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Literatur im Selfpublishing
Bestseller ohne Verlag: «Teenager suchen keine heile Welt»
Potsdamer Autorin Döling
An der Universität Potsdam hat Döling auf Lehramt studiert. // Fabian Sommer/dpa
Potsdamer Autorin Döling
In ihren Büchern thematisiert Döling Mobbing und sexualisierte Gewalt. // Fabian Sommer/dpa
Potsdamer Autorin Döling
Um düstere Themen geht es in Dölings jungen Romanen. // Fabian Sommer/dpa
von dpa
Potsdam – Mobbing und sexualisierte Gewalt: Marie Döling schreibt ohne Verlag, aber mit Mut zu Tabus. Warum sie mit pinken Buchkanten BookTok-Hypes auslöst und für eine neue Generation von Autorinnen steht.
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Ihre Bücher sind detailverliebt geschrieben, von außen leuchten sie pink und haben einen gemusterten Farbschnitt mit Blumen an den Seiten. Wenn die Newcomer-Autorin Marie Döling sie in der Hand hält, denkt man an eine nette Liebesgeschichte für Teenies. Doch innen geht es um die harten Themen: Mobbing, sexualisierte Gewalt, Selbstverletzung. Und das recht explizit - so explizit, dass sich Triggerwarnungen in den Büchern finden. 

Das neueste Werk der Potsdamer Autorin «Ein Loch im Universum» erschien im April - und war so erfolgreich, dass es direkt auf Platz 10 der Spiegel-Bestseller-Liste (Paperback) einstieg. Das ist etwas doppelt Besonderes, weil Döling es ohne Verlag herausbringt. All ihre Bücher schreibt sie im Selfpublishing - ohne Sicherheitsnetz, aber mit allen Freiheiten.

TikTok und Instagram als Marketing-Plattformen

Die 30-Jährige aus Aschersleben in Sachsen-Anhalt gehört zu einer neuen Generation von Autorinnen. Ihre Bücher richten sich an junge Leserinnen und Leser ab dem Teenager-Alter. Und die erreicht sie über Social Media - auf TikTok und Instagram. 

Ihre Zielgruppe schaut im Wischmodus kurze Videos von wenigen Sekunden. Oder auch stundenlange Livestreams, in denen sich Menschen filmen, wie sie Bücher lesen. Bei «Ein Loch im Universum» weinen und verzweifeln sie in ihren Lesesesseln unter den Blicken der Internetwelt.

Statt Fluchten: Jugendliche wollen harten Abgleich mit der Realität

Dölings neuer Roman zeigt: Es sind eben nicht nur die kleinen Fluchten, die sich junge Menschen wünschen, sondern sie wollen auch den harten Abgleich mit der Realität. «Junge Menschen suchen keine heile Welt, sondern Literatur, die ihren Schmerz und ihre Ängste ernst nimmt.» Von Mobbing etwa könne jeder berichten - aus der Opfer-, der Täter- oder der Beobachter-Rolle. 

Die aktuelle Debatte über sexualisierte Gewalt im Internet sei für viele ein «Uff-Moment» gewesen, «wo man dann so ein bisschen taumelt». Der Moment, es kaum fassen zu können, was da eigentlich passiert, meint Döling. «Und da ist es ziemlich wichtig, gleich zu zeigen: Das ist eben leider kein Einzelfall.»

Sie selbst habe auch sexualisierte Gewalt erlebt, sagt die 30-Jährige. Und sich in ihrem Freundeskreis darüber ausgetauscht. «Bei dem Thema haben meine Freundinnen angefangen, sich mir gegenüber zu öffnen und mir erzählt, was ihnen passiert ist», erinnert sich Döling. «Aus ihren Geschichten heraus hatte ich dann einen sehr, sehr großen Drang, das irgendwie auf Papier zu bringen.»

Szenen, die ihr im Buch schwergefallen seien, haben die Freundinnen dann gegengelesen und geprüft, «dass wir diese Themen nicht wie so ein Autounfall darstellen, wo jeder erst mal glotzen möchte». Sehr sensibel sollte es sein, «aber klar genug, dass wir ganz dolle benennen, was da passiert».

Selfpublishing hat ein Stigma in Deutschland

Um das Ergebnis zu veröffentlichen, hat sich Döling vor vier Jahren gegen einen Verlag entscheiden - da kam der Vorgänger-Band des aktuellen Buches heraus. Das sei eine bewusste Entscheidung gewesen, obwohl das Selfpublishing noch immer ein Stigma mit sich trage: «Jeder kann schreiben und jeder kann dann selbst veröffentlichen. Dadurch sind natürlich auch Bücher entstanden, die nicht den Standard-Qualitätsmerkmalen des Buchmarktes entstehen.»

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beschreibt das Selfpublishing als ein Sprungbrett in die Öffentlichkeit für unbekannte Autorinnen und Autoren und für Newcomer. «Wirklich erfolgreich ist derzeit nur ein relativ kleiner Anteil der Selfpublisher», sagt Thomas Koch. Im momentan sehr beliebten Bereich Young und New Adult in Deutschland könnten sie erfolgreich sein, wenn sie sich insbesondere bei Social Media eine eigene Community aufbauen.

Koch betont aber auch, Verlage nähmen wegen der Informationsflut und der Zunahme KI-generierter Bücher eine immer wichtiger werdende Aufgabe wahr: «die qualitative Kuratierung von hochwertigen, verlässlichen Inhalten.»

Farbschnitt ist für die junge Zielgruppe quasi ein Muss

Für die 30-Jährige zahlte es sich letztlich aus, dass sie mit Tausenden Euro in Vorkasse gegangen ist. «Am Ende ist es genau das Buch, was ich haben wollte und was ich schreiben wollte.» Viel Feedback bekommt Döling vor allem in den Netzwerken bei BookTok und Bookstagram. Das sind die Internet-Communitys, die sich der Buch-Liebhaberei verschrieben haben. 

Das geht auch in die andere Richtung. «Soziale Medien sind ein wichtiger Impulsgeber für Buchkäufe», betont Koch vom Börsenverein. Rund ein Drittel der jungen Menschen werde über Social Media auf Bücher aufmerksam. In der Gruppe der 16- bis 19-Jährigen seien es sogar 38 Prozent.

Wenn die gedruckten Bücher eine schöne Ausstattung und einen Farbschnitt hätten, ziehe das bei dieser Zielgruppe vor allem, so der Experte. «Viele junge Menschen, die Buchtipps online erhalten, kaufen klassisch in der Buchhandlung.» Und die Buchhandlungen machten ihrerseits spezielle Tische zu den Social-Media-Phänomenen.

Auch Hoffnung und Mut zurücklassen - nicht nur innere Zerstörung

Mit dem Schreiben verbindet Döling auch einen pädagogischen Auftrag. Sie hat auf Lehramt an der Universität Potsdam studiert und meint: «Mein Antrieb war es natürlich auch, Literatur zu schreiben, die in der Schule behandelt werden kann.» Beim ersten Band «Kein Ort dieser Welt» sei das inzwischen so. Eine Schule adaptiere den Roman als Theaterstück für die Schulaula und sie selbst sei dabei, Unterrichtsmaterial auszuarbeiten.

Außerdem schreibt Döling an einem dritten Band - aber mit einem anderen Fokus. Er soll trösten und Zuversicht spenden nach den vielen durchlittenen Krisen der Protagonistinnen und Protagonisten. «Da muss niemand am Ende in den Sonnenuntergang spazieren, aber ich möchte auf jeden Fall Hoffnung und Mut zurücklassen und nicht unbedingt nur innere Zerstörung.»

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