Auch wenn Merlin Hummel seine Saisonbestweite um exakt vier Meter verfehlte, hat er sein großes Ziel erreicht: Gleich bei seinen ersten Olympischen Spielen zog der 22-Jährige vom UAC Kulmbach ins Finale der besten Zwölf ein. 75,25 Meter reichten Hummel gerade noch so. Dagegen scheiterte sein Landsmann Sören Klose mit schwachen 71,20 Metern (Platz 28 von 32 Startern) schon in der Qualifikation.
Aus organisatorischen Gründen verzögerte sich Merlin Hummels Olympia-Debüt um etwa eine Stunde. Dennoch ließ sich der Oberfranke nicht aus der Ruhe bringen. Etwas müde, aber ganz ruhig sei er vor dem Wettkampf gewesen, gab der Kulmbacher hinterher im ARD-Interview zu Protokoll. Der 22-Jährige schleuderte im ersten Versuch seinen Hammer Richtung 76-Meter-Marke. Die Erleichterung, ja fast schon Freude stand Hummel ins Gesicht geschrieben. Nun wartete er gespannt auf seine Weite.
Die Suche nach dem Wurfloch
Doch die ließ auf sich warten. Dann fingen die TV-Kameras einen Kampfrichter ein, der aufgeregt über den Rasen lief und heftig mit zwei Frauen diskutierte, die gerade Hummels Hammer aus dem Rasen gezogen hatten. Ein weiterer Offizieller eilte herbei. Doch auf ein Ergebnis warteten der Kulmbacher Top-Sportler und Bundestrainer Helge Zöllkau vergeblich.
Offensichtlich fanden die Wettkampfrichter den Einschlag von Hummels 7,26-Kilo-Hammer nicht mehr. Eine peinliche Panne. So musste Merlin Hummel ohne Ergebnis in den zweiten Versuch gehen. "So etwas darf bei Olympischen Spielen nicht passieren", schimpfte Martin Ständner. Hummels Heimtrainer verfolgte den Wettkampf bei einem Trainerlehrgang in Weißenstadt, nachdem ihm der Deutsche Leichtathletik-Verband keine Akkreditierung für die Spiele zugestanden hatte.
Mangels Live-Bildern - die ARD konzentrierte sich vor allem auf den deutschen Zehnkampf-Star Leo Neugebauer - mussten Ständner und die deutschen Werfer-Fans Hummels dramatischen Kampf ums Finale via Live-Ticker verfolgen. Die Kulmbacherin Heike Schweens saß mit Sohn Caspar, einem Kumpel von Merlin Hummel, und Mann Alexander Kubalek im Stade de France und schildert den zweiten Versuch: "Er war weit, aber leider außerhalb." Auf etwa 76,50 Meter schätzte Bundestrainer Helge Zöllkau diesen Wurf.
Dann tauchte endlich die Weite von Merlin Hummels erstem Wurf in der Ergebnisliste auf - 75,25 Meter. Damit lag er auf Finalkurs, denn auch die Konkurrenten taten sich schwer. Sicher qualifiziert für den Endkampf am Sonntag waren bis dato nur fünf Athleten: Aus der Gruppe A der Kanadier Rowan Hamilton, der mit 77,78 Metern eine neue persönliche Bestleistung aufgestellt hatte, und der Ukrainer Mykhaylo Kokhan, der mit 77,42 Metern ebenfalls die Quali-Norm von 77 Metern übertroffen hatte. Und aus der stärkeren Gruppe B hatten sich Weltmeister Ethan Katzberg (79,93) aus Kanada, der US-Amerikaner Rudy Winkler (77,29) und der Norweger Eivind Henriksen (77,14) die Finaltickets gesichert.
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Das Zittern beginnt
Merlin Hummel lag vor dem dritten und letzten Versuch auf Rang 11, fabrizierte jedoch erneut einen ungültigen Wurf. Nun begann das Zittern. Zumal der fünffache Weltmeister Pawel Fajdek, der mit zwei Fehlversuchen gestartet war, den Kulmbacher mit 75,56 Metern auf Rang 12 verdrängte. Würde noch einer der verbleibenden fünf Werfer sein Sportgerät weiter schleudern, wäre Hummel ebenso raus wie Klose.
Am ehesten war dies Denzel Comenentia zuzutrauen, der heuer schon über 77 Meter geworfen hatte. Doch der Niederländer schaffte nur 74,31 Meter. Und auch die restlichen Starter konnten Merlin Hummel nicht mehr gefährlich werden. So hatte der Kulmbacher das Finale der besten zwölf Hammerwerfer der Welt am Sonntag ab 21 Uhr an gleicher Stelle erreicht. Sein bislang größter Erfolg.
