In der Event-Lokalität Sinneszeit in der Au sind die Lichter ausgegangen. Die betreibende Genossenschaft „Sinneszeit eG“ wird liquidiert, erläutert Insolvenzverwalterin Andrea Wollner (Würzburg) auf Nachfrage dieser Redaktion zum Stand eines eingeleiteten Insolvenzverfahrens. Die Genossenschaft hatte die Insolvenz im November 2022 angemeldet. Das Verfahren dauere nicht lange, die vorhanden Werte und Forderungen seien überschaubar, so Wollner.
Kursangebote noch online
Obwohl das Unternehmen den Geschäftsbetrieb inzwischen eingestellt hat, waren die Seiten samt den den letzten im Dezember absolvierten Kursangeboten rund um Wellness und Wohlbefinden am Dienstag, 24. Januar, noch online präsent und mit dem grünen Button „geöffnet“ markiert. Auf Nachfrage dieser Redaktion sprach Genossenschaftsvorstand Rainer Stein von einem Versehen. Am Mittwoch sprang der Button auf „Rot“ für geschlossen.
Hohe Energiekosten
Für das Scheitern der Betreibergenossenschaft Sinneszeit e.G macht Stein vor allem Personalmangel verantwortlich: „Wenn der Vorstand alleine da steht und putzt, dann stimmt was nicht“. Nachdem immer mehr Leute aus gesundheitlichen Gründen ausgefallen seien, darunter der 2. Vorstand, habe man im November auch angesichts der gestiegenen Gaspreise beschlossen, die Reißleine zu ziehen. Erschwerend sei hinzugekommen, dass die einzelnen Gebäudeteile mit Tagungsräumen von 60 bis 140 Quadratmetern kaum separat zu heizen seien.
Zuversichtlich gestartet
Dabei war der Betrieb 2019 zuversichtlich durchgestartet. Die negative Entwicklung sei kein typisches Bad Kissinger Phänomen, so Vorstand Stein mit Blick auf die Nachwirkungen von Corona. „Die Leute sind sehr mit sich selbst beschäftigt“ sagt er. Am Haus jedenfalls habe es nicht gelegen und auch nicht am Kursangebot. „Wir waren gut gebucht“, macht er zur Auslastung geltend. Es habe bereits Buchungen für 2023 gegeben, die nun abgesagt werden mussten.
Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet
Aus dem ganzen Bundesgebiet habe man in den vergangenen Jahren Gäste gehabt, laut Stein gab es Seminare mit 30 bis 120 Teilnehmern. Nun herrsche helle Aufregung bei Veranstaltern, weil ähnliche Häuser auch anderenorts auf dem Rückzug seien. Weil die eigene Übernachtungskapazität beschränkt gewesen sei, habe man der Bad Kissinger Hotellerie Übernachtungsgäste gebracht.
Doch während die Sinneszeit mit ihren Angeboten überregional auf reges Interesse gestoßen sei, „sind die Bad Kissinger nie auf das Angebot angesprungen“, sagt Stein mit Blick auf das örtliche Umfeld und verweist unter anderem auf einen Tag der offenen Tür mit mäßigem Zuspruch. Ein Biergarten, in dem Gastronom Marcus Beran (Hammelburg) bis zu 800 Plätze vorgesehen hatte, scheiterte 2021 kurz nach seinem Start an unterschiedlichen Vorstellungen für die Zukunft.
Fremdelnde Kurstädter
Neben Seminaren hatte die Sinneszeit auch auf Firmen- und Familienfeiern und Konzerte gesetzt. Als Meilenstein ihrer Geschichte hatte die Genossenschaft die Renovierung ihrer neun Gästezimmer bezeichnet. Doch trotz aller Werbung fremdelten die Kurstädter offenbar, was das Kursangebot anging. Da gab es neben Yoga, Tanz und Meditation sowie Themen rund um die Schwangerschaft teils auch etwas esoterische klingende Veranstaltungen, wie das Lichtwurzel-Erntedankfest, Vorträge über die Blume der Weiblichkeit, die Klangheilung mit den sieben Gestirnen des Sonnensystems oder das Tanzritual zur Wintersonnenwende. Diese Angebote sind in der Au nun Geschichte. Insolvenzverwalterin Wollner spricht von einem „kleinen Insolvenzverfahren“. Es habe nur einzelne offene Rechnungen gegeben. Aus Rücklagen sei es gelungen, ausstehende Heizkosten und das Verfahren selbst zu bezahlen. Andere Kosten wie Mietkosten seien gestundet worden.
Das hat wohl Gründe: Genossenschaftsvorstand Rainer Stein ist als Geschäftsführer der Transparek ImmoRente GmbH (Bischofsheim) zugleich Miteigentümer des Anwesens nahe der Saline, erläutert er die dort vorhandene Konstellation. Von der Insolvenz betroffen sind laut Wollner aber auch 20 Genossen, deren Anteile von insgesamt 3000 Euro je Person jetzt in die in die Insolvenzmasse fallen. Mit 60 Pflichtanteilen zu 50 Euro man sich an der Betreibergenossenschaft beteiligen. Gleichzeitig wurde auf das Risiko des Verlustes der Einlagen hingewiesen. Die Homepage wies aber auf das Verlustrisiko hin. Laut Rainer Stein kam eine Hälfte der Genossen aus der näheren Region und die andere Hälfte aus ganz Deutschland.
Wie geht es mit dem Salinenblick weiter?
Wie geht es nun mit dem ehemaligen Salinenblick weiter? „Wir werden wohl nicht mehr verpachten“, folgert Stein aus den bisherigen Erfahrungen. Etwa zehn Jahren seien verschiedene Betreibermodelle gescheitert. Jetzt habe sich die Lage in der Gastronomie weiter verschlechtert. Deswegen spreche vieles für einen Verkauf, sagt Stein, der sich als Finanz- und Immobilienexperte sowie Berater von etwa 20 kleinen Genossenschaften, angefangen von der Hüte- bis hin zur Pflegegenossenschaft bezeichnet. Das letzte Wort über die Zukunft der Lokalität habe die Eigentümergemeinschaft.
Aber gewisse Vorstellungen äußert der 52-Jährige schon: Unter 1,1 Millionen Euro werde der Gebäudekomplex nicht zu haben sein. „Wir müssen ja nicht verkaufen“, macht er geltend. Mit einem Blick auf die Bodenrichtwerte geht Stein von einem Wert des 1,8 Hektar großen Areals von rund drei Millionen Euro aus.
Dieser Betrag werde aber nur schwer zu erzielen sein, dämpft Stein seine Einschätzung mit Blick auf die Lage der Immobilie im Außenbereich. Bei Bauvorhaben stoße man auf strenge Auflagen. „Da haben immer 20 Behörden mitgesprochen“. Den schwarzen Peter zum Scheitern der Sinneszeit möchte er nicht einfach weiterreichen. Die Bad Kissinger könnten nichts dazu, versucht er sich mit einem versöhnlichen Fazit und verweist dabei auf die bundesweit schwierigen Rahmenbedingungen der Gastronomie.
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