Es waren dramatische Worte im nüchtern-technischen Umfeld des Hegelsaals. Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) hatte aus aktuellem Anlass eine Sondersitzung Corona einberufen. Nun appelliert er an den Zusammenhalt in der Stadt: „Das ist nicht mehr nur eine Pandemie der Ungeimpften. In diesem Stadium betrifft sie uns alle. Die Gesellschaft braucht die Hilfe von jedem einzelnen.“
Inzidenz jetzt bei 774
Wie sehr sich die Lage bereits am Tag danach zuspitzen würde, konnte Starke nur ahnen: Noch am Freitag kletterte die Inzidenz in der Stadt auf 464. Im Landkreis stand sie am Morgen bei dem Rekordwert von sage und schreibe 774 und damit nur wenig entfernt von der Linie, bei der Ministerpräsident Söder (CSU) einen neuen regionalen Lockdown verhängen will.
Ausgeschlossen ist es nicht, dass der Landkreis diese Marke bereits an diesem Montag reißt. Eine Woche zuvor meldete das Bamberger Land noch 447.
Wellenbrecher könnte kommen
Ob ein solcher Wellenbrecher reicht, um den Kollaps im Klinikum abzuwenden? Das ist die bange Frage, die sich wie ein roter Faden durch die Sitzung des Stadtrats zieht: Wie lange wird das Bamberger Klinikum stand halten und mit der Belastung durch neue Covid-Patienten zurechtkommen? Wie lange können Schlaganfall- und Herzinfarktpatienten damit rechnen, schnell versorgt zu werden und auf eine voll funktionstüchtige Krankenhauslandschaft zu stoßen?
Krankenhauskapazitäten schrumpfen
„Noch kriegen wir gerade so die Kurve“, erklärt Dietmar Willert von der integrierten Leitstelle. Seit dem Eintritt des Katastrophenfalls müssen die Krankenhäuser ständig ihre Kapazitäten melden, so dass Notfallmediziner schon während des Krankentransports die Versorgungslage in den Kliniken checken können.
Doch die Zeichen stehen auf Sturm: Schon heute müssten Patienten mit längeren Transporten leben, erklärt Willert. Immer öfter kommt auch der Hubschrauber zum Einsatz. Wie diese Woche, als ein Patient aus Oberbayern mit dem Hubschrauber nach Bamberg geflogen werden musste.
Ob Bamberg noch lange Patienten von weither aufnehmen kann, ist aber mehr als fraglich angesichts des dramatischen Anstiegs der Neuinfektionen in Stadt und Landkreis Bamberg. Dort kletterte der Warnwert am Donnerstag auf den Rekordstand von 433 neuen Fällen an einem Tag, und Michael Sackmann, ärztlicher Koordinator der Kliniken im Bereich Bamberg-Forchheim, hat wenig Tröstliches zu sagen.
Der erfahrene Mediziner sieht schwierige Zeiten auf die Region zukommen: „Ich gehe davon aus, dass wir Ende nächster Woche genauso weit sind wie die Krankenhäuser heute schon in Südbayern.“
Wenn der Kollaps droht
Tatsächlich ist, was sich südlich der Donau abspielt, wie ein Blick in die Zukunft für Bamberg. In südbayerischen Krankenhäusern, etwa in Passau, Traunstein, aber auch im Allgäu, haben die Covid-Zahlen bereits die kritische Linie überschritten, ab der Sackmann Land unter sieht.
Er spricht von einer „Dekompensation“ der medizinischen Leistungen. Wenn die Belegung der Intensivstation durch Covid-Patienten 40 Prozent übersteigt, dann sind Krankenhäuser aus seiner Sicht nicht mehr voll funktionstüchtig. „Dann sind wir mit unseren medizinischen Möglichkeiten am Ende.“
Derzeit, muss hinzugefügt werden, ist die Lage in Bamberg zum Glück „noch beherrschbar“. Echte Notfälle können noch immer sachgerecht versorgt werden. Georg Pistorius, der ärztliche Direktor, der Sozialstiftung, berichtet aber von reduzierten OP-Sälen und verschobenen planbaren Operationen. Problem sei nicht der Raum, sondern der Mangel an Personal: „Wir sind an dem Punkt, an dem wir Patienten absetzen müssen.“
Wie sehr sich die Dramatik in den letzten Tagen noch einmal verschärft hat, das zeigt ein Vergleich, den Susanne Paulmann vom Gesundheitsamt Bamberg zieht. So wurden in Stadt und Landkreis Bamberg in den letzten sieben Tagen fast 1400 neue Corona-Fälle gemeldet, 750 waren es in der Woche davor. Zum Vergleich: Vor einem Jahr, als in Bayern kurz zuvor der „Lockdown light“ verhängt worden war, lagen die Werte mit 269 Fällen noch Welten niedriger.
Nachverfolgung stark reduziert
Kontaktnachverfolgung nach dem vorgeschriebenem Muster ist angesichts solcher Zahlen Illusion. Um den freien Lauf der Pandemie dennoch so gut es geht einzudämmen, arbeitet das Gesundheitsamt den wachsenden Anfall an Neuinfektionen nur noch nach Altersgruppen ab. Das heißt: Persönlich kontaktiert werden nur noch die besonders gefährdeten Kontaktpersonen im Alter von über 60 Jahren. Wer zwischen 19 und 59 Jahren alt ist, erhält im Fall eines Covid-Kontaktes nur noch ein Standardschreiben.
Dabei fördert die Pandemie in gewisser Weise auch gute Nachrichten zu Tage. So haben die Mitarbeiter im Klinikum in den letzten Monaten offensichtlich einen sehr guten Job gemacht und das nicht nur, was die Masse der Patienten angeht: Es starben im Bamberger Krankenhaus vergleichsweise weniger Corona-Patienten an der Lungenkrankheit.
Sterblichkeit in Bamberg geringer
Auch darauf machte der Ärztliche Direktor Georg Pistorius aufmerksam. Er bezog sich bei seinem Vergleich auf Daten der „Initiative Qualitätsmedizin“ (IQM), die 427 Kliniken unter die Lupe genommen hat. Dabei zeigt sich ein auffälliger Unterschied bei der Mortalität. So lag die Sterblichkeit bei Covid-19-Nachweis im Vergleichszeitraum unter allen Kliniken bei 17,4 Prozent. Mit einer Sterblichkeit von 14 Prozent schnitt die Sozialstiftung deutlich besser ab.
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