Mehr als ein Jahr lang hat ein 40-jähriger Mann aus Bamberg Drogenhändler herumgefahren, damit diese ihre Ware in Berlin, Leipzig, Nürnberg oder Frankfurt am Main besorgen konnten. Er stellte seine Wohnung als Rauschgiftbunker zur Verfügung und handelte auch selbst mit Cannabis-Produkten. Nun belohnte ihn das Landgericht Bamberg dafür, dass er alle seine Auftraggeber und Kunden verraten hat. Er verließ den Gerichtssaal als freier Mann.
In einer Shisha-Bar laufen die Fäden zusammen
In einer Shisha-Bar laufen alle Fäden zusammen. Von hier aus versorgt ein Tunesier mehr als ein Jahr lang die mittleren und kleinen Drogendealer in und um Bamberg mit Haschisch und Marihuana, aber auch mit Speed, Kokain und Crystal Meth. Der Stoff kommt aus Berlin und Leipzig, seltener auch aus Frankfurt am Main und Nürnberg. Je nachdem, wer gerade die benötigten Mengen in der entsprechenden Qualität vorrätig hat. Immer wieder liefert ein Drogenkurier aus Berlin die Ware frei Haus.
Mit einem Fahrer unterwegs
Einige Male muss der Tunesier die Päckchen aber auch selbst abholen. Dazu braucht er einen Fahrer. Am besten einen ohne Vorstrafen, aber mit Geldsorgen. Da kommt ein Bekannter ins Spiel. Nennen wir ihn Tonio. Er chauffiert den Tunesier herum, wartet dann aber im Wagen, bis die illegalen Geschäfte erledigt sind. Er lässt den Tunesier sogar bei sich übernachten und das Rauschgift kurz zwischenlagern. Schließlich weiß er genau, was in den kiloschweren Päckchen ist. Die Geschäfte laufen gut. Tonio hat einiges zu tun. Die umgeschlagenen Mengen werden immer größer. Das Angebot wird immer vielfältiger. Die Übergaben finden entweder in der Shisha-Bar, am Bahnhof oder an einer Tankstelle statt.
500 bis 700 Euro pro Drogenfahrt
Irgendwann jedoch meldet sich ein Polizeispitzel bei der Kriminalpolizei Bamberg. Der Mann aus dem Milieu erhofft sich davon, dass er bei seinem eigenen Gerichtsverfahren einen Strafrabatt bekommt. Er bringt die Beamten auf die Spur des Tunesiers. Fortan werden dessen sämtliche Anrufe abgehört. Wie Schatten folgen ihm Polizisten, beobachten jeden Schritt. Sie gehen sogar soweit, dass ein V-Mann und ein verdeckter Ermittler Drogen ordern. Erst sind es kleinere Chargen. Nachdem man sich das Vertrauen erschlichen hat, geht es plötzlich um eineinhalb Kilogramm Crystal Meth. Wenn man den Tunesier schon aus dem Verkehr zieht, dann sollen dessen Geschäfte auch einige Jahre brachliegen. Derweil hat Tonio offenbar Gefallen an seiner einträglichen Nebentätigkeit gefunden. Es gibt nämlich nicht nur die Spritkosten, sondern 500 bis 700 Euro pro Fahrt. Manchmal auch einige Gramm Koks, um es die eigene Nase hochzuziehen. Das Geld kann der Vater einer zweijährigen Tochter gut brauchen. Tonio fährt also auch noch für einen Konkurrenten des Tunesiers.
Entschluss, reinen Tisch zu machen
Dann schlagen die Ermittler zu. Tonio kommt in Untersuchungshaft. Sein Rechtsanwalt Maximilian Glabasnia aus Bamberg rät ihm, reinen Tisch zu machen. Nur so könne er eine langjährige Haftstrafe vermeiden. Denn beim Rauschgifthandel mit „nicht geringen Mengen“ ist man schnell bei einem Jahr Gefängnis aufwärts – pro Tat. Und hier sind es ziemlich viele. Also packt Tonio aus. Er schont niemanden. Auch nicht sich selbst. In sieben Vernehmungen gesteht er in allen Details seine Taten und nennt unzählige Namen. Denn auch Tonio hat, im vergleichsweise bescheidenen Rahmen Betäubungsmittel verkauft. Durch seine offenen Worte darf er sich Hoffnungen machen, von der Kronzeugen-Regelung zu profitieren. Die ist im Paragraphen 31 des Betäubungsmittel-Gesetzes niedergelegt. Tonio bietet sogar an, selbst als Polizeispitzel zu arbeiten. Allerdings kommt es nicht so weit. In der Szene hat sich herumgesprochen, dass er den Mund nicht gehalten hat.
Nach und nach kann die Drogenfahndung die Kunden des Tunesiers und seines „Mitbewerbers“ hochnehmen. Die meisten Abnehmer sind aus Bamberg selbst. Einer sitzt in Litzendorf. Ein anderer im unterfränkischen Thüngen (Lkr. Main-Spessart). Dort taucht bei einer Hausdurchsuchung ein ganzer „Bauchladen“ auf: Haschisch und Marihuana, Amphetamin und Kokain, LSD und Ecstasy...
Mehrere Prozesse beginnen, in denen Tonio als Zeuge der Anklage aussagt. „Er hat erhebliche Hilfe bei der Aufklärung von Straftaten geleistet“, so Staatsanwalt Alexander Baum. Am Ende verhängt die Dritte Strafkammer das erwartet milde Urteil. Zwei Jahre Freiheitsstrafe zur Bewährung. „Ohne Ihre Angaben wären viele Täter straffrei ausgegangen“, lobt Richter Markus Reznik. Tonio darf in den nächsten drei Jahren keinerlei Drogen nehmen, was durch Haar- und Urin-Tests überprüft wird. Und er muss sich einer Suchtberatung stellen. Allerdings sind der Pkw, mit dem Tonio den Drogenboss herumkutschiert hat, und das Smartphone, mit dem er Kontakt zu den Abnehmern gehalten hat, als Tatmittel weg. Dafür darf Tonio am Ende des Prozesses den Saal als freier Mann verlassen. Der Haftbefehl ist aufgehoben.
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