Wer in den vergangenen zwei Jahrzehnten an die Stephanskirche in Bamberg dachte, dachte immer auch an Ingrid Kasper. Im Jahr 2000 wurde sie dort zur Dekanatskantorin ernannt. Seitdem füllte Kasper mit ungezählten Konzerten und Oratorien nicht nur die Kirchenbänke, sondern auch die Herzen der Besucher.
Im Sommer 2023 endete die Zeit von Ingrid Kasper in St. Stephan. Aus Bamberg wurde Erfurt. Seit dem 1. Oktober ist Ingrid Kasper dort Landeskirchenmusikdirektorin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Außerdem ist sie Kantorin der Augustinerkirche Erfurt.
In Erfurt trägt Ingrid Kasper für etwa 200 Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker Verantwortung. Sie ist in einer Landeskirche angestellt, die grob die beiden Bundesländer Thüringen und Sachsen-Anhalt umfasst.
Vermissen Sie Bamberg, Frau Kasper?
Ingrid Kasper: Ich vermisse Bamberg sogar sehr.
Was vor allem?
Ich vermisse die Menschen. Mit vielen verbindet mich eine tiefe Freundschaft.
Wie oft sind Sie noch in Bamberg?
Meine Familie lebt weiterhin hier. Wir hatten miteinander vereinbart, dass ich bis Weihnachten in Erfurt Vollgas gebe. Als Mutter von zwei Söhnen fiel mir diese lange Zeit der räumlichen Trennung nicht leicht. Wir mussten erst gemeinsam lernen, wie wir auch über das Telefon emotional im Kontakt bleiben können.
Interessieren Sie sich noch für die Entwicklungen in Ihrer ehemaligen Kirchengemeinde St. Stephan?
Ja, natürlich. Ich bleibe St. Stephan im Herzen eng verbunden. Ich bin deshalb auch sehr glücklich über die Wahl meines Nachfolgers.
Der lustigerweise aus der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) kommt. Michael Goos war zuletzt Kantor in Nordhausen am Harz.
Ja, und seine Stelle muss ich jetzt nachbesetzen. Im Grunde verhält es sich so: Er hat sich um meine Nachfolge in St. Stephan gekümmert. Und ich kümmere mich jetzt um seine in der EKM.
Haben Sie sich für Michael Goos eingesetzt?
Nein, die Entscheidung wurde ausschließlich in St. Stephan getroffen. Ich hatte damit nichts mehr zu tun. Michael Goos und ich haben uns im Vorfeld allerdings ein paar Mal miteinander unterhalten.
Haben Sie ihm zu Bamberg geraten?
Auf jeden Fall. Die Stelle in St. Stephan ist eine Traumstelle. Sie war es auch für mich.
Das klingt, als bereuten Sie Ihren Abschied.
Überhaupt nicht. Ich hatte in Bamberg eine fantastische Zeit. Aber nach über 20 Jahren war der Augenblick für mich gekommen, um weiterzuziehen. Gleichzeitig war es auch für St. Stephan Zeit für neue Impulse. Michael Goos ist für diese Aufgabe der genau richtige Mann. Ich freue mich riesig: für ihn und für alle in St. Stephan.
Wie geht es Ihnen in Erfurt?
Mir geht es sehr gut. Aufgrund der vielen neuen Eindrücke und der vielen neuen Menschen, mit denen ich zu tun habe, tobt ein Wirbelsturm in meinem Kopf und Herzen. Ich glaube, dass ich in Erfurt an der richtigen Stelle angekommen bin. Die neue Aufgabe ist so strukturiert, dass ich meine Gabe und Leidenschaft gezielt einsetzen kann. Ich habe zudem unglaublich viele gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Zentrum für Kirchenmusik. Die brauche ich auch, weil meine Stelle als Landeskirchenmusikdirektorin der Evangelischen Landeskirche in Mitteldeutschland (EKM) nur eine halbe Stelle ist. Von außen betrachtet mag das für seine so riesige Landeskirche irre sein. Aber es geht sehr gut.
Was macht eine Landeskirchenmusikdirektorin?
