał Knot und Bogdan Laketic (r.). // Julia Milberger
Bad Kissingen – Benefizkonzert mit Musik, Unterhaltung und Büffet zugunsten des Kissinger Sommers.

Vor drei Jahren, als nach Corona sinnvolle Konzerte wieder möglich waren, da war es ein spannendes, aber vor allem auch mutiges Experiment gewesen: das Benefizkonzert für den Kissinger Sommer in der „Wagenburg“ am Staffels. Damals hatten Eugen und Ingeborg Münch, die seit vielen Jahren zu den Sponsoren des Festivals gehören, Intendant Alexander Steinbeis vorgeschlagen, ihr damals neu errichtetes Haus, das ausreichend Platz dafür bot, für ein Benefizkonzert mit Musik, Unterhaltung und Büffet zugunsten des Kissinger Sommers zur Verfügung zu stellen. In die musikalische Ausgestaltung wollten sie sich nicht einmischen: Carte blanche für den Intendanten.

Die Veranstaltung in Form eines Wandelkonzerts im Wintergarten auf dem Dach und in der ausgeräumten Tiefgarage des Hauses wurde auf Anhieb zu einem großen Erfolg – musikalisch, aber vor allem auch finanziell, dass sich im nächsten Jahr ein weiterer Versuch anbot. Und der brachte Bestätigung. So war es kein Experiment mehr, als sich die Wagenburg zum dritten Mal für den Kissinger Sommer öffnete. Und jetzt, beim vierten Mal, schwang schon spürbar die Hoffnung mit – auch wenn es niemand aussprach – dass diese Konzerte zu einem festen, etablierten Bestandteil des Kissinger Sommers geworden sind.

Wichtiges Event

Und zu einem wichtigen. Denn wenn das Festival sein international anerkanntes Niveau halten will – und nach dem 40-jährigen Jubiläumssommer ist das noch einmal gestiegen – braucht es jeden Cent, ist er auf jede Unterstützung angewiesen. Denn auch mit seiner hohen Platzauslastung kann es nur etwa 50 Prozent seines Etats mit den Einnahmen aus dem Ticketverkauf erwirtschaften. Die andere Hälfte kommt von der Stadt, dem Landkreis und dem Freistaat Bayern und von Sponsoren. Dass ein Festival mit Kissinger Anspruch sich selbst trägt, ist illusorisch. Rein rechnerisch ginge das nur mit einer Verdoppelung der Platzangebote (die man erst mal füllen müsste) oder mit einer 100-prozentigen Erhöhung der Ticketpreise (mit abschreckender Wirkung).

Es hat sich herumgesprochen, dass die Konzerte in der „Wagenburg“ durchaus etwas Besonderes sind – nicht nur wegen ihren vom Mainstream abweichenden spannenden und auch ungewöhnlichen Programmen und der starken Kontraste der beiden Spielstätten ganz oben und ganz unten in dem großen Haus. Sondern es ist auch die lockere Atmosphäre, in der da musiziert wird. Und das gefällt den Besuchern und Musikern gleichermaßen.

Ein ansteckendes Vergnügen

Dieses Mal kam dazu, dass man die beiden Ensembles bereits vom Kissinger Sommer her kannte. Das Konzert im Wintergarten unter dem Dach des Hauses gestaltete das Duo Aliada mit Michał Knot –(Sopransaxophon) und Bogdan Laketic (Akkordeon) mit einem Programm, das man bei der Besetzung nicht unbedingt erwartet hätte. Gut, ihre Ausflüge in die Volksmusik des Balkans und aus Skandinavien machte schon deshalb Sinn, weil die beiden Instrumente zum Repertoire gehören. Und man hätte auch nicht darauf verzichten wollen, den Michał Knot und Bogdan Laketic musizierten mit einem Feuer und ansteckenden Vergnügen, das sie sich mit ihrer enormen Virtuosität wirklich leisten können. Aber das eigentliche Erstaunliche war ihr Streifzug durch den den „klassischen Bereich”. Denn schon in der „Abdelazer-Suite“ von Henry Purcell zeigten die beiden nicht nur wie gut die beiden Instrumente zusammenpassen, sondern auch, mit welch glasklaren Tönen da musiziert werden kann und wie trotzdem eine plausible historische, barocke Intonation erreichbar ist.

Differenzierte Dynamik

Ihr Geheimnis wurde schnell klar: Sie bedienten sich einer ausgesprochen differenzierten Dynamik – fast möchte man sagen: Mikrodynamik bis kurz vor der Tonlosigkeit, mit der sie die Klangfarben steuerten. Das extreme Gegenteil war natürlich der „Russische Tanz“ aus Igor Strawinksys „Petruschka“: eine wunderschöne Lärmigkeit der Fastnacht, verwirrende Rhythmen, abrupte dynamische Wechsel und viel Vergnügen am Toben. Und schließlich „Trolltog“ („Der Zug der Trolle“) aus Edvard Griegs „Lyriske stykker“, ursprünglich für Klavier geschrieben, aber geschickt bearbeitet. Da kam das Geheimnisvolle, Gefährliche, Beklemmende bestens zum Tragen.

In der Tiefgarage warteten dann de Klarinettist Davis Orlofsky und die Chaarts Chamber Artists, ein siebenköpfiges Streicherensemble aus der Schweiz. Orlofsky gilt als einer der Musiker, die Klezmer und Jazz zusammengeführt haben. Und das hatte er auch in dem Programm. Gut, er begann mit dem Adagio aus der bearbeiteten Sonate für Klarinette und Klavier, ein bisschen harmlose Romantik, bei der man aber staunen konnte, wie leise und doch markant das Instrument auch im Zusammenspiel mit dem Ensemble sein kann. Aber dann gab es vor allem Klezmer und Jazz: zum einen Traditionelles aus Osteuropa mit dem bekannten Schwung und den bekannten Harmonien. Aber dazwischen eben auch vier Stücke von Orlofsky selbst. Da zeigte sich die Verschmelzung von Klezmer und Jazz. Aber es zeigte sich auch, das sich der Komponist nicht so sehr vom tänzerischen Schwung der Klezmorin getrieben fühlte, sondern dass er intellektuell grundiert Geschichten erzählen will.

Da ging’s zur Sache

Ein richtiges Streichquartett gab es auch mit Erwin Schulhoffs „5 Pieces for String Quartet”, mit denen er klassische Tänze auf den Arm nimmt wie Tango oder Tarantella. Da ging’s zur Sache, vor allem bei der „Serenata”, bei der die Angesungene vermutlich vor Angst und Schrecken den Rolladen hätte herunterkrachen lassen. Besonders dankbar war natürlich der Wiener Walzer, auch der sehr zupackend musiziert. Aber man fragte sich doch, ob es nicht sinnvoller wäre, sich hier den Wiener Schmäh zu bewahren, denn dann wäre die Zumutung eines Walzers in einem verqueren Zweiertakt vielleicht deutlicher und genüsslicher geworden.

Und dann ging’s noch einmal hinauf in den Wintergarten, wo zur Musik des Würzburger Trios „Red Pack“ bei Speis und Trank über das Gehörte oder über Perspektiven des Festivals diskutiert werden konnte – und vielleicht auch noch der eine oder andere zusätzliche Spendenscheck dem Intendanten zugesteckt werden konnte.

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