Vor der Pressetribüne herrscht reges Treiben. Journalisten, ausgestattet mit Notizblock und Kamera, drängen sich vor den Türen zum Plenarsaal im Europäischen Parlament. Ein kurzer Einlassstopp. Dann werden die Reporter auf ihre Plätze verwiesen. Die Journalisten sind aus den verschiedensten europäischen Ländern angereist: Niederländische Medienvertreter sitzen neben polnischen Radiojournalisten. Dänische Journalisten halten schon ihren Stift bereit. Und mittendrin: der Fränkische Tag.
Auslöser für dieses multinationale Spektakel ist ein historisches Ereignis. Erstmals verleiht das Europäische Parlament den europäischen Verdienstorden. Für die höchste Stufe der Ehrung hat das Verleihungskomitee Angela Merkel auserkoren.
Einst wurde ihr der Titel als mächtigste Frau der Welt zuteil. 2005 erstmals zur Bundeskanzlerin gewählt, stand Merkel in Deutschland 16 Jahre lang an der Spitze. 2008, als die Finanzmärkte zusammenbrachen, 2011, als sich in Fukushima eine der schwersten nuklearen Katastrophen ereignete. 2015 verlangte ihr die Flüchtlingskrise, 2020 die Corona-Pandemie viel ab. Als Kanzlerin, aber auch als Mensch.
Rückenwind gaben ihr auch Bündnisse, wie das der Europäischen Union. „Was gut für Europa ist, war und ist gut für uns“, sagte sie einmal im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.
2021 endete ihre Kanzlerschaft und damit die Ära Merkel. Und doch kehrt sie immer wieder an Orte zurück, an denen sie Politik mitgeprägt hat. So auch an diesem Maitag im Jahr 2026.
Merkel erhält europäischen Verdienstorden
Am 19. Mai sitzt die ehemalige Kanzlerin im halbrunden Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg, unter den hoch aufragenden Glasfassaden und zwischen Dolmetscherkabinen, die das vielsprachige Europa hörbar machen. Die Atmosphäre ist feierlich, fast konzentriert ruhig. Neben ihr haben frühere und amtierende Staats- und Regierungschefs in einer Art politischem Stuhlkreis Platz genommen.
Insgesamt 20 Persönlichkeiten werden mit dem europäischen Verdienstorden, der 2026 erstmals verliehen wird, ausgezeichnet. Merkel erhält ihn auf höchster Stufe als „verdienstvolles Mitglied des Ordens“.
Als „größte politische Errungenschaft der Menschheitsgeschichte“ würdigt Parlamentspräsidentin Roberta Metsola die Europäische Union und die Menschen, die sie tragen. „Diese Frauen und Männer haben so viel von sich selbst gegeben“, sagt Metsola.
Europäisches Parlament: Auch Selenskyj und Wałęsa geehrt
Zu den drei Geehrten, denen der Orden auf höchster Stufe verliehen wird, gehört neben Merkel auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Dieser biete Russland die Stirn und setze sich für die Verteidigung und Stärkung Europas ein. Zudem wird der frühere polnische Präsident Lech Wałęsa ausgezeichnet. Wałęsa hatte in den 1980er Jahren maßgeblichen Einfluss auf das friedliche Ende der kommunistischen Regierung in Polen.
Merkel erinnert die EU an drei Versprechen
Abwechselnd von links und rechts erheben sich die Preisträger aus ihren Sitzen. So fällt ein bekannter Name nach dem anderen: der ehemalige österreichische Kanzler Wolfgang Schüssel, Portugals Ex-Präsident Aníbal Cavaco Silva - sogar U2 gebührt die Ehre des EU-Ordens, die irische Band selbst ist jedoch nicht anwesend.
Wer Merkels Ehrung erleben möchte, muss sich gedulden. Erst nachdem alle anderen Preisträger geehrt wurden, ist Merkel an der Reihe.
Als sie schließlich selbst ans Rednerpult tritt, wird es still im Saal. Sie spricht ruhig, fast nüchtern und doch mit Nachdruck. Ihre Botschaft ist klar: Europa müsse sich an seine eigenen Versprechen erinnern.
Das erste sei das Versprechen des Friedens. Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sei dieses alles andere als selbstverständlich geworden, mahnt Merkel.
Merkel: Wohlstandsversprechen wackelt
Auch das zweite Versprechen, das des Wohlstands, sieht sie unter Druck. Im Jahr 2000 habe sich die EU vorgenommen, „der wirtschaftlich stärkste und wissensbasierteste Kontinent der Welt“ zu werden. Von diesem Ziel sei Europa heute ein gutes Stück entfernt.
Und schließlich das dritte Versprechen: die Demokratie. Sie werde zunehmend herausgefordert. „Freiheit wird es ohne Demokratie nicht geben“, sagt Merkel.
KI und Social Media: Merkel spricht sich für Regulierung aus
Daher plädiert sie für eine strengere Regulierung sozialer Medien und künstlicher Intelligenz. Eine Welt, in der Lügen zu Wahrheiten erklärt und Gefühle mit Fakten vermischt würden, untergrabe die Grundlagen der europäischen Aufklärung.
Als der Applaus einsetzt, bleibt er zunächst verhalten, dann wird er stärker. Der ganze Saal erhebt sich. Merkel nickt kurz, fast bescheiden, und setzt sich wieder zwischen ihre europäischen Weggefährten. Für einen Moment erinnert das Bild an ihre Zeit als Kanzlerin.
Doch die Demokratie, sie kennt kein Verharren. Ihre Stärke liegt im Voranschreiten. „Warum ehren wir mutige Handlungen?“, fragt Roberta Metsola und gibt die Antwort selbst: „Damit sie immer wieder geschehen.“

















