Forschung
„Mein Vater hat ein Ufo gesehen“
Unbekannte Flugobjekte stellen viele Menschen sich so vor – im Stil einer fliegenden Untertasse. Ob da etwas dran ist, wollen Wissenschaftler wie Prof. Dr. Hakan Kayal herausfinden.
Unbekannte Flugobjekte stellen viele Menschen sich so vor – im Stil einer fliegenden Untertasse. Ob da etwas dran ist, wollen Wissenschaftler wie Prof. Dr. Hakan Kayal herausfinden.
Foto: Photobank, adobe stock
F-Signet von Redaktion Fränkischer Tag
Würzburg – Hakan Kayal, Professor für Raumfahrttechnik an der Uni Würzburg, beschäftigt sich mit unidentifizierten Phänomenen.

Als die „New York Times“ 2017 über ein geheimes Programm des US-Verteidigungsministeriums zur systematischen Erforschung von Ufos berichtete, war dies der Startschuss für einen wahren Hype um das häufig verlachte Thema. Jetzt will die US-Raumfahrtbehörde Nasa selbst eine Studie zu „Unidentified Aerial Phenomena“ (UAP) starten, zu unidentifizierten Himmelsphänomenen also. Ein Forschungsfeld, das Hakan Kayal beschäftigt. Der Professor für Raumfahrttechnik forscht und lehrt an der Universität Würzburg am Institut für Informatik als Experte für Raumfahrtsysteme und Kleinstsatelliten für wissenschaftliche Zwecke. Und er beschäftigt sich – als einer von wenigen Wissenschaftlern weltweit – mit UAPs.

Professor Kayal, Boulevardmedien nannten Ihre Einrichtung kürzlich „Ufo-Institut“. Ist die Bezeichnung korrekt? Prof. Hakan Kayal: Nein, das ist schlicht falsch. Es gibt kein Ufo-Institut hier. Richtig ist aber, dass wir bereits 2016 ein interdisziplinäres Zentrum für Extraterrestrik namens Ifex eingerichtet haben.

Was machen Sie konkret? Anfang dieses Jahres haben wir „Unidentified Aerial Phenomena“ explizit als Forschungsthema aufgenommen. Das Zentrum beschäftigt sich aber nicht nur mit UAPs und der Suche nach extraterrestrischen Intelligenzen, sondern auch mit der Erforschung des Sonnensystems, des Weltraums, Astronomie, Satelliten und Satellitenmissionen in das Sonnensystem.

Sie sprechen nicht von Ufos, sondern von UAPs. Worin liegt der Unterschied? Es gibt ein paar Gründe, warum sich in den USA seit ein paar Jahren besonders der Begriff UAP etabliert hat. Zunächst wollte man von diesem stigmatisierten Begriff Ufo wegkommen, man möchte nicht mehr über fliegende Untertassen oder Ufos sprechen. Der zweite Grund ist, dass der Begriff UAP allgemeiner gehalten ist: UAPs können Wetter- oder Naturphänomen sein, aber auch Objekte. Der Begriff Ufo unterstellt direkt, dass ein konkretes, materielles Objekt gesehen wurde.

Pro. Dr. Hakan Kayal beklagt die Stigmatisierung der Ufo- beziehungsweise UAP-Forschung.
Pro. Dr. Hakan Kayal beklagt die Stigmatisierung der Ufo- beziehungsweise UAP-Forschung.
Foto: S. Gralla

Was meinen Sie mit Stigmatisierung? Das Thema wurde jahrzehntelang lächerlich gemacht. Ich würde aber sagen, dass gerade ein Paradigmenwechsel stattfindet: In den USA soll eine große Studie der Nasa zu UAPs anlaufen.

Was will die Nasa erforschen? Man möchte feststellen, welche Daten über Ufos und UAPs überhaupt vorliegen. Im zweiten Schritt will man dann herausfinden, was man bräuchte, um mehr, oder relevante Daten zu bekommen. Welche Systeme, welche Sensoren, welche Software? Das dritte Ziel: erforschen, ob man die Wissenschaft durch die Erforschung von UAPs oder Ufos voranbringen kann. Genau das wollen wir auch herausfinden. Im Prinzip strebt die Nasa also genau das an, was wir schon machen. Natürlich mit viel mehr Geld und Ressourcen.