Der Kulmbacher ärgerte sich natürlich über die Mess-Panne, aber natürlich froh, "dass es am Ende professionell gelöst wurde". Das lange Warten auf die Weite habe ihn "mehr aus dem Rhythmus gebracht, als ich mir eingestehen wollte".
Auch sein Heimtrainer Martin Ständner war natürlich überglücklich. "Merlin hat sein großes Ziel erreicht. Das Finale am Sonntag ist nun wieder ein ganz eigener Wettkampf." Den Merlin Hummel nun völlig ohne Druck angehen kann. Dann will der 22-Jährige aller Welt beweisen, dass er mehr drauf hat als die 75,25 Meter aus der Qualifikation. Sein Ziel wird es sein, sich beim Saisonhöhepunkt seiner bei der EM in Rom aufgestellten Bestweite von 79,25 Metern zu nähern oder sie gar zu verbessern. Dass seine Würfe in der Quali "nicht optimal", waren, weiß Hummel.
Nun wolle er am Samstag "etwas chillen, und dann im Finale voll draufhauen". Der Kulmbacher freut sich vor allem auf die "krasse Atmosphäre" im 81.000 Zuschauer fassenden Stade de France, das schon am Freitag fast voll besetzt war. "Ich hatte schon Gänsehaut, als ich durch die Katakomben gelaufen bin und die vielen Leute draußen im Stadion gehört habe."
Bundestrainer Zöllkau lobt die Entwicklung
Für Bundestrainer Helge Zöllkau das Erreichen des Finales eine logische Folge von Merlin Hummels konstant guter Entwicklung: "Er ist von Martin Ständner super vorbereitet worden und hat zuletzt in allen wichtigen Wettkämpfen stabil geworfen."
Dass der Kulmbacher vier Meter unter seiner Bestmarke geblieben sei, spielt für Zöllkau keine Rolle. "Eine Qualifikation hat immer ihre eigenen Gesetze. Da ist auch schon ein Weltmeister wie Pawel Fajdek gescheitert. Im Finale beginnt nun ein ganz neuer Wettkampf", meint der Bundestrainer.
Die Panne bei der Weitenmessung kann sich auch Zöllkau nicht genau erklären. "Angeblich haben sie das Prisma, mit dem die Weite gemessen wird, zu tief ins Loch gesteckt und dann noch eine Weite gefunden." Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte Merlin Hummel einen weiteren Versuch absolvieren dürfen. "Deswegen haben wir auch keinen Protest eingelegt", erklärt der Bundestrainer.
Hummel schnarcht, Klose raus
Der zweite deutsche Hammerwerfer, Sören Klose, konnte sich auch in Paris seinen großen Traum nicht erfüllen, endlich einmal ein Finale bei einem großen Wettkampf zu erreichen. Wie schon bei der WM vor einem Jahr in Budapest und bei der EM 2024 in Rom scheiterte der Deutsche Meister bereits in der Qualifikation.
Sören Klose startete am Freitagmorgen mit einem Sicherheitswurf in den Wettkampf. Der 22-Jährige aus Porta Westfalica wusste, dass seine 71,20 Meter viel zu kurz sind, um eine Chance aufs Weiterkommen zu haben. Versuch Nummer 2 war ungültig. Und auch die letzte Chance setzte Klose ins Netz. Die Enttäuschung bei dem für Eintracht Frankfurt startenden Klose, der heuer seine Bestweite auf 77,49 geschraubt hatte, war so groß, dass er am liebsten sofort nach Hause fahren wollte.
Hummels Schnarchen stört Klose
Tränen flossen auch bei Sören Kloses Oma Karin, seiner früheren Trainerin, und Mutter Kirsten Münchow, die als Hammerwerferin Olympia-Bronze gewonnen hatte. In ihrer Physiopraxis in Nammen hatten rund 100 Freunde die Olympia-Quali auf Großleinwand verfolgt. Wie das Mindener Tagblatt erfahren hat, könnte Kloses Scheitern auch mit einer unruhigen Nacht zu tun haben. So hat der 22-Jährige nicht nur wegen eines Unwetters schlecht geschlafen, sondern auch, weil sein Zimmergenosse angeblich geschnarcht hat. Und das ist Merlin Hummel. ..