Ich bin für alle haupt-, neben- und ehrenamtlichen Musikerinnen und Musiker da. Ich bin da, um sie zu motivieren, ihnen meine Wertschätzung und mein Interesse entgegenbringen. Und um ihnen zuzuhören. Außerdem repräsentiere ich die EKM in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Ich bin überzeugt davon, dass die Kirchenmusik gerade angesichts sinkender Mitgliederzahlen ein großes Pfund für uns sein kann. Diese Perspektive versuche ich zu stärken.
Etwa jede fünfte evangelische Kirche steht auf dem Boden der EKM. Zugleich machen ihre Gemeindemitglieder nur etwas mehr als drei Prozent der deutschen Protestanten aus.
Die genauen Zahlen habe ich nicht im Kopf. Aber die Austrittszahlen sind hier ohne Zweifel nochmals eklatanter als in Bayern.
Das muss Sie alarmieren.
Es besuchen hier weniger Menschen die Gottesdienste, als ich das auch aus meiner Bamberger Zeit gewohnt bin. Das lässt mich nicht kalt. Auf der anderen Seite erreiche ich viel mehr Menschen mit der Kirchenmusik. Ich spreche hier von schwachen Bindungen. Damit meine ich Menschen, die nicht mehr in der Kirche sind oder ihr vielleicht auch noch nie angehört haben. Die aber für ein Kirchenmusikkonzert in die Kirche kommen oder die selber in einem Kirchenchor singen.
Muss man für den Kirchenchor kein Gemeindemitglied sein?
Nein. Das ist keine Voraussetzung. Das ist es im Übrigen auch in Bamberg nicht.
Ist die Kirchenmusik ein Hebel, um die Zahl der Kirchenmitglieder wieder zu erhöhen?
Damit wäre ich vorsichtig. Die Kirche sollte sich endlich befreien von der Trauer über die vielen verlorenen Mitglieder.
Was schlagen Sie stattdessen vor?
Wir müssen uns als Kirche fragen: Was können wir den Menschen Gutes tun? Unser Auftrag ist es nicht, möglichst viele Mitglieder zu haben. Unser ureigenster Auftrag als Kirche ist es, die frohe Botschaft zu verkünden. Gesang und Musik können hier eine ganz bedeutende Rolle spielen.
Ist der gemeinsame Gesang im Kirchenchor eine andere Art von Gottesdienst?
Im Chor sind tatsächlich viele Fundamente der Kirche erfüllt. Ein Chor lebt Gemeinschaft. Er legt Zeugnis ab, indem er die christliche Botschaft verkündet. Und auch die seelsorgerische Dimension von Kirche kommt nicht zu kurz. Denn aus dem gemeinschaftlichen Gesang lassen sich Kraft und spirituelle Ressourcen beziehen.
Mit dieser Einstellung scheinen Sie in Thüringen tatsächlich am richtigen Ort zu sein. Hier liegt dank Luther, Bach und Johann Walter die Wiege der evangelischen Kirchenmusik.
Gerade Luther beschwor sehr stark den inneren Zusammenhang zwischen Singen und Sagen. Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass dieser Gedanke in den Köpfen der Pfarrinnen und Pfarrern in Mitteldeutschland viel präsenter ist. Da gehört Musik und Gesang ganz selbstverständlich zur Kirche dazu. Das zu erleben, ist für mich ein großes Glück.
Wir feiern Sie Weihnachten?
In Erfurt an der Orgel. Ich werde an Heiligabend die beiden Gottesdienste in der Augustinerkirche gestalten. In der Christmette abends um zehn begleitet mich mein Sohn Julius mit dem Saxophon. Und zwischen den beiden Gottesdiensten feiern wir als Familie Weihnachten in meiner Erfurter Einzimmerwohnung. Wir werden uns etwas Leckeres kochen und Monopoly spielen.
Welches Lied gehört für Sie unbedingt zu Weihnachten?
Das ist „Ich stehe an deiner Krippen hier“. Der Text stammt von dem lutherischen Theologen Paul Gerhardt. Darin heißt es: „Ich lag in tiefer Todesnacht, du warest meine Sonne.“ Das ist ein Lied, das auch ein schweren Zeiten Trost spendet. In beiden Gottesdiensten an Heiligabend werde ich dieses Lied spielen. Es darf an Weihnachten für mich nicht fehlen.
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