Bayerns Lehrkräfte fürchten wegen der Verbreitung von künstlicher Intelligenz (KI) um den Lernerfolg ihrer Schülerinnen und Schüler. Ein Großteil der Lehrkräfte teilt die Angst, dass diese wichtige Lernprozesse überspringen könnten, wenn sie ihnen von einer KI „abgenommen“ werden. Das zeigt eine neue Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) mit mehr als 1500 befragten Lehrern, Schülern und Eltern, die unserer Redaktion exklusiv vorlag.
Bislang schätzt sich fast die Hälfte der Lehrkräfte als „wenig kompetent“ im Umgang mit KI ein. „Nur eine kleine Minderheit fühlt sich sicher im Einsatz dieser Technologien“, bilanzieren die Forscher. Aufklärung über die Chancen und Gefahren der selbstlernenden Computerprogramme wird im Unterricht aber sehr wohl geleistet.
Nach eigenen Angaben nutzen Grundschüler die Technik bislang quasi gar nicht, Jugendliche etwas häufiger. Sie sehen die Chance, sich etwa vom Sprachassistenten ChatGPT bei Hausaufgaben und Präsentationen helfen zu lassen. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der VBW, nennt die Entwicklung digitaler Souveränität ein „zentrales Bildungsziel“ der heutigen Zeit – „also die Befähigung, digitale Medien selbstbestimmt und unter eigener Kontrolle zu nutzen“.
Bei den Lehrkräften sei das Thema KI noch nicht in der Breite angekommen. „Wir müssen sie mit Aus-, Weiterbildungs- und Unterstützungsangeboten abholen und ihnen mit pädagogisch erprobten Beispielen veranschaulichen, wie sie die Technologie sinnvoll und gewinnbringend einsetzen können“, meint Brossardt. Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, ist sich sicher, dass gerade KI „einen erheblichen Einfluss auf die Schulen haben wird“. Er wirbt um Verständnis für die Unsicherheit der Lehrkräfte: „ChatGPT wurde vor zwei Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich. Deutschland hat etwa 800.000 Lehrkräfte im allgemeinbildenden und beruflichen Bereich, so viele können in so kurzer Zeit gar nicht an Weiterbildungen teilnehmen.“
Vielfach könnten sie für Weiterbildungen auch nicht freigestellt werden, weil es keine Vertretung für ihren Unterricht gebe. Düll appelliert an die Politik: „Es braucht eine KI-Offensive an den weiterführenden Schulen.“ Sie müssten die notwendigen KI-Apps bekommen. Die Lehrkräfte bräuchten Zeitressourcen, um den Umgang mit den Apps systematisch zu trainieren. „Das geht nicht nebenher. Der High-Tech-Standort Deutschland wird Geschichte sein, wenn seine Schulen nicht bald den Anschluss an die KI-Welt finden.“
Die Rolle digitaler Medien im Unterricht ist seit der letzten VBW-Studie 2021 zurückgegangen. Allerdings waren Lehrkräfte in der Pandemie gezwungen, ihre Stunden komplett virtuell anzubieten. Die Studienautoren nehmen an, dass sie digitale Mittel jetzt gezielter einsetzen. Lehrkräfte könnten aber auch vermehrt auf bewährte nicht-digitale Methoden zurückgreifen, um eventuelle Defizite, die während Corona entstanden sind, auszugleichen, so ihre zweite These.
Essenziell für Schule, die auf eine digitalisierte Welt vorbereitet, ist die technische Ausstattung. „Grundbedingung ist natürlich ein flächendeckendes und leistungsfähiges Internet“, sagt VBW-Geschäftsführer Brossardt. Und genau an dieser Stelle hakt es immer noch.









