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Leichtathletik
Frusterlebnis bei der WM stachelt Merlin Hummel an
Lässt sich seine Zuversicht nicht nehmen: Merlin Hummel
Lässt sich seine Zuversicht nicht nehmen: Merlin Hummel // Marcus Brandt/dpa
Kulmbach – Drei Würfe, drei Fehlversuche – dennoch bezeichnet der Kulmbacher Hammwerfer Merlin Hummel sein WM-Desaster als wichtige Erfahrung. Der 21-Jährige hat auch eine Vermutung, woran es lag.

Erstmals in der Geschichte der Leichtathletik-Weltmeisterschaften gab es für Deutschland weder Gold, Silber noch Bronze. Selbst die früher stets als Bank geltenden Werfer und Stoßer konnten in Budapest die Medaillen nicht aus dem Feuer holen. Auch nicht der Kulmbacher Hammerwerfer Merlin Hummel, der mit drei Fehlversuchen in der Quali ohne Ergebnis ausschied. „Ich konnte mein festes Technikkonstrukt nicht abrufen“, blickt der 21-Jährige mit eineinhalb Wochen Abstand auf den bislang bedeutendsten Wettkampf seiner jungen Karriere zurück.

Schon in den Tagen vor dem Wettkampf hatte er sich nicht gut gefühlt. Der Rücken zwickte, doch keiner fand eine Ursache dafür. Die medizinische Abteilung des Deutschen Leichtathletikverbandes stand vor einem Rätsel. „Am Rücken ist meiner Einschätzung nach nichts. Höchstwahrscheinlich war die Ursache Überspannung durch zu viel Training und zu wenig Entspannung“, mutmaßt Merlin Hummel, der sich bei der Bundeswehr demnächst einer MRT-Untersuchung unterziehen will.

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Obwohl er im WM-Wettkampf schmerzfrei war, konnte er seine Wurfroutine nicht abrufen. „Das waren schlechte Würfe. Das hat sich schon beim Einwerfen festgefahren“, sagt Hummel. Dabei hätte der 21-Jährige mit seiner heuer aufgestellten Bestweite von 76,23 Metern locker das Finale der besten Zwölf erreicht, für das schon 74,56 Meter genügten.

EM und Olympia 2024 die nächsten Ziele

Das Negativerlebnis von Budapest will Merlin Hummel nun in positive Energie ummünzen, wie er direkt nach dem Wettkampf der DLV-Medienabteilung zu Protokoll gab: „Das war ein Tag, aus dem ich richtig viel Motivation schöpfe. Das wird mir im nächsten Jahr bei EM und Olympia nicht mehr passieren, dafür werde ich noch härter arbeiten.“ 78,20 Meter muss der Kulmbacher werfen, um der erste Olympionike aus dem Landkreis zu werden. Doch wie schon für die WM heuer kann sich Hummel auch über einen guten Weltranglistenplatz für Paris qualifizieren. Sechs Wochen vor den Spielen will Hummel in Rom seine erste Erwachsenen-Europameisterschaft bestreiten. Hier liegt die DLV-Norm bei 77 Metern.

Merlin Hummel und sein Trainer Martin Ständner planen nun die Vorbereitung auf das Wettkampfjahr 2024, das den jungen Kulmbacher Hammerwerfer zu den Olympischen Spielen nach Paris bringen soll.
Martin Ständner trainierte Merlin Hummel zwölf Jahre lang und formte ihn zum Olympioniken und Vize-Weltmeister. Jetzt ist das Tischtuch zwischen Trainer und Athlet zerschnitten. // Christian Schuberth

Für Merlin Hummel war der verpatzte Auftritt von Budapest gleichzeitig der letzte Wettkampf 2023. Denn nun rückt er in die Sportförderkompanie der Bundeswehr ein und absolviert ab kommenden Montag in Hannover eine vierwöchige Grundausbildung.

Saison war „nicht schlecht“

Auch wenn er bei der DM, als er seine Startkarte zu spät abgab und nur außer Konkurrenz starten durfte, und der WM zwei große Enttäuschungen erlebte, bewertet Merlin Hummel die Wettkampf-Saison 2023 als „nicht schlecht“. Schließlich wurde er U23-Vize-Europameister und holte bei der Team-EM in Polen mit Deutschland Bronze. „Ich habe durch sehr viele internationale Wettkämpfe so viel Erfahrung wie noch nie gesammelt.“ Das Scheitern in Budapest könne er auch deshalb ganz gut verkraften, „weil ich mit null Erwartung dahingefahren bin“, wie er sagt.

Dass Niederlagen zum Sportlerleben gehören, daran erinnert dieses Plakat Merlin Hummel bei seiner täglichen Trainingsarbeit im Trainingsraum in Stadtsteinach.
Dass Niederlagen zum Sportlerleben gehören, daran erinnert dieses Plakat Merlin Hummel bei seiner täglichen Trainingsarbeit im Trainingsraum in Stadtsteinach. // Christian Schuberth

Die WM-Teilnahme sei eine „Riesenerfahrung“ und ein „Riesenmotivationsschub“ für ihn gewesen.„Das, was passiert ist, hat mich wachgerüttelt, dass ich künftig noch besser auf meinen Körper achte. Ich weiß jetzt auch, in welchen Bereichen ich noch Verbesserungspotenzial habe.

