Lehrkräfte, Polizisten, Mitschüler - sie alle verhinderten vermutlich noch Schlimmeres, als ein 16-Jähriger im Juli Schülerinnen an einem Schongauer Gymnasium mit zwei Messern und einer Pistole angriff. Zwei damals 13-Jährige wurden schwer verletzt und lange im Krankenhaus behandelt. Schnell wurde danach klar: Der Angreifer war der Polizei wegen des Verdachts auf einschlägige Drohungen bekannt.
Vertreter der Opposition im Landtag erwarten deshalb heute von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) eine Erklärung im Innenausschuss: Hätte der Angriff verhindert werden können? Was bisher dazu bekannt ist:
Was ist am 8. Juli in Schongau passiert?
Gegen 12.50 Uhr griff ein 16 Jahre alter ehemaliger Schüler mit einer Pistole und zwei Messern Menschen am Schongauer Welfen-Gymnasium an. Ein erster Schuss traf niemanden, danach versagte die Waffe - was wohl Schlimmeres verhinderte: Laut einer Antwort des bayerischen Innenministeriums auf eine Anfrage des Grünen-Landtagsabgeordneten Florian Siekmann hatte der Jugendliche sechs Schuss Munition bei sich. Letztlich nahm er eines seiner Messer aus dem Rucksack und stach am Eingangsbereich der Schule von hinten auf zwei 13 Jahre alte Schülerinnen ein. Sie wurden schwer verletzt.
Lehrkräfte und Polizisten überwältigten den Angreifer, bevor er weitere Menschen verletzen konnte. Mitschüler versorgten die stark blutenden Mädchen und retteten ihnen womöglich das Leben. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) stellte den Helfern später «Rettungsmedaillen oder Ähnliches mehr» in Aussicht, wie er dem Radiosender «Antenne Bayern» sagte.
Was ist zum Motiv bekannt?
Nach dem Angriff tauchte ein Schreiben auf, das von dem mutmaßlichen Täter stammen könnte. Das Dokument ist von Beschimpfungen mehrerer Religionsgemeinschaften und Bevölkerungsgruppen durchsetzt, beleidigt werden aber auch Menschen aus dem Umfeld des Verfassers, darunter Mitschüler und Lehrkräfte.
Für die Ermittler der bayerischen Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München war es Grund genug, den Fall wegen Hinweisen auf ein extremistisches Motiv zu übernehmen.
Weshalb hatten die Behörden den 16-Jährigen auf dem Schirm?
Der Jugendliche soll schon im März 2025, also mehr als ein Jahr vor dem Angriff, Amokläufe in sozialen Medien verherrlicht haben. Deshalb leitete die Staatsanwaltschaft München II Ermittlungen wegen des Verdachts auf Billigung von Straftaten gegen den 16-Jährigen ein. Im Zuge dessen durchsuchten Beamte auch sein Zuhause - und fanden unter anderem eine Schutzweste, mehrere Messer und eine Sturmhaube, wie das Innenministerium auf eine Anfrage der SPD-Landtagsabgeordneten Christiane Feichtmeier antwortete.
Im Dezember 2025 kam dann noch ein weiterer Verdacht dazu: Der 16-Jährige soll einem Mitschüler etwas gesagt haben, das als Androhung von Straftaten gewertet werden könnte. Der 16-Jährige sei dazu in Anwesenheit seiner Erziehungsberechtigten befragt worden, die Ermittler stimmten sich auch mit Jugendamt und Schule ab.
Der Jugendliche wurde befristet von der Schule ausgeschlossen, bevor er die Schule letztlich ganz wechselte. Auch ein psychiatrisches Gutachten leiteten die Ermittler in die Wege. In U-Haft kam der 16-Jährige aber nicht. Bis zum Angriff wurde er nicht mehr auffällig.
Warum wurde damals nicht schärfer reagiert?
Ausreichende Gründe, um Untersuchungshaft für den Jugendlichen zu beantragen, habe es vor dem Angriff «zu keinem Zeitpunkt» gegeben, schreibt das Innenministerium. Auch das Bedrohungsmanagement der Polizei sei nicht einbezogen worden, weil der 16-Jährige nicht als «Risikoperson» nach den dafür festgelegten Kriterien eingestuft worden sei.
Dazu müssten laut Ministerium «objektive Hinweise vorliegen», welche die Einschätzung zulassen, dass die betreffende Person künftig schwerwiegende Straftaten begehen wird. Mit den damals bekannten Fakten sei das nicht der Fall gewesen, schreibt das Ministerium - trotz der Funde bei der Durchsuchung. Die Polizei habe «alle rechtlichen und tatsächlichen Maßnahmen getroffen, welche polizeilicherseits möglich waren».
Wie konnte der 16-Jährige an eine Schusswaffe kommen?
Die Ermittlungen dazu laufen noch. Nach dpa-Informationen hatte der 16 Jahre alte Kroate nach der Tat gegenüber Ermittlern angegeben, sich die Waffe im Darknet besorgt zu haben. Die Ermittler beschäftigen sich deshalb weiter mit der Frage, woher die Pistole genau stammte. «Dem Hersteller würde ein Verstoß gegen das Waffengesetz zur Last gelegt werden», teilte die Generalstaatsanwaltschaft München mit.
Was wird den Behörden vorgeworfen?
SPD-Politikerin Feichtmeier warf der Staatsregierung Versagen vor: «Der mutmaßliche Täter von Schongau hat Amokläufe verherrlicht, Mitschüler bedroht und bei ihm sind Waffen, Schutzweste und eine Sturmhaube gefunden worden. Das hervorragend ausgebildete Gefährdungsmanagement der Polizei hätte zwingend eingeschaltet werden müssen, da sind die Spezialisten für solche Fälle.»
Grünen-Politiker Siekmann legte den Fokus vor der Ausschusssitzung vor allem auf offene Fragen: «Warum wurden trotz Ermittlungsverfahren aus 2025 wegen Bedrohung von Mitschülern und Verherrlichung von Amokläufen keine weiteren präventiven Maßnahmen ergriffen? Was war das Ergebnis der angeordneten psychiatrischen Begutachtung vor der Gewalttat?»









