Majde Abed steht inmitten von Körben und Kisten voller Obst, Gemüse, Kräutern, Bohnen und Nüssen. Koriander und Sojasprossen bietet er unverpackt und frisch an, genauso wie Mini-Gurken und Mini-Zucchini, Melonen, Äpfel, Tomaten und Paprika. In den Regalen stehen Gläser mit Rosenblütenmarmelade, syrische Gewürze, Kartons mit Mluchiya (ein arabisches Blattgemüse), exotische Softgetränke etwa mit Granatapfel, Fladenbrot, Gebäck und Süßigkeiten. „Bei uns kriegt man türkische, arabische, Balkan- und russische Produkte. Und alles, was Halal ist“, erklärt der 28-jährige Syrer mit palästinensischen Wurzeln.
Aufgewachsen ist Abed in Syriens Hauptstadt Damaskus. Nach dem Abitur kam er mit 18 Jahren nach Deutschland. Er lebte in Stuttgart, lernte Bautechniker und arbeitete auf dem Bau. Weil er die hohen Lebenskosten in der Großstadt leid war, zog es ihn vor drei Jahren mit seiner Familie nach Sulzthal, wo bereits sein Bruder lebt. Hier entschied er sich, sich als Händler selbstständig zu machen.
Er hat in Bad Kissingen eine Marktlücke entdeckt. Es gibt zwar kleinere Läden in der Kurstadt, die ähnliche Lebensmittel vertreiben, aber frisches Halal-Fleisch gibt es in Bad Kissingen und näherer Umgebung bislang nicht. „Viele arabische Familien sind bislang nach Schweinfurt oder Würzburg gefahren, um einzukaufen. Für Muslime ist das Halal sehr wichtig“, erklärt er. Deshalb gehört zu seinem „Familie Bazar“ auch eine Halal-Metzgerei, in der er frisches Rinder-, Kalbs-, Lamm- und Hühnchenfleisch entsprechend den islamischen Glaubensregeln anbietet.
Halal bezeichnet im Islam allgemein Dinge und Handlungen, die erlaubt sind. In der Ernährung bezieht sich das etwa auf das Fleisch von Pflanzenfressern wie Rindern, Schafen und Hühnern, die nach bestimmten Vorschriften geschlachtet und geschächtet werden. „Man sagt, das ist gesünder. Auf jeden Fall schmeckt es anders“, meint Abed. Nach Halal-Regeln zu schlachten, ist in Deutschland nur mit Ausnahmegenehmigung und unter bestimmten Auflagen möglich. Der Import ist erlaubt.
Eier, Milch, Obst und Gemüse sowie Öle und unvergorene Produkte sind ebenfalls zulässig. Verboten sind Schweinefleisch und Nebenprodukte wie Gelatine, aber auch Alkohol und alkoholhaltige Lebensmittel sowie Produkte, in denen Blut verwendet wird. 82 Prozent der Muslime in Deutschland legen laut einer Untersuchung der Universität für angewandte Wissenschaften Frankfurt Wert auf eine Halal-konforme Ernährung.
„Ein Jahr Vorbereitungszeit habe ich bis zur Eröffnung gebraucht“, berichtet Abed. Einen geeigneten Laden fand er in der Hemmerichstraße 10, an der Kreuzung zur Maxstraße. Dort war vorher über Jahrzehnte die Fahrschule Centro ansässig. Rund 25.000 Euro hat er investiert: Für die nötigen Genehmigungen, um die Räume als Lebensmittelgeschäft mit Metzgerei zu nutzen und für die nötigen Umbaumaßnahmen. Beispielsweise musste der Metzgereichbereich gefliest, mit einem Kühlraum ausgestattet und eine Kühltheke installiert werden. „Wir haben dafür einen Architekten beauftragt“, sagt er.
Außerdem hat es Zeit gebraucht, sich ein passendes Händlernetz aufzubauen. Das Frischfleisch bezieht er von einem Großhändler aus Frankfurt, das übrige Lebensmittelsortiment von Händlern aus ganz Deutschland. Sein Brot wird von der syrischen Bäckerei „Albaraka“ in Schweinfurt gebacken. „Wir lieben unser arabisches Fladenbrot wie die Deutschen ihr Schwarzbrot“, sagt er und lacht.
Den „Familie Bazar“ führt Majde Abed gemeinsam mit seiner Frau und zwei Mitarbeitern als Familienbetrieb. Eröffnet hat der Laden vor einigen Wochen. Sein Händlernetz nutzt Abed, um sich neben dem Bazargeschäft auch als Obst- und Gemüsegroßhändler zu betätigen. Das heißt, er verkauft sein Obst und Gemüse nicht nur im Laden an den Endkunden, sondern er beliefert inzwischen bereits andere Märkte sowie Gastronomiebetriebe in der Region mit seiner Ware.
Halal-Lebensmittel als Wirtschaftsfaktor
Mit nach Halal-Kriterien hergestellten Produkten und Dienstleistungen wurde weltweit im Jahr 2022 ein Volumen von rund 2,29 Billionen US-Dollar umgesetzt. Lebensmittel machen daran den Großteil aus, mit 1,4 Billionen US-Dollar. Der Markt wächst, 2019 betrug das Gesamtvolumen noch 2,02 Billionen US-Dollar. Dem Islam gehören weltweit rund 1,9 Milliarden Menschen an, in Deutschland sind es rund 5,5 Millionen Menschen.
In Europa ernähren sich etwa vier Prozent der Bevölkerung nach islamischen Richtlinien. In der Großen Kreisstadt Bad Kissingen werden in der Einwohnerstatistik nach Religionszugehörigkeit Moslems nicht als eigenständige Gruppe ausgewiesen. Etwa 1.500 bis 2.000 Menschen aus dem arabischen und türkischem Raum leben in der Stadt.
Quellen: Statista Research Department/ Stadt Bad Kissingen













