Seit 2007 berichtet Till Mayer in Wort und Bild aus der Ukraine. Der Bamberger Fotograf und Journalist zählt zu jener kleinen Schar Hellsichtiger, die sich spätestens seit Putins Überfall auf die Krim im Jahr 2014 keine Illusionen über dessen imperialistischen Vernichtungswillen machten.
Mayer sprach bereits von "Krieg", als sich viele noch mit der Beschwichtigungsformel vom „eingefrorenen Konflikt“ in den Schlaf wiegen ließen.
Bamberg, Mitte Dezember 2023: Till Mayer packt seine Sachen. Zum wievielten Mal in diesem Jahr er jetzt in die Ukraine reist, weißt er selber nicht so genau. "Acht -oder neunmal waren es bestimmt", sagt er. Bevor sich Mayer mit dem Bus auf den Weg in das vom russischen Angriffskrieg versehrte Land machen, bleibt noch Zeit für ein paar Fragen.
Sie reisen in ein Land im Krieg. Wie gehen Sie mit der Möglichkeit um, von dort nicht mehr zurückzukommen?
Till Mayer: Ein guter Freund würde in diesem Fall alles Notwendige regeln.
Wie gefährlich ist es am Ende des zweiten Kriegsjahres, als ausländischer Reporter in der Ukraine zu arbeiten?
Das kommt darauf an, von welchen Gebieten und Orten man berichtet. Bin ich in den Kampfgebieten im Donbas oder im Süden unterwegs, gibt es da natürlich ein Risiko. Nehmen wir die Bachmut-Frontlinie, die ich dort regelmäßig besuche: Dort sieht es apokalyptisch aus.
Wie?
Die Gegend ist voller verlassener und völlig zerstörter Orte. Bachmut ist unter russischer Kontrolle und nur noch ein Trümmermeer. Der Beschuss durch russische Artillerie kommt regelmäßig. Trifft eine Rakete, gibt es keine Zeit zum Reagieren.
Das gilt dann auch für Sie.
Ja, aber im Vergleich zu den Soldaten bin ich nur kurz vor Ort. Mein Risiko ist ungleich geringer.
Wie nahe kommen Sie den Kampfhandlungen und damit auch dem Tod?
Ich habe Artilleriegefechte miterlebt. War mit Drohnenpiloten im Kampfgebiet. Als ich in Bachmut an der Front war, waren es vielleicht 150 Meter zur russischen Linie. Eine Rakete schlug damals in einer benachbarten ukrainischen Stellung ein. Drei Soldaten starben, die sechs Überlebenden schleppten sich zur Position, in der ich mich befand. Aber auch Kilometer hinter der Frontlinie kann es gefährlich sein. Kommt eine Rakete, gibt es keine Chance zu reagieren.
Angst?
Meine eigene Gefährdung entspricht nur einem Bruchteil der Gefährdung von Menschen, über die ich berichte.
Wie nehmen Sie die Lage im Westen der Ukraine und in der Zentralukraine wahr? Beide liegen vergleichsweise weit entfernt von der Front.
Auch dort leiden die Menschen unter kontinuierlichen Raketenangriffen, die unter anderem der Energie-Infrastruktur gelten. Aber auch Schulen, Krankenhäuser und Kindergärten werden regelmäßig getroffen. Die Luftabwehr, beispielsweise in Kyjiw, ist erfolgreich. Fast alle Drohnen und Raketen wurden in der Hauptstadt bei den jüngsten Angriffen abgeschossen.
Das sind gute Nachrichten.
Aber auch herunterstürzende Trümmer sind gefährlich und können noch Häuser in Brand stecken. Vor wenigen Tagen gab es in Kyjiw über 50 Verletzte in einer einzigen Angriffsnacht. Der Krieg in der Ukraine findet nun weniger Platz in den deutschen Medien. Doch er nimmt an Härte zu.
