Als er das frühere Kaufhaus Grom erworben hat, ging Projektentwickler Niko Rotschedl eigentlich davon aus, dass in dem Gebäude lediglich kosmetische Renovierungsarbeiten anstehen würden. Immerhin war das markante Anwesen in der Unteren Marktstraße 1 nie nennenswert leer gestanden und die Vorbesitzer, Familie Grom, hatten regelmäßig in den Unterhalt investiert.
Sanierung mit Hindernissen
Aber das denkmalgeschützte, 126 Jahre alte Gebäude hatte in den drei oberen Etagen einige Überraschungen für den neuen Besitzer parat. „Wir mussten den kompletten Putz von den Wänden schlagen, weil er nicht mehr gehalten hat“, berichtet er. Darunter kamen die verschiedensten Baumaterialien aus unterschiedlichen Bau- und Umbauphasen zum Vorschein: Metallträger direkt neben Holzstreben, Natur- und Industriegestein genauso wie Beton. Das erschwere die Sanierung, vor allem unter Brandschutz Gesichtspunkten.
Aktuell laufen die Sanierungsarbeiten in allen Obergeschossen: Wo Kunden früher Bekleidung kauften, sollen Büros in bester Innenstadtlage entstehen. „Wir haben die Räume innen komplett zurück gebaut. Wir müssen in jeder Etage eine Brandschutzdecke einziehen und an den Fenstern die Stahlstreben mit Brandschutzplatten verkleiden“, berichtet Rotschedl.
Alles unter Beachtung des Denkmalschutzes
Die Ver- und Entsorgungsleitungen wurden ausgetauscht, sowie sämtliche Anschlüsse neu gemacht. Im Treppenhaus wurde eine neue Entrauchungsanlage eingebaut und der Aufzug wird gerade erneuert. Ferner müssen alle Fenster getauscht werden – an der sichtbaren Front zur Unteren Marktstraße und zum Marktplatz hin ist das aus Denkmalschutzgründen mit größerem Aufwand und Kosten verbunden. „Wir bauen neue Holzfenster mit Profilierung am Rahmen ein, angelehnt an die alten Fenster. Dadurch werden wir dem Denkmalschutz gerecht und werten das Straßenbild auf“, erklärt er.
Wärmepumpen statt alten Heizungen
Auch die alten Etagenheizungen sind rausgeflogen. An ihre Stelle kommen je Stockwerk eine Wärmepumpe, die die Räume im Winter heizen und im Sommer kühlen. Auf denkmalrechtlich geeigneten, nicht sichtbaren Dachflächen ist eine Photovoltaikanlage geplant, zudem werden die Außenwände auf der Innenseite gedämmt. „Bei einem Einzeldenkmal ist das immer schwierig, aber hier können wir energetisch einiges herausholen“, meint der Eigentümer.
In Summe investiert Rotschedl für Kauf samt Sanierung rund drei Millionen Euro in das frühere Kaufhaus Grom. „Die Qualität von dem Gebäude ist außen bewundernswert. Diese Qualität führen wir jetzt nach innen. Wir wollen alles richtig machen, um das Gebäude langfristig am Markt und im Bestand zu halten“, sagt er.
Mieter sind bereits gefunden
Rund 720 Quadratmeter neuer Bürofläche entstehen insgesamt. Während Rotschedl für das zweite Obergeschoss und das Dachgeschoss noch keine Mieter hat, steht bereits fest, wer das erste Obergeschoss beziehen wird: Die Mitarbeiter der Merkur-Privatbank. Das bestätigt die Pressestelle auf Nachfrage. Die Filiale ist bisher in der Unteren Marktstraße 3 untergebracht. Der Platz dort reicht nicht mehr aus, deshalb werden zusätzliche Räume angemietet. „Die Merkur Privatbank bezieht das erste Obergeschoss in der Unteren Marktstraße 1 in Bad Kissingen, um dem fortschreitenden Wachstum durch den Bezug zusätzlicher Geschäftsräume gerecht zu werden. Die Erweiterung der Filiale, in der aktuell 13 Mitarbeiter tätig sind, soll im 4. Quartal 2024 abgeschlossen werden“, teilt die Pressestelle mit.
„Wir bauen das erste Obergeschoss für die Bank um“, sagt Rotschedl. Vorgesehen sind fünf Büroräume mit Kapazitäten für bis zu 20 Arbeitsplätze, ein Aufenthaltsbereich, ein Besprechungszimmer, Sozialräume, Teeküche und Sanitärräume.
Dass im früheren Kaufhaus Grom Wohnungen entstehen, hat Rotschedl schon früh ausgeschlossen. Es gibt keine Automobilstellplätze, zudem sei der Zimmerschnitt zu groß und wenig attraktiv zum Wohnen. Als Büros für Banken, Kanzleien und ähnlich gelagerte Berufe, seien sie hingegen ideal geeignet.
Die Geschichte des Kaufhauses Grom
Das Gebäude Untere Marktstraße 1 wurde 1898 vom Würzburger Baumeister Ignaz Moll im Stil der Gründerzeit errichtet, ursprünglich als Weinstube. Es handelt sich um einen dreigeschossigen Eckbau mit Satteldach, nördlichem Treppengiebel mit Dachzinnen und Erkern. Bis etwa 1913 war dort die Gaststätte Dauchs Weinstube untergebracht.
Liebmann 1913 eröffneten die Brüder Daniel und Louis Liebmann, beide jüdischer Herkunft, dort ihr Textilgeschäft und bewohnten das Anwesen auch. Es folgte NS-Terror: Am 16. November 1934 wurde das Geschäft in der Unteren Marktstraße auf polizeiliche Anordnung geschlossen. Daniel und Louis Liebmann wurden unter dem Vorwand „unberechtigter Preissteigerungen“ für einen Monat verhaftet. Bis zur Reichspogromnacht 1938 führten sie den Laden weiter, bis sie endgültig verhaftet wurden. Während Louis und Daniels Sohn Arno in die USA emigrierten, wurden Daniel und Ehefrau Anna Liebmann nach Izbica deportiert, wo sie als verschollen gelten.
Grom 1939 gründete Heinrich Grom sein eigenes Unternehmen, 1941 zog er in die Untere Marktstraße 1 um, wurde danach allerdings zum Kriegsdienst eingezogen. 1945 kehrte Grom aus Russland zurück. 1954 erwarb er das Anwesen und baute es zum späteren Kaufhaus Grom aus. Nach dem Tod Heinrichs 1992 führte Frau Frieda Grom das Geschäft, ab 1997 Sohn Heiko Grom. 2019 wurde der zuletzt als reines Modehaus geführte Familienbetrieb geschlossen und anschließend nach ein paar Jahren Leerstand an Immobilienunternehmer Niko Rotschedl verkauft. 2023 öffnete im Erdgeschoss die Modeboutique Sara, aktuell werden die oberen Etagen zu Büros umgebaut.
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