 

Die Stigmatisierung hat Sie also nicht abgehalten, über solche Fragen zu forschen? Es gibt ganz wenige Universitäten, die es sich trauen, über UAPs zu forschen. Was wir tun, ist in Deutschland erstmalig und einzigartig. Eigentlich gibt es nur das Galileo-Projekt in Harvard und uns an der Universität Würzburg. Ich denke, auch in Deutschland gibt es einige Wissenschaftler, die sich für das Thema interessieren und das in ihren Aktivitäten auch zu erkennen geben. Indem sie zum Beispiel über die Möglichkeit sprechen, dass UAPs außerirdische Raumschiffe sein könnten. Aber es ist eben genau diese Stigmatisierung, die die meisten davon abhält, es als offizielles Forschungsthema zu deklarieren. Da ist einfach bisher die Angst zu groß gewesen, dass man dadurch an Reputation verliert. Außerdem ist es auch aus wissenschaftlicher Sicht nicht einfach.

Nicht einfach – das heißt? Das ist der Natur des Phänomens selbst geschuldet. Etwas seriös zu erforschen, was Sie nicht als Experiment im Labor aufbauen und wiederholen können, ist äußerst schwierig. Sie wissen nicht, wann und wo es vorkommt und Sie haben nicht die richtigen Instrumente, um es zu detektieren. Fördermittel für solch ein Thema zu bekommen, ist sehr, sehr schwierig. Und ohne Geld ist Forschung kaum möglich.

Woher kommt denn Ihre Leidenschaft für das Thema? Der Weltraum hat mich schon als Kind interessiert. Als ich auf dem Gymnasium war, habe ich mich gefragt, was ich studieren muss, damit ich als Wissenschaftler als Erster und unmittelbar die Daten sehen darf, die Sonden von anderen Planeten liefern. Ich habe mir vorgestellt, im Missionskontrollzentrum zu sitzen. Das ist der technische Aspekt. Aber mir geht es auch um die großen Fragen des Lebens: Warum gibt es Leben? Was ist das Leben überhaupt? Gibt es woanders Leben? Da kommen Sie automatisch auf das Thema Ufos und UAPs.

Prof. Dr. Hakan Kayal hält es nicht für unwahrscheinlich, dass Zivilisationen existieren, die wissenschaftlich viel weiter sind als wir und Technik anwenden, die uns heute unvorstellbar erscheint.
Prof. Dr. Hakan Kayal hält es nicht für unwahrscheinlich, dass Zivilisationen existieren, die wissenschaftlich viel weiter sind als wir und Technik anwenden, die uns heute unvorstellbar erscheint.
Foto: Gralla

Haben Sie schon mal eine solche Sichtung gemacht? Nein, aber ich kenne sehr viele Fälle von Sichtungen. Mein Vater hat in den 70er Jahren selbst ein Ufo gesehen. Ein einziges Mal, völlig überraschend und unerwartet, davon hat er natürlich berichtet.

Was hat Ihr Vater denn damals genau beobachtet? Was er schildert, ist ein klassisches Ufo, also rund, weiß, mit blinkenden Lichtern drumherum mit verschiedenen Farben. Kein metallisches Objekt, sondern unscharfe Kanten, klassische Untertassenform, lautlos, schnell, nicht sehr weit weg, also ein paar Hundert Meter.

Oftmals wird solchen Schilderungen kein Glauben geschenkt. Ja. Aber warum sollte mich mein Vater anlügen und völlig aus der Luft gegriffen plötzlich etwas über Ufos erzählen?

Wie ordnen Sie als Wissenschaftler heute diese Schilderung Ihres Vaters ein? Es fehlen ein paar wichtige Charakteristika, die er nicht beobachtet hat, die es interessanter machen würden – nämlich abrupte Flugmanöver und extreme Beschleunigungen. Es war wohl ein langsames, lineares Gleiten. Auf einer Skala von null bis zehn, wie interessant das für uns wäre, würde ich die Sichtung bei sechs einstufen. Ich würde ihm glauben, aber zunächst nichts weiter unternehmen.

