Mehr als 20 Grad an Silvester, ein Jahr 2022, das zusammen mit 2018 das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnung ist: Der Klimawandel ist da, auch in Deutschland. Die Natur reagiert verstört. Wir haben Franz Zang, Vorsitzender der Kreisgruppe Bad Kissingen des Bundes Naturschutz befragt, wie er die Veränderung besonders bei Pflanzen und Tieren wahrnimmt und warum sie nicht nur negative Effekte hat.
Herr Zang, der Sommer 2022 war geprägt durch Dürre; andererseits war es im Dezember lange kalt, dann ungewöhnlich warm. Ist das Wetter oder schon Klimawandel?
Franz Zang: Tatsächlich werden Wetter und Klima häufig verwechselt. Erst wenn diese Wetterphänomene zur Regel werden, zeigen sie langfristige Veränderungen an. Beispiel: Wir haben es viele Jahre gar nicht bewusst wahrgenommen, dass der Frühling früher kam und der Sommer später endete. Plötzlich merken wir, dass wir eine um inzwischen vier Wochen längere Vegetationsperiode im Vergleich zu vor 50 Jahren haben. Das ist für viele Menschen sehr erfreulich, aber die Folgen für den Wald wie für alle Pflanzen sind nicht mehr zu übersehen. Dass der Wald sich ändert und in den kommenden Jahrzehnten ändern wird, liegt daran, dass alle Pflanzen, auch Bäume, länger wachsen, also länger Wasser verbrauchen. Ein großer Baum verbraucht und verdunstet etwa 400 Liter Wasser am Tag. Was wir gerade erleben, ist ein Wetterphänomen, die Häufung dieser Phänomene zeigt uns den Klimawandel an.
Derzeit blüht zum Leidwesen von Allergikern schon die Hasel. Welche Veränderungen beobachten Sie noch bei Pflanzen?
Hier gab es in den letzten Jahren durch den früheren Austrieb, die frühere Blüte und folgende Nachtfröste vor allem im Wein- und Obstbau Totalausfälle. Das stellt Winzer und Obstbauern vor große Herausforderungen, das durch eine veränderte Sortenwahl auszugleichen. Die Frostschäden fielen auch bei der Buche stark ins Gewicht. Ein Spätfrost in einer Zeit, in der durch Wassermangel ohnehin geschädigte Bäume schon begrünt sind, schwächt sie noch mehr. Nach Spätfrösten verbrauchen die Bäume für den Neuaustrieb die ohnehin knappen Ressourcen. Zudem fällt für mehrere Wochen die Photosynthese aus, so dass ihre Widerstandsfähigkeit weiter sinkt.
Auch Tiere scheinen zunehmend unruhig …
Natürlich wachen manche früher aus dem Winterschlaf auf. Amphibien etwa werden eventuell kurz wach, fressen etwas, werden sich bei der nächsten Abkühlung wieder in die Erde zurückziehen. Wenn es aber nicht wesentlich kälter wird, werden sie sich deutlich früher auf den Weg machen. Tatsächlich sehen wir Ringelnattern, die ihr Winterquartier verlassen haben. Um Silvester trugen an vielen Bienenständen die Bienen Pollen ein, wohl von vielerorts blühenden Haselsträuchern. Durch diese höhere Aktivität verbrauchen sie mehr Futter; Imker können das mit einer zusätzlichen Fütterung ausgleichen.
Treten Zugvögel überhaupt noch die Reise in den wärmeren Süden an?
Störche bleiben zunehmend im Land. So waren in den Saaletalwiesen letzte Woche welche zu beobachten. Sie passen sich offensichtlich schnell an die milden Temperaturen an. Das gilt nicht für alle Tiere: Für den Kuckuck – ein Langstreckenzieher von jenseits des Äquators – sieht es schlechter aus. Wenn diese Tiere hier ankommen, sind Wirtsvögel wie der Teichrohrsänger oder der Hausrotschwanz mit ihrer Brut zu weit. Ich persönlich habe in den letzten Jahren seltener als früher den Ruf eines Kuckucks gehört. Die gestörte zeitliche Passung von Insekten und Pflanzen, die sie normalerweise bestäuben, ist ein inzwischen bekanntes Phänomen. Und dass wir um Silvester von Mücken gestochen werden, ist eine Bestätigung, dass nicht nur ,nette’ Tiere wie der Bienenfresser auf dem Vormarsch in den Norden sind.
Welche Auswirkungen haben der Mangel an Frost und Schnee in der Region?
Dass der Boden nicht mehr so häufig gefriert, hat den Effekt, dass mehr Regenwasser versickern kann: anders als bei gefrorenem oder schneebedeckten Böden. Die Überschwemmungen etwa im Sinntal traten ja mehrheitlich im Winter auf, wenn es auf die gefrorenen Hänge des Kreuzbergs oder der Schwarzen Berge regnete. Der gefrorene Boden wirkt dann wie eine Versiegelung. Insgesamt könnte die Situation also einen positiven Effekt für den Grundwasserhaushalt haben. Welche Wirkung eine ausbleibende Schneeschmelze mit dann fehlenden stärkeren Wasserständen in unseren Bächen hat, können wir allerdings noch nicht absehen.
Wie sieht es mit den Böden in der Rhön aus?
Bei warmer Witterung ist die Aktivität der Bodenbakterien und der -Pilze höher. Streu wird also schneller zersetzt. Das könnte durchaus dazu führen, dass damit mehr Nährstoffe mobilisiert werden können. Was aber die fehlende ’Winterruhe’ mit den Böden macht, das ist nicht absehbar.
Eine Bauernregel besagt: „Eis und Schnee im Januar, kündigt ein gesegnet Jahr“ .Wenn es danach ginge, sähe es für die Ernten schlecht aus. Aber diese Regeln sind ja das Ergebnis von langjährigen Beobachtungen, aus der Erfahrung geboren in den letzten Jahrhunderten, in denen das Klima recht stabil war. Das hat sich geändert, schon lange wissen wir, dass sich – wie gerade wieder geschehen – durch die Erderwärmung ganz neue Wetterlagen ergeben: Zeiten mit sehr lange anhaltenden stabilen Hoch- oder Tiefdruckgebieten – mit Eiseskälte, die tief in den Süden der Nordhalbkugel vordringt oder lang anhaltender Trockenheit. Dass das vergangene Jahr in einer langen Kette der Steigerung wiederum das wärmste seit der Wetteraufzeichnungen war, das belegt den Klimawandel. Prinzipiell gilt wohl, dass wir zwar verschiedene Veränderungen wahrnehmen können. Was das aber auf lange Sicht bedeutet, das werden wir erst mit den nächsten Jahren feststellen können.
Das Gespräch führte
Steffen Standke.
Lesen Sie auch:















