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Der Lauf seines Lebens
Grenzerfahrungen: Robin Wilm packt die 100 Meilen in Nizza
Robin Wilm: Grenzerfahrungen beim 100-Meilen-Lauf in Nizza
Vom Fußball auf den Trailsport ist Robin Wilm umgeschwenkt. Beim 100-Meilenlauf im Süden Frankreichs meisterte der Rottershäuser seine bislang größte Herausforderung. // privat
Nizza/Rottershausen – Der 28-Jährige erfüllt sich an der Côte d'Azur einen Traum: Der Rottershäuser erreicht beim Ultralauf über 160 Kilometer durch die französischen See-Alpen nach knapp 32 Stunden das Ziel.

Exakt 104 Läufer hatten vor Robin Wilm das Ziel erreicht. Über zehn Stunden nach Cristofer Clemente Mora, dem Sieger aus Spanien, lief der 28-Jährige am frühen Abend durch den Korridor, der für den Rottershäuser zum Triumphbogen wurde. Den Lauf seines Lebens hatte der Unterfranke aus dem Landkreis Bad Kissingen erfolgreich hinter sich gebracht. Zur Wahrheit gehört ja auch, dass knapp 300 Athleten später als Wilm ins Ziel kamen, und fast 200 (!) sogar hatten aufgeben müssen.

Kein Wunder. 31 Stunden und 53 Minuten war Robin Wilm gelaufen, am Stück. 160 Kilometer gespickt mit unglaublichen 8500 Höhenmetern. Ein Ultratrail quer durch die französischen See-Alpen, der den Sportlerinnen und Sportlern physisch, aber auch psychisch alles abverlangte. „Ich wollte finishen. Das war das große Ziel bei meinem ersten Lauf über hundert Meilen“, sagt Wilm, der als Projektleiter in Straubing arbeitet und der sich dieser krassen Herausforderung im Vorjahr angenähert hatte mit der Teilnahme am 100-Kilometerlauf in Nizza.

Für seine Passion hat Robin Wilm den Fußballsport mit wenigen Ausnahmen an den Nagel gehängt. Was während der Corona-Zeit mit Trainingsläufen begann, entwickelte sich zu einer Art Obsession. Immer mehr wurde das neue Hobby in den Alltag integriert. Zu einem gewissen Talent gesellte sich großer Fleiß, gepaart mit Akribie. „Im September 2021 bin ich noch etwas blauäugig meinen ersten Ultra in den Bergen gelaufen, über 60 Kilometer und 5000 Höhenmeter in Bad Hofgastein. Das lief auf Anhieb ganz gut“, erinnert sich Wilm.

Die Ernährung umgestellt und die Umfänge massiv gesteigert

Schon ein Jahr später traute sich der Rottershäuser zwei 100-Kilometer-Rennen an der Zugspitze und in Innsbruck zu und überstand auch eine schwere Knieverletzung, die eine siebenmonatige Sportpause nach sich zog. „Im Juni vergangenen Jahres habe ich mich dann viel mit Ernährung und Trainingsmethodik beschäftigt. Ich trinke kaum Alkohol und habe die Umfänge massiv nach oben geschraubt“, sagt Wilm, der in Spitzen bis zu 120 Kilometer in der Woche läuft, alles in Eigenregie plant und jede Gelegenheit zum Training nutzt, um so viele Höhenmeter wie möglich draufzupacken.

In der Vorbereitung auf den Nizza-Ultra hatte Robin Wilm im Juli sogar ein zweiwöchiges Trainingslager in Südtirol absolviert, „weil ich im Mobile Office arbeiten konnte.“ Es ist ein vom Beruf und Sport geprägtes, aber gewiss kein asketisches Leben, welches der Rottershäuser führt. „Ich treffe mich natürlich weiter gerne mit Freunden, schaue den Kumpels beim Fußball zu und bin nach wie vor im Organisations-Team von unserem Lutzi-Festival im Ort.“

Robin Wilm: Grenzerfahrungen beim 100-Meilen-Lauf in Nizza
Geschafft: Robin Wilm erreicht das Ziel in Nizza. Für die 160 Kilometer hatte der Rottershäuser knapp 32 Stunden benötigt. // privat

Reisekosten, nicht billiges Equipment und 270 Euro Anmeldegebühr nahm Robin Wilm in Kauf, um am 4. Oktober pünktlich um 12 Uhr im Bergdorf Auron gemeinsam mit fast 600 Ausdauer-Spezialisten losgelassen zu werden. „Ich hatte eine Zeit zwischen 32 und 35 Stunden angepeilt. Aber da sind so viele Einflüsse, die alles schwer kalkulierbar machen“, weiß Wilm, in dessen knapp vier Kilogramm schweren Laufweste sich Pflichtausrüstung wie Regenjacke, Medi-Kit und Stirnlampe befanden.

Alle zehn bis 15 Kilometer gab es eine Verpflegungsstation. „Zweimal bestand die Möglichkeit, Klamotten zu wechseln. Weil es in den Bergen geschneit hatte, habe ich einmal von Kurz auf Lang und am nächsten Morgen zurück auf Kurz gewechselt“, so Wilm, der dank Tracking und GPS-Uhr sowie guter Beschilderung keine Orientierungs-Probleme hatte.

Im Sekundenschlaf gegen eine Felswand gelaufen

„Richtig erschrocken habe ich mich nur, als ich nachts in einen Sekundenschlaf fiel und gegen eine Felswand lief, passiert ist aber nichts. Es ist erstaunlich, was der Körper zu leisten imstande ist. Für mich war die mentale Herausforderung sogar die größere, weil man so viel Zeit zum Nachdenken und auch schmerzhafte Momente hat.“ Was Robin Wilm half, waren Begegnungen mit anderen Läufern, „wo man sich gegenseitig pushen kann. Aber es gab auch Phasen, wo ich über viele Stunden komplett alleine war. Umso schöner war es, als die Sonne aufging. Das hat richtig motiviert.“

Gut zwölf Stunden später, kurz vor 20 Uhr, wurde der Unterfranke auf der berühmten „Promenade des Anglais“ mit dem wunderschönen Blick auf das Mittelmeer von positiven Emotionen durchflutet. „Das waren Glücksgefühle ohne Ende. Keine Schmerzen. Aber nachdem ich mich ordentlich verpflegt hatte, kam schnell die Müdigkeit. So richtig realisiert habe ich das alles erst einige Tage später. Da sind so viele Eindrücke, die man erst verarbeiten muss. Manche schaffen so einen 100-Meilenlauf erst nach mehreren Anläufen, bei mir hat das auf Anhieb geklappt. Das ist überwältigend. Solche Erfahrungen nimmt man fürs Leben mit.“ Eine knappe Woche Urlaub mit „aktiver Erholung“ hatte sich Robin Wilm an der Côte d’Azur gegönnt, ehe es zurück in die Heimat ging.

Robin Wilm: Grenzerfahrungen beim 100-Meilen-Lauf in Nizza
Ein solches Panorama bieten die französischen See-Alpen, die Robin Wilm beim Ultra-Lauf mit Ziel in Nizza aus nächster Nähe erlebte. // privat

Eine gute Woche später stellte der Rottershäuser seine gute Form bei einem Marathon am Bodensee unter Beweis, lief in 2:49 Stunden persönliche Bestzeit und qualifizierte sich damit sogar für den Boston-Marathon. „Da mal teilzunehmen, ist ein Traum, aber meine nächsten Ziele liegen weiter im Trail-Bereich“, sagt der 28-Jährige, der sich in 2025 schon für zwei Ultra-Läufe in Italien und Spanien angemeldet hat und auf einen Startplatz beim wohl berühmtesten Ultralauf der Welt hofft: dem „Ultra-Trail du Mont-Blanc“ über 176 Kilometer und 10.000 Höhemeter. „Qualifiziert bin ich, aber es gibt mehr Bewerber als Startplätze, weshalb ich hoffen muss, dass ich gelost werde.“

In der Region ist der Langstrecken-Spezialist ebenfalls präsent: Nach seinen starken Vorstellungen beim Hochrhön-Bergtrail in Hilders und beim Burgentrail des SC Ostheim, als der 28-Jährige unterfränkischer Meister seiner Altersklasse wurde, führt Robin Wilm in der Gesamtwertung des Trailrunning-Cups Rhön. Die Abschlussveranstaltung dieser kleinen Serie bildet der Streutaltrail am 3. November. Satte 21 Minuten Vorsprung hat der Rottershäuser vor dem finalen Marathon-Lauf über 800 Höhenmeter. Selbst eine Felswand und ein Sekundenschlaf würden Robin Will nicht aufhalten.

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