Ihren Kulturpreis verleiht die Stadt Bamberg im jährlichen Wechsel als Kultur-Förderpreis und als E.T.A.-Hoffmann-Preis. Beide Würdigungen sind mit einem Preisgeld von 6.000 Euro dotiert. In diesem Jahr geht der Kulturförderpreis an Johanna Knefelkamp.
Johanna Knefelkamp ist ausgebildete Tänzerin, Tanzpädagogin und Choreographin. Die gebürtige Bambergerin machte 2017 ihren Master als International Artist Educator an der ArtEZ University of Arts in den Niederlanden.
Zu ihrem Anliegen hat es Knefelkamp erklärt, den zeitgenössischen Tanz in Bamberg als eigenständige Kunstform zu etablieren. Mit diesem Anspruch arbeitet sie im Bereich der kulturellen Bildung an Schulen in Stadt und Landkreis. Darüber hinaus ist sie Festivalveranstalterin und Ensemblemitglied im Theater im Gärtnerviertel (TiG). Zuletzt rief Johanna Knefelkamp mit Gudrun Lange und Katharina Müllerschön den Verein CONdance ins Leben.
Außerdem ist Johanna Knefelkamp eine international gefragte Tänzerin.
Sie trainieren und proben vor riesigen Spiegeln. Fühlt es sich nicht seltsam an, wenn man sich beim Tanzen beobachtet?
Johanna Knefelkamp: Ich habe mich daran gewöhnt. Wenn man so will, ist mein Körper mein Arbeitsinstrument. Ich lege beim Training meinen Fokus deshalb nicht auf die Frage, wie heute mein Po aussieht, ob ich geschminkt bin und was die Haare gerade so machen. Ich achte allein auf die Körperlinien, also auf die Haltung der einzelnen Körperteile und ihr Verhältnis zueinander. Diese Konzentration auf das Wesentliche war aber tatsächlich nicht von Anfang an da. Ich musste es bei der Ausbildung erst lernen.
Ist jeder Körper für den Tanz geschaffen?
Vielleicht nicht für den Beruf einer Tänzerin oder Tänzers. Aber für das Tanzen an sich auf jeden Fall. Man muss keinen durchtrainierten Ballettkörper haben, um zu tanzen. Ich nehme in meinen Tanzkursen allerdings wahr, dass sich vor allem Jugendliche und ältere Menschen oft sehr, sehr unsicher und unwohl in ihrem Körper fühlen. Mein Wunsch ist es, diese Unsicherheiten gemeinsam zu überwinden.
Wie viel Erotik steckt im zeitgenössischen Tanz?
Die Erotik kommt erst dann ins Spiel, wenn die Tänzerinnen und Tänzer dies auch wollen. Das ist dann eine Frage des Ausdrucks, den sie in ihren Tanz legen. Ein Tanz kann auch sehr technisch sein, ganz ohne jede Erotik.
Aber es gibt doch Bewegungen, die fast schon zwangsläufig als erotisch gelesen werden.
Ja, das stimmt. Da reicht es schon, wenn meine Schülerinnern und Schüler beim Aufwärmen die Hüfte bewegen sollen. Schon gibt es Gekicher. Das heißt aber trotzdem nicht, dass sich jeder, der diese Bewegung macht, sofort erotisch fühlt oder etwas Erotisches ausstrahlen möchte.
Wie wichtig ist Ihnen die Erotik im Tanz?
Ich sperre mich nicht dagegen. Aber die Erotik muss schon zum Thema passen. Wenn ich ein Stück über die Liebe tanze oder choreografiere, dann muss da natürlich auch Erotik drin sein. Aber ich forciere das Erotische nicht. Ich will beim Tanzen nicht krass sexy sein.
Weshalb nicht?
Weil Tanz nicht per se etwas mit Sexyness zu tun hat. Der zeitgenössische Tanz beschäftigt sich mit dem Leben, deswegen kann Erotik oder Sexyness Teil davon sein, muss aber nicht. Wenn ich das nicht unterscheide, sondern sage: Ich bin Tänzerin, dann….
Dann was?
Dann bewegen sich die Assoziationen schnurstracks in Richtung Poledance. Oder gleich zum Striptanz in einem verruchten Nachtclub.
So denken die Menschen?
Vielleicht muss ich etwas präziser werden: Es sind in aller Regel männliche Gehirne, die diese Assoziationen produzieren (lacht).
Sind Sie im zeitgenössischen Tanz vollkommen frei in ihren Ausdrucksformen?
Eigentlich ja. Ich kann in meine Tänze packen, was immer sich an Formen und Genres etabliert hat. Ballett zum Beispiel, Modern Dance, Jazz Dance, Hip-Hop, Breakdance. Dazu kommen noch viele andere Tanzformen aus aller Welt. Ich kann selber entscheiden, welche Elemente ich auf welche Weise verbinde.
Was lässt sich mit dem Körper besser ausdrücken als mit Worten?
