0
Enttäuschte Hoffnung
Corona-Pille Paxlovid verstaubt in den Regalen
Das Corona-Medikament Paxlovid ist bislang kaum im  Einsatz.
Das Corona-Medikament Paxlovid ist bislang kaum im Einsatz. // Fabian Sommer, dpa
Bamberg – Paxlovid schützt verlässlich vor einem schweren Verlauf von Corona. Dennoch wird das Medikament bislang kaum eingesetzt. Warum?

Im Kampf gegen die Pandemie sollten die Tabletten ein neues Kapitel aufschlagen. Das Hoffnung spendende Medikament trägt den Namen Paxlovid. Seit Anfang dieses Jahres ist Paxlovid in der EU bedingt zugelassen. 

„An fünf hintereinander folgenden Tagen müssen die Patienten im Abstand von exakt zwölf Stunden zweimal je zwei Tabletten einnehmen“, sagt Karin Schneiderbanger, Infektiologin am Klinikum Bamberg.

Sinkendes Risiko eines schweren Verlaufs

Paxlovid richtet sich in erster Linie an betagte Menschen und an Menschen mit Vorerkrankungen. Dieser Patientenkreis gilt als besonders gefährdet für einen schweren Verlauf der Viruserkrankung. „Wir sprechen hier von Adipositas, Diabetes, Immunschwäche, Krebs sowie Herz- und Lungenerkrankungen“, sagt Schneiderbanger.

Diesen Patienten stellt Paxlovid in Aussicht, ihr Risiko eines schweren Verlaufs signifikant zu senken. Im Lichte ermutigender Studienergebnisse und in Erwartung einer rasch anschwellenden Nachfrage bei Ärzten und Patienten hat das Bundesgesundheitsministerium seit Jahresbeginn eine Million Therapieeinheiten des Medikaments beschafft. Rund 500 Euro soll der Hersteller Pfizer pro Einheit in Rechnung gestellt haben.

Bislang nur 25.000 Einheiten ausgeliefert

Ein halbes Jahr nach der Zulassung von Paxlovid ist der Zauber der Hoffnung  bleierner Ernüchterung gewichen.

Das Medikament findet seinen Weg zu den Patienten nicht. Auf Anfrage von fraenkischertag.de antwortet das Bundesgesundheitsministerium: „Von der einen Million beschafften Therapieeinheiten Paxlovid wurden von der Firma Pfizer bislang ca. 370.000 Therapieeinheiten an den pharmazeutischen Großhandel ausgeliefert. Vom pharmazeutischen Großhandel wurden bislang ca. 25.000 Therapieeinheiten an Apotheken ausgeliefert.“

Ob die ausgelieferten Einheiten anschließend tatsächlich auch verabreicht worden sind, entzieht sich der Kenntnis des Ministeriums.

Diese Erfahrungen machte das Bamberger Klinikum mit Paxlovid

„Ich habe das Medikament nur zwei- oder dreimal ausgegeben“, sagt Volker Seubold. Mit einer Erklärung tut sich der Apotheker aus Bamberg schwer: „Diese Fragen können Ärztinnen und Ärzte besser beantworten.“

Im Klinikum Bamberg berichtet Karin Schneiderbanger über ihre Erfahrungen mit dem Corona-Medikament: Fünf positiv auf Covid-19 getestete Tumorpatienten wurden bislang mit Paxlovid behandelt. Bei keinem der Patienten kam es zu einem schweren Verlauf.

Karin Schneiderbanger arbeitet als Infektiologin am Klinikum Bamberg.
Karin Schneiderbanger arbeitet als Infektiologin am Klinikum Bamberg. // Matthias Hoch

Allerdings identifiziert Schneiderbanger den stationären Sektor ohnehin nicht als den Bereich, in dem Paxlovid bevorzugt verabreicht werden kann.

„Patienten, die aufgrund ihrer Covid-19-Erkrankung in die Klinik aufgenommen werden, benötigen in der Regel Sauerstoff. Ab dem Zeitpunkt einer Sauerstoffgabe ist die Verabreichung von Paxlovid allerdings nicht mehr zulässig.“ In diesem Krankheitsstadium setzen das Klinikum „leitliniengerecht Medikamente wie Dexamethason“ ein.

