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Interview
AfD-Austritt: Lippold-Eggen als „Schwein“ beschimpft
Freia Lippold-Eggen ist aus der AfD ausgetreten. Der Grund der Bad Kissingerin: der zunehmende Rechtsextremismus in der Partei.
Freia Lippold-Eggen ist aus der AfD ausgetreten. Der Grund der Bad Kissingerin: der zunehmende Rechtsextremismus in der Partei. // Johannes Schlereth (Archiv)
Bad Kissingen – Die 68-Jährige weiß von Mitgliedern, die ihrem Beispiel folgen wollen. Der AfD-Bezirksverbandschef sieht in ihren Äußerungen eine "Schmutzkampagne".

Die Nachricht aus der Saale-Zeitung verbreitete sich im Netz und deutschlandweit in allen relevanten Medien wie ein Lauffeuer: Freia Lippold-Eggen, bis dato Vize-Vorsitzende im Kreisverband Unterfranken Nord für die AfD, schmeißt hin. Die Begründung: Die AfD wird ihr zur rechtsradikal, sie zieht Vergleiche mit der NSDAP. Sie ist die erste Funktionärin, die diesen Schritt geht. Die Reaktionen auf diese bislang deutschlandweit einmalige Reaktion einer AfD-Funktionärin blieben nicht aus. „Ich habe viel Unterstützung erfahren, musste aber auch lesen, dass ich ,ein Schwein' bin.“ Zur Frage, warum sie erst so spät die Reißleine gezogen hat, antwortet sie in diesem Interview.

Frau Lippold-Eggen, welche Reaktionen haben Sie auf Ihren Austritt erfahren?

Freia Lippold-Eggen: Ausgetreten sind mein Mann Peter Eggen und ich am Dienstag. Wir haben allerdings bislang noch keine Bestätigung von der Zentrale der AfD erhalten. Ich rechne damit, dass wir bald eine Bestätigung bekommen, alles andere würde mich sehr wundern.

Und die Reaktionen von Freunden, Parteifreunden oder Parteifeinden? Bei Twitter beispielsweise wird vermutet, dass Sie für den Verfassungsschutz arbeiten würden und so versuchen würden, der Partei zu schaden.

Das ist völliger Blödsinn, völliger Quatsch, auch, dass ich Geld dafür erhalten hätte, ist purer Unsinn. Die Leute scheinen geistig verwirrt zu sein, ihre Motive erschließen sich mir nicht, das ist einfach nur lächerlich. Allerdings lese ich Twitter nicht, so ficht mich das auch nicht wirklich an. Jede Behauptung erfordert Beweise – und Beweise für ihre kruden Unterstellungen können diese Menschen gar nicht liefern.

Eine Frage, die häufig in den sozialen Medien gestellt wird: Warum haben Sie sich nicht früher zu diesem Schritt erschlossen?

Ich kann es nur noch mal wiederholen: Unser Kreisverband Unterfranken Nord hatte keine rechtsradikalen Tendenzen. Dass es die gibt, wissen wir natürlich, aber eben nicht bei uns. Wir konnten im Kreisverband ordentliche, demokratische Arbeit machen, ohne rechtsradikale Politik. Und dann kam der überfallartige Eingriff auf den Kreisverband Haßberge durch die „Prager Burschenschaft Teutonia zu Würzburg“. Deren Mitglied Daniel Halemba ist auch Mitglied der klar rechtsextremistischen Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD. Mit Wissen und Wollen unseres Bezirkvorstands wurde Halemba als Rechter im Kreisverband installiert. Als ich mich gegen diese rechte Unterwanderung wehren wollte, hatte ich keine Chance. Da war mir klar, dass die Unterwanderung der Kreisverbände von übergeordneten Gremien gebilligt und gewollt ist. Als Stadträtin und als Kreisrätin und als ein nicht radikales Mitglied der AfD kann ich mich nicht von rechtsradikalen Burschenschaftlern beherrschen lassen.