Ich glaube, dass wir Menschen die Sprache des Körpers instinktiv begreifen. Das ist eine vorsprachliche Art der Kommunikation. Der Körper ist unmittelbarer und direkter als Schrift und Sprache. Vor allem Gefühle lassen sich oft besser durch den Körper ausdrücken. Denken Sie nur daran, wie viele Menschen Schwierigkeiten damit haben, „Ich liebe dich“ zu sagen. Mit einer Berührung oder einer körperlichen Geste fällt ihnen das leichter.
Ich habe bei Ihren Auftritten schon Zuschauer mit feuchten Augen gesehen. Was könnte sie derart berührt haben?
Tanz ist direkt, unmittelbar, dringlich. Tanzen findet jetzt statt, im Augenblick. Es ist kein Film, den ich anhalten und später weiterschauen kann. Ich glaube, diese Direktheit ist eine große Stärke. Außerdem entsteht eine große Energie, wenn sich Körper in Bewegung setzen und miteinander kommunizieren. Diese Energie kann einen überwältigen.
Was zeichnet Ihre künstlerische Handschrift aus?
Ich liebe Elemente aus dem modernen Tanz: lange Linien, Weichheit, fließende Bewegungen. Und ich mag es, wenn es rund geht. Mit der Ruhe und Stille habe ich es nicht so. Bei mir wird nicht nur etwas mit den Füßen gewackelt. Ich mag es, wenn die Tänze voller Bewegung und Körperlichkeit sind. Es darf gesprungen und gewirbelt werden, es darf akrobatisch sein.
Darf man beim Tanzen schwitzen?
Natürlich. Ich finde das total wichtig, dass den Tänzerinnen und Tänzer die Anstrengung anzusehen ist. Tanzen ist für mich ein Sport. Man geht an seine Grenzen. Da schwitzt man. Das soll das Publikum auch sehen.
Sie haben in den Niederlanden, in Spanien und New York gelebt. Weshalb sind Sie zurück nach Bamberg?
Das ist eine traurige Geschichte. Mein Papa war viele Jahre lang schwer krank. Ich wollte die noch verbleibende Zeit mit ihm verbringen. Ich dachte anfangs, dass ich nur etwa ein halbes Jahr bleibe.
Es wurde länger.
Meinem Papa blieb mehr Zeit, als wir alles das zu hoffen gewagt hätten. Später habe ich in Bamberg ein Kind zur Welt gebracht und stand anschließend rein pragmatisch vor der Frage, wie ich Kind und Beruf jetzt unter einen Hut bekomme. Ohne die Unterstützung meiner Familie, von alten und neuen Freunden und Bekannten hätte ich nicht weiter als Tänzerin arbeiten können. Keine Chance. Denn ohne mein soziales Netzwerk könnte ich weder an Vormittagen proben noch an Abenden auftreten.
Treten Sie nur noch in der näheren Umgebung von Bamberg auf?
Nein, das wäre mir zu wenig. Ich habe Auftritte und Aufträge in ganz Deutschland, in den Niederlanden und in Spanien. Ich muss ab und zu einfach raus aus Bamberg. Aber ich komme jedes Mal wahnsinnig gerne zurück.
Wollen Sie den zeitgenössischen Tanz auch in Bamberg populärer machen?
Unbedingt. Ich will hier künftig regelmäßig auftreten und auch andere Tänzerinnen und Tänzer für Auftritte nach Bamberg holen. Aus diesem Grund habe ich mit Gudrun Lange und Katharina Müllerschön den Verein CONdance ins Leben gerufen. Ich könnte mir daneben auch gut vorstellen, den zeitgenössischen Tanz im Bamberger Stadttheater zu etablieren. In vielen anderen Städten ist der Tanz längst Teil des Theaterprogramms. Warum nicht auch in Bamberg?
Als Trägerin der Kulturförderpreises hat Ihr Wort künftig Gewicht. Was wünschen Sie sich denn noch so von der Stadt Bamberg?
Ach, ich bin erst einmal wahnsinnig dankbar für den Preis und die damit verbundene Würdigung meiner Arbeit. Ich will gar nicht zu miesepetrig und fordernd klingen.
Versuchen Sie doch eine höflich und wertschätzend formulierte Bitte.
Ich würde mir ein Upgrade der Kulturförderung für die freie Szene wünschen. Sowohl was die Förderbedingungen als auch die finanzielle Ausstattung angeht. Oder kurz gesagt: Kultur ist nicht nur Schmuck. Aber wenn sie zum Schmücken vermarktet wird, dann sollte zumindest auch dafür bezahlt werden.
Oha. An welche Summe hätten Sie gedacht?
Also, ich komm gerne zum Gespräch im Stadtrat vorbei und bringe ein paar Vorschläge mit.
Termin
Für ihren Verein CONdance sucht Johanna Knefelkamp nach weiteren Fördermitgliedern. Am 8. Dezember stellt sich ConDance allen vor, die an einer Fördermitgliedschaft interessiert sind vor. Los geht es in der Jäckstraße 35 um 19.30 Uhr.
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