Haben Sie am Institut in Würzburg denn die Möglichkeit, solche Phänomene zu überprüfen, wenn Sie sie gemeldet bekommen? Daran arbeiten wir. Unsere Forschung fokussiert sich im Moment darauf, eigene Sensorsysteme zu entwickeln, die wir auf den Dächern hier testen. Unsere „SkyCAM-5“ ist inzwischen auf dem Geographiegebäude am Hubland im Dauerbetrieb.

Und hatten Sie damit bereits eine interessante UAP-Sichtung? Nein, ein interessantes Ereignis in dem Ausmaß, dass ich sagen würde, wow, dem müssen wir jetzt nachgehen, habe ich in den ein, zwei Jahren, in denen wir uns jetzt intensiver mit dem Thema beschäftigen, noch nicht erlebt. Man bräuchte mehr solcher Sensoren, die vernetzt wären und die an Orten aufgestellt sein müssten, wo man Ufos halbwegs erwartet. Das wollen wir auch machen.

Wo würden Sie denn hier Ufos am ehesten erwarten? An der US-Pazifikküste, vor San Diego, fand 2004 der Nimitz-Vorfall statt. Dort wurde das „Tic-Tac“-UAP von Piloten der US-Navy gesichtet, und es war wohl nicht das einzige. Das könnte also ein Kandidat für ein Gebiet sein. Oder in Hessdalen in Norwegen. Da gab es in den 80ern vermehrt Sichtungen der sogenannten Hessdalen-Lichter. Aber das Aufstellen von Sensoren alleine reicht noch nicht: Man muss auch Beziehungen haben oder mit staatlichen Stellen kooperieren, deren Aufgabe die Luftraumüberwachung ist.

An welche Stellen denken Sie da?
Das könnte zum Beispiel die Polizei sein, das Luftfahrtbundesamt und der Deutsche Wetterdienst. Konkret würde die Zusammenarbeit so aussehen: Wir kriegen etwas gemeldet, das wir als interessant einstufen und kontaktieren dann unsere Partner, um mehr Daten über das Phänomen zu erhalten. Die Luftraumüberwachung oder der Deutsche Wetterdienst könnten dann Aufschluss darüber geben, ob einer Sichtung etwa ein kreuzender Satellit oder ein Wetterphänomen zugrunde liegt.

Sie wären dann also die Schnittstelle? So ist es. Wir möchten in Deutschland eine koordinierende Rolle einnehmen, was die UAP-Forschung betrifft. Interdisziplinäre Kontakte zu Gruppierungen, wissenschaftlichen Einrichtungen und staatlichen Einrichtungen aufzubauen, ist wichtig. Da gibt es technische, aber auch gesellschaftliche, religiöse und soziologische Aspekte.

Können sich Menschen mit Sichtungen an Sie wenden?
(lacht): Die Menschen machen das sowieso. Im Moment fehlen uns dafür die personellen Kapazitäten, perspektivisch wollen wir aber dazu in der Lage sein, Meldungen zu bearbeiten.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es intelligentes Leben im All gibt?
Dass es im Universum Leben außerhalb der Erde gibt, das wir nur noch nicht gefunden haben, halte ich für sehr wahrscheinlich. Und wenn es schon Leben gäbe, dann halte ich es ebenfalls für sehr wahrscheinlich, dass es auch intelligentes Leben gibt. Und wenn es intelligentes Leben gibt, halte ich es wiederum für wahrscheinlich, dass Zivilisationen existieren könnten, die wissenschaftlich viel weiter sind als wir und in der Lage sind, Technik anzuwenden, die uns heute unvorstellbar erscheint. Und so könnte es sein, dass sie herumfliegen, um unsere Nasen herum, und wir ignorieren sie konsequent.

Sie würden das Existieren außerirdischer Aktivitäten auf der Erde nicht kategorisch ausschließen?Die beharrliche Antwort auf diese beharrliche Frage lautet: Wir wissen es nicht. Ich halte es aber nicht für ausgeschlossen. (von SIMON HÖRNIG)

 

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