Derzeit überwiegen milde Verläufe

Das Schicksal von Paxlovid entscheidet sich deshalb in erster Linie in den Behandlungszimmern von niedergelassenen Ärzten und Ärztinnen wie Iris Tautermann. „Tatsächlich haben wir bislang nur ein einziges Mal Paxlovid verschrieben“, sagt die Allgemeinmedizinerin aus Bamberg.

Diesen Umstand bringt Tautermann ursächlich mit der sukzessive gestiegenen Impfquote in Verbindung und mit den in der Regel milden Verläufe der Omikron-Variante. Die Gabe von Paxlovid sei bislang aus medizinischen Gründen deshalb nicht angezeigt gewesen.

„Das kann sich im Herbst und Winter ändern“, sagt Tautermann. Grundsätzlich schätzt Tautermann Paxlovid als ein Medikament, das eine eng gefasste Patientengruppe vor dem Schlimmsten bewahren kann.

Das Zeitfenster beträgt lediglich fünf Tage

Den Blick auf ein systemisches Problem im Umgang mit Paxlovid lenkt Petra Reis-Berkowicz aus dem oberfränkischen Gefrees im Landkreis Bayreuth: „Paxlovid entfaltet seine Wirkung nur dann, wenn es spätestens fünf Tage nach den ersten Corona-Symptomen verabreicht wird.“

Dieses knapp bemessene Zeitfenster setze Patienten voraus, die nach den ersten, in der Regel noch milden Symptomen umgehend ihren Arzt konsultieren. „Dieses Verhalten entspricht aber nicht meiner praktischen Erfahrung“, sagt Reis-Berkowicz.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Erschwerend kommt in der Perspektive von Reis-Berkowicz hinzu, dass Paxlovid mit vielen anderen Medikamenten interagiert. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit von Wechselwirkung insbesondere bei jenen Patienten groß, die auch zur Zielgruppe von Paxlovid gehören: chronisch Kranke und Ältere.

Die Wechselwirkungen stellen Arzt und Patienten im Zweifel vor die Frage, ob zugunsten von Paxlovid ein bisher eingenommenes Medikament zumindest kurzfristig abgesetzt werden soll.

Von einer „ungeheuer schwierigen Abwägungsfrage“ spricht die Ärztin in diesem Zusammenhang. Auch der Coburger Arzt Klaus Kinzinger begründet seine Vorbehalte gegenüber Paxlovid mit dem „Nebenwirkungsprofil“ des Medikaments.

Lauterbach ist von Paxlovid überzeugt 

Als „reines Wunschdenken“ kritisiert Reis-Berkowicz deshalb auch den Wunsch Karl Lauterbachs nach einem forcierten Einsatz von Paxlovid. Im Bundestag schwang sich der Bundesgesundheitsminister erst jüngst zu einer Lobrede auf Paxlovid auf.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will die Vergabe von Paxlovid forcieren.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will die Vergabe von Paxlovid forcieren. // Bernd von Jutrczenka,dpa

Lauterbach strich heraus, dass Paxlovid die Wahrscheinlichkeit einer Krankenhauseinweisung bei älteren infizierten Menschen um 90 Prozent senke, die Sterblichkeit um 70 Prozent.

„Wir müssen daher dafür sorgen, dass diejenigen, die geeignet sind, diese Medikamente zu bekommen, diese auch schnell bekommen“, forderte Lauterbach. Der Corona-Expertenrat soll in den kommenden Wochen entsprechende Konzepte erarbeiten.

Ärztin: „Viel zu kompliziert in der Anwendung"

Die Haltbarkeit von Paxlovid-Tabletten endet nach einem Jahr. Im ungünstigsten Fall müssten Anfang 2023 die ersten Tabletten entsorgt werden. Dass in Wahrheit dieses für ihn unangenehme Szenario hinter Lauterbachs Plädoyer für Paxlovid steht, will ihm Reis-Berkowicz allerdings nicht unterstellen.

Für fachlich überzogen hält sie Lauterbachs hohe Meinung von Paxlovid trotzdem: „Das Medikament ist nicht der Heilsbringer, für den es manche halten. Dafür ist Paxlovid in der Anwendung viel zu kompliziert.“

Lesen Sie auch:

Inhalt teilen
  • kopiert!