Prozesstag 11
Wie der Innenminister die Ermittler überraschte
Ein Jahr nach der tödlichen Messerattacke eines wohl psychisch kranken Mannes auf ihm unbekannte Menschen in Würzburg haben Bürger der Mainstadt  an die Opfer erinnert.
Ein Jahr nach der tödlichen Messerattacke eines wohl psychisch kranken Mannes auf ihm unbekannte Menschen in Würzburg haben Bürger der Mainstadt an die Opfer erinnert.
Foto: Heiko Becker, dpa
Veitshöchheim – Ein Jahr nach der Würzburger Messerattacke geht in Veitshöchheim der Prozess gegen den Beschuldigten Abdirahman J. weiter.

Am elften Verhandlungstag um die Würzburger Messerattacke werden Ermüdungserscheinungen in diesem Prozess unübersehbar – nicht nur bei dem Beschuldigten. Abdirahman J. selbst sagt während der zwei Stunden auf Drängen des Vorsitzenden Richters ein einziges Mal „ja“, um eine Aussage seiner Verteidiger zu bestätigen. Ansonsten starrt der 32-Jährige schweigend ins Leere, als sei er in einer ganz anderen Welt. Die Dolmetscherin übersetzt für ihn jedes Wort dieser Verhandlung ins Somalische. Doch es wirkt, als rede sie gegen eine Wand.

Viermal so viele Plätze wie Zuhörer

Nur noch sieben Anwälte der 14 Opfer, vier Zuschauer und zwei Journalisten verfolgen an diesem Montag die Aussagen der Zeugen. Sitzplätze gibt es in den Mainfrankensälen in Veitshöchheim für viermal so viele Zuhörerinnen und Zuhörer. Ab und zu ringt ein Nebenkläger pflichtschuldig um eine Nachfrage, wirklich Erhellendes aber hat bisher keine der Antworten gebracht. Man quält sich dem 22. Juli entgegen, an dem zwei Gutachter vor Gericht erwartet werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie sagen, dass der Beschuldigte zur Tatzeit, 25. Juni 2021, schuldunfähig war. Dann kann plädiert und entschieden werden.

Polizist widerspricht Herrmann

Immerhin wird eine folgenschwere Voreiligkeit jetzt zum Thema: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) war offenbar falsch informiert, als er kurz nach der Festnahme des Messerangreifers den Ermittlungen den Weg wies – in die falsche Richtung: Vieles spreche für eine „islamistisch motivierte Tat“, sagte Hermann in Interviews. Man habe bei der Durchsuchung der Unterkunft des Angreifers „einiges gefunden, was auf islamistisches Propagandamaterial hinweisen könnte“.

Staunen unter Fachleuten

Nichts hat dies in den bislang zehn Prozesstagen auch nur andeutungsweise bewiesen. Die Aussage des Ministers habe unter den Fachleuten für Staunen gesorgt, sagte am Montag ein Würzburger Ermittler im Zeugenstand. Er war eigens vom G7-Gipfel aus Elmau angereist. Man habe kein Propagandamaterial gefunden, sagte er auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters. Es hätten sich „nicht einmal ansatzweise“ Bezüge zur in Somalia tätigen Terrormiliz Al Schabaab herstellen lassen, bestätigte der Polizist auf Nachfrage des Verteidigers Hanjo Schrepfer.

„Ich hoffe, ich komme ins Paradies“

Immerhin hatte Herrmann vor einem Jahr auch gesagt, man müsse die Auswertung zweier Handys des Messerangreifers abwarten: zwei Nachrichten, geschrieben eineinhalb Stunden vor Beginn der Bluttat. Sie wurden jetzt im Prozess verlesen: „Ich hoffe, ich komme ins Paradies“, hatte Abdirahman J. geschrieben – nicht an islamistische Drahtzieher, sondern an seine Mutter und an seine Frau. Wenig später hatte er im Kaufhaus Woolworth ein großes Messer genommen und wie wild auf ahnungslose Kunden und Passanten eingestochen. Drei Frauen ermordete er, neun Menschen verletzte er schwer.

Interview nach Übergriffen gegeben

Bei ihren Ermittlungen stießen die Polizisten auf ein vier Jahre altes Interview mit dem Geflüchteten, das nun auch dem Gericht vorliegt. Am 1. September 2018 war es in Chemnitz, wo der Somalier damals wohnte, zu Übergriffen gegen Ausländer gekommen. Die Reporterin Johanna Rüdiger hatte danach Abdirahman J. und einen Mitbewohner zum Interview getroffen.

Im Video berichteten sie, wie sie von mutmaßlich rechtsextremen Schlägern gejagt worden seien. „Er bat mich um Hilfe“, schilderte die Reporterin nach der Würzburger Bluttat in einem Beitrag der Deutschen Welle die Begegnung mit dem Somalier. „Auf mich wirkte er nicht psychisch gestört, sondern sehr normal.“

Der Ermittler erinnerte am Montag daran, dass der Beschuldigte 2016 einen Landsmann mit einem Messer bedroht habe. Das damalige Opfer berichtete vor einem Jahr der Polizei, er habe ein Telefonat von Abdirahman J. mitgehört, in dem dieser behauptet habe, in Somalia „Polizisten und Journalisten umgebracht“ zu haben. Der heute 32-Jährige bestritt das.

Pause bis 14. Juli

Der Prozess pausiert nun zweieinhalb Wochen und wird am 14. Juli fortgesetzt.