Nach seinem kurzen Wettkampf gleich am ersten WM-Wettkampftag blieb Hummel noch neun Tage in Budapest. „Ich habe mir noch viele Wettkämpfe und die Stadt angesehen und mit erfahrenen Athleten gesprochen. Die Zeit hat mir gutgetan, um den Kopf frei zu kriegen“, meint der Kulmbacher.

Auch Ständner rätselt noch

Auch Hummels Trainer Martin Ständner rätselt bis heute, was seinen Schützling in Budapest wirklich ausgebremst hat. „Es gibt bis heute keine genaue Diagnose. Jeder sagt etwas anderes. Wir wissen nicht, ob es wirklich der Rücken war oder eine Kopfsache.“ Auch die DLV-Psychologin Tanja Damaske, frühere Weltklasse-Speerwerferin, habe das nicht herausfinden können. Vielleicht, so Martin Ständner, bringt die MRT-Untersuchung etwas zu Tage.

Die Vorbereitung habe jedenfalls gestimmt, meint der UAC-Trainer. „Merlin hat sich im Training richtig reingehauen.“ Heilfroh war Martin Ständner, dass sich Merlin Hummel bei der U23-EM mit dem letzten Wurf noch Silber geholt hat. „Das war mental für ihn ganz wichtig, vor allem in Hinblick auf die nächste Saison“, sagt der 67-Jährige.

Die WM in Budapest hat auch der langjährige Wurftrainer genossen. „Die Atmosphäre im neuen Stadion war super, Toiletten, Verpflegung und Anfahrt mit S-Bahn perfekt. Die ganze Stadt war auf die WM eingestellt“, schwärmt Ständner. “ Mit Zsolt Nehmet, dem früheren Vize-Weltmeister und heutigem Vize-Präsidenten des ungarischen Leichtathletik-Verbandes, durfte er das neue Trainingsgelände der Werfer in Budapest besichtigen. „Dafür wird dort richtig Geld ausgegeben“, sagt Ständner mit durchaus neidischem Blick.

Sportförderung wird gekürzt

In Deutschland dagegen hat das Innenministerium angekündigt, den bisherigen Zuschuss in Höhe von 300 Millionen Euro für die Sportverbände um zehn Prozent kürzen zu wollen. Für den Deutschen Leichtathletik-Verband würde das künftig nur noch etwa 9,4 statt 10,4 Millionen Euro Zuschuss bedeuten. Damit würde sich der Trend umkehren, denn in den vergangenen zehn Jahren ist die Fördersumme stark gestiegen. So musste sich der DLV 2013 mit nur sechs Millionen Euro vom Staat begnügen.

Mehr Geld bedeutete allerdings keineswegs mehr Medaillen – im Gegenteil. 2012 hatten die deutschen Leichtathleten acht Medaillen bei den Olympischen Spielen in London geholt, 2016 in Rio de Janeiro und 2021 in Tokio jeweils drei.

Dass der deutsche Spitzensport der Weltelite immer öfter hinterherhechelt, hat für Martin Ständner gesamtgesellschaftliche Gründe. „Der Leistungsanreiz geht schon bei den Kindern immer mehr verloren. Da brauchen wir uns nicht wundern, dass wir keinen Acht-Meter-Springer mehr hervorbringen, wenn Kinder keinen Leistungsanreiz mehr haben.“

Auch sein Heimtrainer Martin Ständner (rechts) konnte Merlin Hummel bei der WM in Budapest nicht helfen – der 22-Jährige fabrizierte in der Vorrunde drei ungültige Versuche und flog ohne Ergebnis heim. Nun blickt er schon wieder nach vorne.
Auch sein Heimtrainer Martin Ständner (rechts) konnte Merlin Hummel bei der WM in Budapest nicht helfen – der 22-Jährige fabrizierte in der Vorrunde drei ungültige Versuche und flog ohne Ergebnis heim. Nun blickt er schon wieder nach vorne. // dpa

Ende September ist Martin Ständner zu einer mehrtägigen Konferenz in die DLV-Zentrale nach Darmstadt eingeladen, wo über die künftige Leistungssport-Strategie diskutiert werden wird. Ständner wird dann wohl vorschlagen, dass die DLV-Trainer besser mit den Heimtrainern zusammenarbeiten. So habe der DLV im nächsten halben Jahr „willkürlich Trainingslager für die Athleten angesetzt“, die überhaupt nicht in den Trainingsplan passen, den er für Merlin Hummel vorgesehen hat.

Doch der 67-Jährige, früher selbst Bundestrainer der deutschen Hammerwerferinnen, weiß auch, dass es kein Patentrezept für internationale Medaillen gibt. „So einfach ist das nicht, denn Leichtathletik ist eine totale Individual-Sportart.“ Zudem hätten sich sowohl das Niveau in der Spitze als auch in der Breite deutlich erhöht. Ständner findet es bemerkenswert, dass in Budapest 46 Nationen Medaillen geholt hätten – nur nicht Deutschland.

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