Sie könnten jetzt auch nach Israel reisen oder in anderes Krisengebiet. Warum fahren Sie stattdessen weiter in die Ukraine?
Die Ukraine ist mir sehr nahe. Über den Krieg im Donbas berichte ich seit vielen Jahren. Es war ein fataler Fehler, ihn in Deutschland zu verdrängen. Das darf nicht wieder passieren. Ich versuche die Menschen daran zu erinnern, dass wir mitten in Europa einen Krieg haben. In einem Land, das wir an einem Tag mit dem Auto erreichen können. Der Ausgang des Kriegs in der Ukraine ist entscheidend für unser alle Freiheit.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass auch in Deutschland das öffentliche Interesse am Schicksal der Ukraine sinkt. Ist es das, worauf Putin von Anbeginn spekulierte?
Ja, das Wegschauen hat wieder begonnen. Der gleiche Fehler droht wiederholt zu werden. Putin hält uns im Westen für schwach und degeneriert. Er traut uns keinen langem Atem zu. Praktisch jede rechtsextreme Partei in Europa ist bei den Putin-Verstehern ganz vorne dabei. Bei manchen rollt dafür sprichwörtlich der Rubel. Die AfD profitiert von Putins Internet-Trollen, und macht gerne Opfer zu Tätern. Russland investiert Unsummen, um Fake-News in den sozialen Medien zu streuen, damit zu spalten und zu destabilisieren. Auch in Deutschland.
Ein hybrider Krieg.
Ja, und dieser hybride Krieg gegen unsere Demokratie hat schon vor Jahren begonnen. Auch Sahra Wagenknechts Distanzierung von Putin ist nur ein Lippenbekenntnis. Sie macht exakt, was Putin sich wünscht: Ohne Waffenlieferung die Ukraine in die Kapitulation und unter eine brutale Besatzung zwingen.
Bamberg hat mit dem ukrainischen Mukatschewo eine Städtepartnerschaft geschlossen. Ist das Symbolpolitik, die nichts kostet?
Die Städtepartnerschaft freut mich. Die Ukraine gehört zu Europa. Ich habe meine Zweifel, dass in Deutschland die Menschen so tapfer um ihre Freiheit und Demokratie kämpfen würden, wie die Ukrainerinnen und Ukrainer. Da können wir viel lernen. Für die Menschen in der Ukraine ist so eine Partnerschaft symbolisch und wertvoll. Auch für mich als Bamberger.
Die Ukraine im Jahr 2025: Welches Bild haben Sie vor Augen?
Das hängt davon ab, wie der Westen die Ukraine weiter unterstützt. Schon bisher gab es Waffensysteme prinzipiell zu spät und nicht in ausreichender Menge. Selbst die von der EU zugesagte Artillerie-Munition erhielt die ukrainische Armee bisher nur ansatzweise. Als endlich die Leos und andere Panzer zur Verfügung standen, hatte sich der letzte russische Soldat im besetzten Süden und Osten der Ukraine eingegraben.
Über allem schwebt die Frage, ob Donald Trump Anfang 2025 wieder ins Weiße Haus einzieht.
Wenn Trump die Wahlen gewinnt, werden wir Ende 2025, zumindest aber in Trumps Amtsperiode, einen neuen großen Krieg erleben. Putin hofft, dass die USA unter Trump nicht mehr zu ihren Nato-Verpflichtungen stehen. Dann greift er die Balten-Staaten und Polen an, zuvor holt er sich Moldawien. Es ist aus seiner Sicht dann eine historische Chance. Dafür lässt er gerade die russische Wirtschaft auf Kriegswirtschaft umstellen. Putin sieht diesen Krieg für ein wieder entstehendes Imperium als seine Bestimmung. In Finnland, Schweden, Polen und im Baltikum haben das die Menschen erkannt.
Und in Deutschland?
Da will, so scheint mir, sich weiter kein Gefühl der Dringlichkeit einstellen.
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