0
Umsturzpläne
Razzia: Spuren führen nach Unterfranken
Rund 3000 Sicherheitskräfte waren am Mittwoch an der Razzia in elf Bundesländern beteiligt.
Rund 3000 Sicherheitskräfte waren am Mittwoch an der Razzia in elf Bundesländern beteiligt. // Uli Deck, dpa
Prozess gegen Reuß-Gruppe
Ostheim vor der Rhön – Ein Überlebenstrainer und ein Schießtrainer aus Unterfranken gehören zum engeren Zirkel der mutmaßlichen Verschwörer. Immer mehr Details kommen ans Licht.

Nur Minuten vor Beginn der Razzia gegen die sogenannte Reichsbürgerszene am Mittwoch hatte einer der über 50 Verdächtigen noch auf Telegram drohend gepostet: „Es wird sich alles drehen: die bisherigen Staatsanwälte und Richter sowie zuständigen Leiter der Gesundheitsämter samt Vorgesetzten werden sich bald auf der Anklagebank in Nürnberg 2.0 wiederfinden.“ Nun wurden 25 Verschwörer selbst festgenommen, weitere könnten laut Generalbundesanwalt Peter Frank folgen.

Fallschirmjäger mit Postfach in Ostheim vor der Rhön

Am Tag nach der Razzia zeigt sich: Im Visier der Ermittler waren – bereits früher als bisher bekannt – auch zwei Männer in Unterfranken. Die beiden Ex-Soldaten sollen nach Informationen aus Ermittlerkreisen Schlüsselfiguren bei der geplanten „Reichsbürger“-Revolte gewesen sein. Dies gilt besonders für Überlebenstrainer Peter W., dessen Spuren Ermittler nach Ostheim vor der Rhön (Lkr. Rhön-Grabfeld) verfolgten. Der ehemalige Fallschirmjäger soll dort – in der Nähe mehrerer Bundeswehr-Einrichtungen – nicht mehr gewohnt, sondern ein Postfach betrieben haben, das bei Ermittlern lebhaftes Interesse weckte. Das sagen Fahnder, die bei der Durchsuchung dabei waren.

Festnahme im Landkreis Bayreuth

Festgenommen wurde W. in einem Haus im Landkreis Bayreuth. Über ihn, das bestätigen die Ermittlungsbehörden inzwischen, sei man der Gruppe im Frühjahr 2022 auf die Spur gekommen – bei Nachforschungen zu Entführungsplänen der Chat-Gruppe „Vereinte Patrioten“ gegen Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD).

Dem „Nordbayerischen Kurier“ zufolge wurde bereits im April die Wohnung von W. wegen des Verdachts auf illegalen Waffenbesitz durchsucht. Dabei stießen die Beamten auf Schusswaffen, Munition, Magazine, eine Handgranatenattrappe und vor allem auf seine Kontakte zu ehemaligen Elite-Soldaten des Kommandos Spezialkräfte KSK. Deren Kaserne in Calw in Baden-Württemberg wurde nun ebenfalls durchsucht.

Und dort will W. selbst als Soldat gewesen sein, heißt es auf seiner Internetseite. Das war laut bestätigten Angaben von Ermittlern der Anfang für umfangreiche Überwachungen der Verschwörer, die sich seit November 2021 regelmäßig trafen.

Der „militärische Arm“ der Gruppierung

Ein Teil der Gruppierung ist der „militärische Arm“, sagt die Bundesanwaltschaft. Einige der über 50 unter Verdacht stehenden Mitglieder waren früher bei der Bundeswehr. Dieser Teil der mutmaßlichen Terror-Gruppe sollte „die geplante Machtübernahme mit Waffengewalt durchsetzen“, offenbar nach dem Vorbild des Sturms auf das Kapitol in Washington im Januar 2021.

Peter W. gehörte laut dem aktuellen Ermittlungsstand zum Führungsstab dieses „militärischen Arms“. Dazu sagt jetzt die Bundesanwaltschaft: „Der Führungsstab befasste sich mit der Rekrutierung neuer Mitglieder, der Beschaffung von Waffen und anderen Ausrüstungsgegenständen, dem Aufbau einer abhörsicheren Kommunikations- und IT-Struktur, der Durchführung von Schießübungen sowie Plänen für die künftige Unterbringung und Verpflegung der ,Heimatschutzkompanien‘.“

Survival-Trainer mit Faible für Stacheldraht

W. bietet unter dem Namen „Wolfszeit Naturkraft“ Seminare als Survival-Trainer an. Dem „Nordbayerischen Kurier“ erklärte er 2016: „In meinen Urban-Survival-Seminaren bringe ich den Leuten unter anderem bei, Stacheldraht richtig zu verwenden. Damit lässt sich ein Balkon gegen Eindringlinge abschotten – aber auch das Treppenhaus. Das ist wichtig.“

Chef des „militärischen Arms“ soll Rüdiger von P. gewesen sein. Der ehemalige Oberstleutnant war bis April 1996 Kommandeur des Fallschirmjägerbataillons 251 in Calw, einer Elitetruppe der Fallschirmspringer, und W.'s früherer Vorgesetzter. Aus dem Bataillon ging 1996 das KSK hervor. P. stand bereits damals im Verdacht, Waffen beiseitegeschafft zu haben, schrieb die „Zeit“.

Schießtrainer in der Freizeit?

Mitglied des militärischen Zweiges soll auch Harald P. gewesen sein, ein früherer Zeitsoldat, der nach Angaben von Nachbarn erst vor etwa zwei Jahren nach Schwanfeld (Lkr. Schweinfurt) gezogen war. Nachbarn beschreiben ihn als ruhig und unauffällig. „Nur über Corona durfte man nicht mit ihm reden“, sagt einer: „Da glaubte er, dass Bill Gates uns Chips einsetzt bei der Impfung.“

Die Bundesanwaltschaft wirft P. vor, für die Bewaffnung der Gruppe zuständig gewesen zu sein. Außerdem soll er laut Bayerischem Rundfunk mitgeholfen haben, Schießübungen abzuhalten und eine abhörsichere Kommunikationsstruktur aufzubauen. Die Gruppe plante sogenannte Heimatschutzkompanien. Auch in diese Vorbereitungen soll der Mann aus Unterfranken involviert gewesen sein.

Gruppe späht Kasernen aus

Unterdessen soll die Gruppe mehrere Kasernen in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg ausgekundschaftet haben. Ob dabei auch Standorte in Unterfranken wie Hammelburg, Veitshöchheim oder Volkach eine Rolle spielten, ließ die Bundesanwaltschaft bisher offen.

Der Verteidigungsausschuss des Bundestages will sich intensiv mit der militärischen Dimension des Falles befassen, der bis in die Elite-Kampfeinheiten der Bundeswehr hineinreicht: „Wir werden diese braune Suppe austrocknen“, kündigte die Ausschussvorsitzende Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) an.

Lesen Sie auch:

Inhalt teilen
  • kopiert!