Also besser spät als nie?

Hinterher ist man immer klüger. Als die AfD angetreten ist, hieß der Slogan: Mut zur Wahrheit. Genau aus diesem Grund sind mein Mann und ich nun ausgetreten.

Waren Ihnen die sattsam bekannten rechten Tendenzen in der AfD vorher egal?

Nein. Die AfD ist schon lange gespalten. Es gibt viele Gemäßigte, die die Haltung hatten oder haben: ,Die werden schon nicht übergriffig werden, die Rechten sind Teil einer Partei, was man aus demokratischen Gründen ja auch nicht verhindern kann’. Aber jetzt, nach der Machtübernahme im benachbarten Kreisverband Haßberge ist klar: Der Rechtsruck ist ganz klar von der Partei gewollt. Der Trend geht zur Radikalität.

Da machen doch nicht alle mit, oder?

Nein – aber genau diese Menschen, denen das zuwider ist, müssen jetzt handeln, sie müssen sich besinnen – oder sie heulen weiter mit den Wölfen mit. Das ist ähnlich wie bei einem Erdbeben: Als Zuschauer betrifft es dich nicht, es scheint weit weg zu sein. Aber wir sind hier keine Zuschauer mehr, der gewollte Rechtsruck ist da, er ist Realität. Und wer vernünftige, nicht rechtsextreme Politik mit der AfD machen wollte, der muss jetzt zu dem Schluss kommen, dass das nicht mehr möglich ist. Und dass nur ein Austritt aus der Partei die Folge sein kann.

Gibt es unter den Reaktionen auf Ihren Austritt auch positive?

Überraschend viele sogar. Es melden sich Menschen, die dasselbe vorhaben, es melden sich Menschen, die uns beglückwünschen. Und die die Deutlichkeit meiner Worte loben: dass mich die heutige Zeit an 1933 und das Starkwerden der NSDAP erinnert. Auch aus dem Bad Kissinger Stadtrat haben sich zwei wohlwollend geäußert. Da fällt es nicht so ins Gewicht, dass mich jemand als Feigling oder Schwein betitelt. Der Shitstorm ist  - noch – nicht so groß.  

Sie sind die erste Funktionärin der Partei, die aufgrund des Rechtsradikalismus innerhalb der AfD das Handtuch geworfen hat, und das öffentlich, ohne mit Kritik zu sparen. Das Interview zieht mächtig Kreise, viele Medien möchten nun mit Ihnen sprechen.

Ja, das kam offenbar einer Bombe gleich. Aber das wundert mich. Denn ich weiß von vielen, dass sie die Schnauze voll haben – aber sich einfach nicht trauen. Ich frage mich, wie diese Menschen es schaffen, jeden Tag Zweifel zu haben, ob das, was sie tun, noch richtig ist. Ich weiß von mir selbst: Der erste Schritt ist schwer. Denn er geht auch damit einher, dass man Angst hat, ausgegrenzt zu werden. Das ist mir alles klar. Aber mir ist ein Ende mit Schrecken lieber als ein Schrecken ohne Ende. 

 


Update: AfD-Chef Unterfranken reagiert

Derweil meldete sich Richard Graupner per Mail an die Redaktion der Saale-Zeitung zu Wort. Der Vorsitzende des AfD-Bezirksverbandes Unterfranken sieht eine "Schmutzkampagne von Frau Lippold-Eggen", die ihre "Wirkung verfehlen" werde. Graupner: "Das Verhalten von Frau Lippold-Eggen entspringt offensichtlich ihrer Enttäuschung über ihre erfolglose Bewerbung um eine Kandidatur zur Landtagswahl im Stimmkreis Haßberge/Rhön-Grabfeld." Außerdem seinen ihre Aussagen im Einzelnen "unzutreffend, widersprüchlich und konstruiert, sodass es sich verbietet, darauf überhaupt ernsthaft einzugehen." 

 


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