Das 9-Euro-Ticket bringt inzwischen viele zum Schäumen − die Bahnschaffner ächzen über die unverhoffte Auslastung der Waggons, die Pendler, weil sie auf dem Weg zur Arbeit jetzt ein Schweißbad in überfüllten Zügen absolvieren müssen.
Es führt aber dazu, dass viele die Gelegenheit nutzen, um billig an Orte zu kommen, denen sie einen Besuch abzustatten zu einem angemessenen Preis-Leistungsverhältnis zuvor nicht bereit gewesen wären. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) nutzt die vorerst bis Ende August befristete Aktion der Ampelregierung für eine innovative Serie, mit der die Rhein-Main-Redaktion das ganz große Rad dreht.
Zwei Redakteure sind unterwegs
Motto: „Für 9 Euro um die Welt.“ Die beiden Redakteure Manfred Köhler und Florian Balke fahren dazu im Regionalverkehr der Bahn für neun Euro zwar nicht bis ans Ende der Welt, schauen aber stellvertretend für ihre Leser einmal weit über den Tellerrand, zumindest über den des Rhein-Main-Verbreitungsgebiets, hinaus.
Neulich waren sie zum Beispiel in Deidesheim, das liegt kurz vor dem Pfälzerwald und gelangten unfreiwillig zu einiger Berühmtheit, weil seinerzeit Helmut Kohl, selbst ein Pfälzer durch und durch, Staatsgäste in den Deidesheimer Hof zum Saumagen-Essen eingeladen hatte.
Rauchbier als Mitbringsel aus Bamberg
In ihren Lageberichten aus der Provinz üben die beiden strikte Überparteilichkeit und richten den Blick nicht etwa nur auf das zweite Wohnzimmer des ehemaligen Kanzlers als Einkehrmöglichkeit, sondern sie schauen den Ort so vollständig wie eben während einer Tagesreise möglich an. Sie empfehlen jeweils eine Reiselektüre (sofern sich die im 9-Euro-Gedränge lesen lässt) und ein Mitbringsel. Für Deidesheim lautete der Tipp Wein und natürlich Saumagen, den es dort in der Dose zum Mitnehmen gebe. Und für Bamberg - Sie ahnen es: natürlich Rauchbier!
Bei ihrer Schnäppchenfahrt in die Domstadt kehrten die Redakteure – natürlich − auch im Schlenkerla im Sand ein. Und dort stellten die beiden fest, dass der Frankfurter Apfelwein und das Bamberger Rauchbier wenig verbindet − aber doch eine zentrale Eigenart: Man sagt, das zweite Glas schmecke besser als das erste. Das dunkle Rauchbier wurde früher vielerorts in Bamberg gebraut, heute geschieht dies noch in zwei Betrieben.
Zwischen Offenbarung und „untrinkbar“
Ah ja. Das mit dem zweiten Glas stimmt möglicherweise sogar, ein echter Bamberger mit generationenübergreifender Gewöhnung an den bitteren Bierklassiker würde so etwas allerdings niemals sagen. Aber für Biertester, frisch Zugezogene, neugierige Touristen und überparteiliche FAZ-Redakteure kann die Empfehlung richtig sein, dass sich erst beim zweiten Seidla auch an den hintersten Gaumenzapfen die salzige, ölige Schwarzwälderschinken-Aromatik voll entfaltet. Während die einen es für eine Offenbarung halten, kann es dann auch sein, dass die anderen die Note „untrinkbar“ vergeben.
Falsch aber liegen die Biersommeliers der FAZ mit ihrer Feststellung, es gebe nur noch zwei Betriebe, die das umstrittene Rauchbier brauen. Mitnichten! Neben dem Schlenkerla und der Brauerei Spezial tun dies unter den alten Braustätten der Stadt auch die Brauerei Greifenklau, die zumindest im Frühjahr ihr Rauchbier „Greif-R“ ausschenkt. Und immer noch und unverdrossen Bambergs älteste Brauerei, die Klosterbräu.
Auszeichnungen für Klosterbräu
Und zwar auf so überzeugende Weise, dass das Klosterbräu-Rauchbier im vergangenen Jahr mit dem European Beer Star ausgezeichnet wurde, und zwar in Gold für das beste „Smoke Beer“ im „Frankconian-Style“. „Das ist neben dem World Beer Cup das ehrlichste und höchste Level, das Bier erreichen kann“, sagt der Chef der Kaiserdom-Brauerei, Felix Wörner, stolz.
Seine Kaiserdom übernahm zwar vor fünf Jahren die Klosterbräu, doch gebraut wird weiter an der Oberen Mühlbrücke. „Die Brauanlagen haben eine neue Technik erhalten, aber den Braumeister haben wir übernommen − er braut mittlerweile seit 41 Jahren nach den alten geheimen Rezepten.“
Auch kleinere, neue Brauereien wie der Hopfengarten in der Zollnerstraße oder der Kronprinz in Gaustadt (der zu Kaiserdom gehört) brauen mit ihrem Rauch-Hopfen und dem „Smoke Touch“ Rauchbiere, ebenso einige der vielen Brauereien in der Umgebung.
Fehlerquelle: Internetseite der Stadt
FAZit: Hinter der Frankfurter Zeitung stecken tatsächlich meist kluge Köpfe. Und zur Ehrenrettung nehmen wir großzügig an, dass die beiden Rhein-Main-Redakteure für ihren Kurztrip viel im Internet recherchierten und dabei möglicherweise der Seite bamberg.info zu sehr vertrauten.
Dort schreibt der Tourismus & Kongress Service: „In Bamberg wird diese traditionell-süffige Köstlichkeit [gemeint ist das Rauchbier, die Red.] noch in zwei Brauereien hergestellt und in den Bierkellern der Stadt serviert. Und wem der Geschmack des Bieres beim ersten Glas noch ungewöhnlich vorkommt, kann auf diese Bamberger Weisheit vertrauen: ,Das zweite Seidla schmeckt besser als das erste, und das dritte besser als das zweite.’“
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